Ärzte Zeitung, 24.06.2015

Äthiopien

Hoffnung für geburtsverletzte Frauen

Mehr als 40.000 junge Frauen mit Geburtsfisteln sind seit 1974 im Fistula Hospital in Addis Abeba erfolgreich operiert worden. Hilfe kommt auch aus Deutschland.

Von Pete Smith

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Unermüdlich im Einsatz: Ärztinnen und Ärztze im Fistula Hospital in Addis Abeba

© Fistula e.V.

ADDIS ABEBA. "In der Ambulanz haben wir 16 Frauen gesehen. Jede war komplett inkontinent, mindestens viermal an ihren Fisteln oder an ihrer Harnröhre operiert und mit denkbar schlechten Voraussetzungen für eine erfolgversprechende Operation zur Wiederherstellung ihrer Kontinenz. Es hat mich so traurig gemacht, vor so einem Elend zu stehen und zunächst einmal keine Antwort zu haben."

Was Dr. Renate Röntgen während ihres letzten Aufenthalts im Fistula Hospital der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba erlebte, ging ihr nah. Viele der Patientinnen haben ein Martyrium hinter sich, bevor sie zum ersten Mal kompetente Hilfe erhalten.

Bis vor Kurzem war Renate Röntgen noch als leitende Oberärztin der Urologischen Klinik des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld tätig. Um sich ehrenamtlich für soziale Projekte zu engagieren, trat sie im vergangenen Jahr in den Vorruhestand.

Im Auftrag des Vereins "Fistula - Hilfe für geburtsverletzte Frauen in Äthiopien" will sie nun zweimal pro Jahr für je zwei Monate im Fistula Hospital in Addis Abeba mitarbeiten.

Bisher 40.000 Operationen

Die auf die Behandlung von Blasen-Scheiden-Fisteln spezialisierte Klinik, wo Betroffene unentgeltlich Hilfe erhalten, ist 1974 von dem australischen Arzt-Ehepaar Drs. Catherine und Reginald Hamlin gegründet worden und finanziert sich heute ausschließlich aus Spenden.

 Ein Kooperationspartner ist der Verein Fistula aus Bruchsal bei Karlsruhe, der in vielfältiger Weise vom Unternehmen Astellas Pharma unterstützt wird.

Geleitet wird das Hospital noch immer von der inzwischen 91-jährigen Catherine Hamlin, die 2012 die Ehrenstaatsbürgerschaft von Äthiopien erhielt und im vergangenen Jahr für den Friedensnobelpreis nominiert war.

Bis heute sind im Fistula Hospital etwa 40.000 Geburtsfisteln erfolgreich operiert worden. Darüber hinaus bildet die weltweit anerkannte Klinik seit Jahrzehnten auch Ärzte, Krankenschwestern und Pflegehelferinnen in der Fistelbehandlung aus.

Viele kehren später zurück und engagieren sich ehrenamtlich im Fistula Hospital. Auch Renate Röntgens Kompetenz ist gefragt. Als sie beispielsweise bei einer Patientin eine Blasenvergrößerung vornahm, sorgte das unter Kollegen für Überraschung.

Gemeinsam mit dem Chefarzt des Fistula Hospitals, dem Gynäkologen Dr. Fekade Ayenachew, hat die ehemalige Oberärztin zudem einen Plan für die urologische Weiterbildung entwickelt.

Doch auch Rückschläge sind an der Tagesordnung. So musste Renate Röntgen einer Patientin mit vereiterter Niere trotz größter Anstrengungen das Organ entfernen, da eine Sepsis drohte.

Außerdem habe das Personal immer wieder mit Widrigkeiten zu kämpfen, klagt die Urologin. "Da fällt der Sauger aus, der Strom, der OP-Tisch lässt sich nicht verstellen, ein Wundhaken muss besorgt werden." Eine moderne OP-Ausstattung sei dringend nötig.

Bis zu zwei Millionen Betroffene

Nach Angaben der WHO leiden in Asien und in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara mehr als zwei Millionen junge Frauen an nicht behandelten Geburtsfisteln. Jedes Jahr kommen 50.000 bis 100.000 Patientinnen hinzu.

Hauptursache für die Entwicklung von vesikovaginalen Fisteln sind Geburtshindernisse bei fehlender medizinischer Versorgung.

In Äthiopien beispielsweise gebären neun von zehn Frauen ohne ärztliche Hilfe. Mädchen werden meist früh verheiratet und schon bald nach ihrer ersten Menstruation schwanger. Häufig ist ihr Geburtskanal zu eng, sodass sie tagelang Wehen haben.

Viele Kinder kommen tot auf die Welt, 30 bis 40 Prozent der Mütter sterben während einer solchen Geburt. Überleben sie doch, so sind ihre Verletzungen oft so schwer, dass eine bleibende Öffnung zwischen Blase und Scheide entsteht, die Geburtsfistel, wegen der die Frauen nicht selten den Rest ihres Lebens unter Schmerzen und Inkontinenz leiden.

Auch Vergewaltigung und Genitalverstümmelung können Fisteln verursachen. Frauen mit Geburtsfisteln werden oft vom Ehemann verstoßen und sind selbst bei den Eltern nicht willkommen. Vor allem der Gestank und die hygienischen Probleme machen das Zusammenleben mit anderen schwer, aber auch die soziale Ächtung.

Die Erkrankung gilt in vielen afrikanischen Kulturen als selbst verschuldet, sodass die Mädchen und Frauen am Ende auch noch ihre Selbstachtung verlieren und völlig isoliert in einer Hütte am Rande des elterlichen Anwesens leben.

Patienten werden versteckt

Das hat auch Renate Röntgen erfahren, als sie das Außenzentrum Mekelle des Fistula Hospitals besuchte. "Fistelpatientinnen werden regelrecht versteckt", erzählt die Ärztin. "Das Stigma wird als Strafe erlebt, die Scham ist groß, und das Problem wird von der Gemeinschaft vor der Öffentlichkeit verborgen."

In Desta Mender wiederum, dem "Ort der Freude", wo sich Fistelpatientinnen erholen können, war die deutsche Ärztin dabei, als 24 Hebammen verabschiedet wurden, die nach vierjähriger Ausbildung nun in den ländlichen Regionen eingesetzt werden. "Die Wertschätzung diesen Frauen gegenüber ist sehr groß."

Um die Zahl an Fistelpatientinnen zu verringern, plädiert die WHO an die Staatenlenker, mit Aufklärungskampagnen dazu beizutragen, dass das Geburtsalter der Frauen steigt, traditionelle Praktiken wie die Genitalverstümmelung zu ächten und die medizinische Versorgung der Mütter zu verbessern. Müttergesundheit ist das fünfte Millenniumsziel.

Etwa 90 Prozent der Geburtsfisteln können durch eine Operation geschlossen werden. Die nächste Entbindung müssen die Patientinnen dann per Kaiserschnitt vornehmen lassen.

"Viele kommen deshalb zurück ins Zentrum und werden auf einer speziellen Station untergebracht", so Renate Röntgen. "Auf diese Weise ist die geplante Sektio für Mutter und Kind sicher."

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.fistula.de

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