Ärzte Zeitung, 10.08.2015

Flug MH370: Gewissheit hilft bei Trauerarbeit

17 Monate nach dem mysteriösen Verschwinden des Flugs MH370 ist ein Wrackteil der Maschine gefunden worden. Für die Angehörigen bringt der Fund Gewissheit - und den Beginn intensiver Trauerarbeit.

Von Jana Kötter

Flug

Das gefundene Wrackteil bringt den Angehörigen der MH370-Opfer ein Stück Gewissheit: Es stammt von der verschwundenen Maschine, wie malaysische Behörden nun bestätigten.

© picture alliance / landov

NEU-ISENBURG. Der Verdacht hat sich bestätigt. Das Wrackteil, das auf der Insel La Réunion östlich von Afrika angeschwemmt worden war, stammt von Flug MH370.

Für die Angehörigen ist damit ein wichtiges Kapitel des Albtraums, der am 8. März vergangenen Jahres begann, beendet. Damals verschwand die Boeing 777 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking mit 239 Menschen an Bord spurlos.

"Viele der Angehörigen werden erst jetzt wirklich begreifen, dass ihre Lieben tot sind", sagt Hans J. Zimmermann, Theologe und Vorsitzender des Comitari Vereins, der Menschen in Zeiten der Trauer begleitet. "Mit der Gewissheit wird nun der Trauerprozess beginnen, der für gewöhnlich direkt nach dem Todesfall einsetzt."

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Um den Verlust eines geliebten Menschen zu verarbeiten, sei die Gewissheit unverzichtbar, erklärt der Trauerexperte im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

"Der Fall des verschwundenen Flugs MH370 stellt dabei einen Sonderfall dar. Denn bis ein Leichnam gefunden wurde oder der Tod zweifelsfrei geklärt wurde, verdrängen viele den eigentlich doch wahrscheinlichsten Fall", weiß Zimmermann. Auch Eltern von Entführungsopfern hielten so bis zum Schluss die Hoffnung am Leben.

"Das Unbekannte macht es schwierig, den Tod zu akzeptieren", sagt Zimmermann. Viele Angehörige hätten sich deshalb wohl bis zur Bestätigung, dass das gefundene Wrackteil zum vermissten Flugzeug gehörte, an eine fixe Idee festgeklammert: eine Entführung oder das Stranden auf einer einsamen Insel etwa.

"Das Wissen, wo und unter welchen Umständen ein Mensch ums Leben gekommen ist, spielt für die Hinterbliebenen eine große Rolle", sagt auch Petra Hohn, Vorsitzende des Bundesverbands Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister.

Andernfalls dominierten bei vielen Angehörigen Fantasien um den Tod, die ein Abschiednehmen unmöglich machen. "Wie ist er gestorben? Musste er leiden? Diese Fragen können zu Schlaflosigkeit, Depression, einem schweren Trauma führen", erklärt Hohn.

Noch viele Fragen offen

Bis die Angehörigen aber tatsächlich eine vollständige Rekonstruktion der Geschehnisse erhalten und ob sie je eine exakte Absturzstelle erfahren werden, ist noch unklar.

So ist etwa die Ursache für den plötzlichen Kurswechsel bis heute ein Rätsel. Auch weiß niemand, wo genau die Maschine abgestürzt ist. Das Suchgebiet ist 120.000 Quadratkilometer groß, so viel wie die neuen Bundesländer und Schleswig-Holstein zusammen.

Der Albtraum für die Angehörigen der Opfer von Flug MH370 ist damit keinesfalls vorbei, viele Kapitel sind noch ungeklärt. "Diese Raumlosigkeit beeinflusst den Trauerprozess immens", sagt Hohn.

Auch 17 Monate nach dem Verschwinden der Maschine und dem ersten Schock in den Familien sei eine angemessene Betreuung daher unverzichtbar.

"Es reicht nicht aus, dass uns Malaysia Airlines pro Monat lediglich zwei Treffen anbietet", kritisiert auch Jiang Hui, dessen Mutter an Bord war.

Annahme der Todesrealität ist wichtig

Zudem fordern die Angehörigen Zugang zu den Überwachungsvideos des Flughafens, um mit eigenen Augen sehen zu können, wer an Bord der Maschine gegangen war. "Dieses Material wurde uns bislang vorenthalten", sagt Jiang Hui.

Dabei könne es für die Verarbeitung der Trauer eine große Rolle spiele, sagt Hohn: "Wenn die Hinterbliebenen sehen, dass ihre Verwandten wirklich an Bord waren, dann können sie nicht mehr leugnen. Die Annahme der Todesrealität ist ein sehr wichtiger erster Schritt, um sich der Trauerarbeit zu stellen."

Im Arzt-Patienten-Kontakt stellt die akute Trauer eine enorme Herausforderung dar, weiß Hohn. "Betroffene befinden sich beim Erstkontakt mit dem Arzt noch im Schockzustand. Sie sind verwirrt, in ihrem Denken und Handeln extrem eingeschränkt", erklärt sie im Interview mit der "Ärzte Zeitung".

"Für den Arzt ist das eine Herausforderung, denn er muss sich gerade für diese Patienten Zeit nehmen, was im Praxisalltag nicht immer einfach ist." Selbsthilfegruppen könnten da eine sinnvolle Ergänzung bieten. (mit Informationen von dpa)

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