Ärzte Zeitung online, 15.10.2015

Teilnahme an Studien

Dank gibt es nur selten

"So kostbar wie eine Organspende ist die Teilnahme eines Patienten an einer klinischen Studie", betont der Radiologe Professor Werner Golder. Die Meinung mag übertrieben sein, doch wird Patienten selten Respekt und Dank für ihre Leistung gezollt.

Ein Leitartikel von Thomas Meißner

Dank gibt es nur selten

Pflicht-Aufklärung eines Studienteilnehmers: Das Engagement bleibt womöglich nicht frei von Schadwirkungen.

© Raths / fotolia.com

Sich zu bedanken ist eine Frage der Höflichkeit, des Respekts und der Anerkennung für Geleistetes. Allein in Deutschland dürften Jahr für Jahr tausende Patienten Bedeutendes leisten für die medizinische Wissenschaft und für kommende Generationen.

"Danke!" - Das zu sagen oder zu schreiben, scheint Studienleitern in Deutschland und anderswo schwerzufallen. Das jedenfalls meint der Radiologe Professor Werner Golder, der jahrelang an Universitätskliniken in München und Berlin gearbeitet und selbst national und international publiziert hat.

Die Opferbereitschaft kranker Menschen, die sich bereit erklären, trotz ihrer eh' schon großen Belastungen an einer klinischen Studie teilzunehmen, werde kaum anerkannt, kritisiert Golder in der "Zeitschrift für Rheumatologie" (2015; 74: 456). Ein Opfer, das "so kostbar wie eine Organspende" sei.

Würden im Nachwort Sponsoren oder Hilfskräften feste Plätze für Dankesworte zugebilligt, fehle es an der Wertschätzung für die Patienten. Ein unbedingt lesenswerter Text, der in ähnlicher Form bereits vor zwei Jahren im "Deutschen Ärzteblatt" erschienen war: pointiert, nicht frei von Pathos, vielleicht etwas einseitig.

Aber bei den erfahrenen Gutachtern der Zeitschrift, das betont Schriftleiter Professor Ulf Müller-Ladner von der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim, sei der Meinungsartikel gut angekommen.

"Schon das Rekrutierungsverfahren ist verletzend"

Natürlich geht es um mehr als um Höflichkeitsfloskeln. Es geht um Achtsamkeit im Umgang mit kranken Menschen, die im Alltagsstress, in einer auf ökonomische und Zeiteffizienz ausgerichteten Medizin allzu schnell verloren geht. Wer mit Beschwerden zum Arzt geht - womöglich bereits zum zweiten oder fünften - erwartet nicht unbedingt, dass ihm vorgeschlagen wird, an einer klinischen Studie teilzunehmen.

"Schon das Rekrutierungsverfahren ist verletzend", meint Golder, weil nun Mängel der bisher üblichen diagnostischen und therapeutischen Verfahren deutlich würden. Dem angesprochenen Patienten werde klar, dass er nun der Wissenschaft "nutzbar" gemacht werde.

Und die Lektüre der Aufklärungsunterlagen darf der Studienteilnehmer entnehmen, dass sein Engagement womöglich nicht frei von Schadwirkungen bleibt.

An- und Abfahrten zum Studienzentrum, das Warten im Wartezimmer, die Gespräche, die Tests, die Bürokratie, Telefongespräche, lange Fragebögen, Kontrolltermine und gerade in Placebo-kontrollierten Studien die Ungewissheit: "In welchem Studienarm bin ich gelandet?" - all das sind, je nach Krankheit und Studie, erhebliche körperliche und psychische Belastungen.

Belastungen, die nicht zwangsläufig durch die Vorteile der intensiven Betreuung und durch einen individuellen Nutzen kompensiert werden. Damit nicht genug: Ein- und Ausschlusskriterien verbieten es unter Umständen, bestimmte optionale Therapiemaßnahmen, die beschwerdelindernd sein könnten, in Anspruch zu nehmen. Dies, so Golder, "wird zur Zerreißprobe, wenn es dem Patienten unter der Studienbehandlung nicht gut geht."

Wenn wir in der "Ärzte Zeitung" über Ergebnisse aus Placebo-Gruppen berichten, über Morbiditäts- und, besonders in der Onkologie, über Mortalitätsraten, heißt das nichts anderes, als dass viele Menschen in diesen Studien bewusst das Risiko auf sich genommen haben, von einer potenziell nutzbringenden neuen Behandlungsmethode NICHT zu profitieren.

Unter Umständen bezahlen sie dies mit Lebensqualität, ja mit Lebenszeit. Patienten in der Verumgruppe profitieren womöglich auf der einen Seite, haben dafür aber andererseits Nebenwirkungen, die sie womöglich ohne Studienteilnahme nicht gehabt hätten. Gerade wenn es sich nicht um eine unmittelbar lebensbedrohliche Krankheit handelt und bereits viele therapeutische Optionen bestehen, kann die Teilnahme an einer klinischen Studie für die Patienten eine Zumutung sein.

Es geht um die gute Kommunikation

Gleichwohl sind klinische Studien, solange sie sorgfältig geplant sind, unverzichtbar. "Studienpatienten erklären sich mit ihrem Ja gewissermaßen zu Dienstleistern für das Ergehen anonymer Nachfolger in der gleichen gemeinsamen Krankheit", meint Golder. "Sie stellen ihr beschädigtes Leben für einen Versuch zur Verfügung."

Man mag es übertrieben finden, dies mit einer Organspende zu vergleichen, wie es Golder tut. Tatsächlich aber geht es um Respekt und Dank für die Leistung des Patienten in einer oft schwierigen Lebenssituation.

Und es geht um die gute Kommunikation zwischen dem Patienten sowie Arzt und Studienassistenten: Gerade für die Beratung, für ermutigende oder tröstende Worte erfahren sie oft mehr Dank der Patienten als für die komplexen Entscheidungen, die unter Umständen zu treffen waren. Haben Patienten an einer Studie teilgenommen, ist das die Möglichkeit ebenfalls einmal Danke zu sagen - im Namen folgender Patientengenerationen und im Namen jener, die ökonomischen Nutzen aus klinischen Studien ziehen.

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