Ärzte Zeitung online, 22.10.2015

Sechs Monate nach dem Beben

Nepal krankt noch immer

Ein halbes Jahr ist seit dem verheerenden Erdbeben in Nepal vergangen. Tausende Menschen leben noch in Zelten oder in windschiefen Hütten. Viele haben mit gesundheitlichen Folgen zu kämpfen - und die medizinische Situation könnte sich noch weiter verschärfen.

Nepal krankt noch immer

Verzweiflung nach dem starken Erdbeben im April. Von den Folgen hat sich Nepal auch ein halbes Jahr später nicht erholt.

© EPA/NARENDRA SHRESTHA

KATHMANDU. Winterliche Kälte kriecht jetzt langsam von den mehr als 8000 Meter hohen Himalaya-Bergen in die Täler Nepals. Sie schleicht sich in die Hütten und Häuser - oder was davon übrig blieb.

Das Erdbeben der Stärke 7,8 im April ließ mehr als 600.000 Gebäude in Sekundenschnelle in sich zusammenfallen oder machte so enorme Risse in die Mauern, dass niemand mehr darin wohnen kann.

Ein halbes Jahr nach dem gewaltigen Beben, das rund 9000 Menschen in den Tod riss, schlafen noch immer Tausende Menschen in Provisorien. Sie drängen sich unter Zeltplanen und teilen sich dabei die wenigen Decken, die Hilfsorganisationen ausgeteilt haben.

Ein Tisch als Wand

Andere haben sich aus den Überresten ihrer Häuser windschiefe Hütten gebaut: Ein ehemaliger Tisch dient als Wand, ein Gartenzaun als Dachstütze.

In Thali am Rande der Hauptstadt Kathmandu leben auf einer Wiese vor dem örtlichen College etwa 270 Menschen, manche unter ausgebleichten lila Stoffzelten und blauen Plastikplanen, andere in ausrangierten Lastwagen.

"In den Zelten ist es sehr kalt, ich zittere nachts und bekomme Rückenschmerzen", sagt die 40-jährige Tashi Angda Shirpa. Alle Bewohner kommen aus Tatopani im Distrikt Sindhupalchok, in dem die meisten Toten zu beklagen waren.

"Als das Erdbeben begann, versteckten wir uns unterm Bett, denn wir dachten, da sei es sicher", erzählt Ritu Poudel, die mit ihren beiden kleinen Kindern im Camp in Thali lebt.

Die Erde hörte nicht auf zu wackeln

"Aber die Erde hörte nicht auf zu wackeln, und Felsen kamen den Hang heruntergerollt, da sind wir über den Fluss Bhotekoshi gerannt." Ständig habe es Nachbeben und zahlreiche Erdrutsche gegeben. "So fuhren wir nach einigen Wochen mit dem Bus nach Kathmandu", sagt sie.

Das Leben im Camp ist beschwerlich. Ab und zu kommt jemand mit etwas Nahrung, Decken oder Wasser vorbei, oft aber kommt auch niemand. Dann müssen die Frauen einen halben Kilometer bis zur nächsten Wasserstelle laufen.

Für die Benutzung der öffentlichen Toilette bezahlen sie 10 Nepalesische Rupien (8 Cent) am Tag. "Viele unserer Kinder sind immer wieder krank, sie haben Fieber und Husten", sagt Poudel. Sie habe kaum Kleidungsstücke aus ihrem Haus retten können.

Ihre Nachbarin Aiti Tamang will etwas Reis für das Mittagessen kochen und entfacht ein kleines Feuer unter einem Erdofen. Der beißende Rauch zieht in das Zelt, in dem ihre Tochter versucht, für die Schule zu lernen.

Die Familie hat einen Gasherd, doch es gibt kaum noch Kochgas in Kathmandu, seit die Straßen nach Indien wegen politischer Proteste blockiert sind. Auf Tamangs T-Shirt steht "always smile", lächle stets, doch sie sagt: "Wir haben keinen Grund zum Lächeln."

Niemand weiß, wie es weitergeht

Niemand in dem Camp scheint zu wissen, wie es weitergehen soll. Wie lange sie noch die Pacht für das Stück Land zahlen können, auf dem sie stehen. "Wir können nicht bleiben, es wird zu kalt. Aber wir wissen auch nicht, wohin wir gehen können", sagt Tamang.

Der 81-jährige Subu Tamang, der entfernt mit ihr verwandt ist, stimmt zu: "Unsere Häuser sind alle zerstört, wie können wir dort leben? Wir müssen hier ausharren und sehen, was passiert."

Doch die provisorischen Zeltstädte schließen nach und nach; gerade wurde das Bodie Camp mit mehr als 1000 Bewohnern aufgegeben. "Wir hatten kein Wasser mehr. Da durch die Grenzblockade kein Benzin durchkommt, konnten die Lastwagen nicht fahren", sagt der einstige Camp-Manager Madan Pokharel.

Die Menschen hätten aus dem nächsten Bach getrunken und seien krank geworden. "Wir entschlossen uns für die Schließung, da die Situation sonst nur schlimmer geworden wäre." Außerdem, fügt Pokharel hinzu, müssten die Erdbeben-Opfer jetzt wieder lernen, auf eigenen Füßen zu stehen.

Camp in einem ehemaligen Hühnerstall

"Viele der Camp-Bewohner wollen nicht mehr beim Abreißen und Neubau der Häuser in der Stadt helfen. Oft nämlich arbeiteten sie mehrere Tage und wurden dann vom Auftraggeber einfach nicht ausgezahlt." Da die Flüchtlinge nicht gut vernetzt oder einflussreich seien, hätten sie sich kaum an die Polizei gewandt.

Diese Erfahrung hat auch die junge Helferin Deuti Shrestha gemacht, die ein Camp mit 245 Menschen in einem ehemaligen Hühnerstall managt.

"Die Prozedur bei der Polizei dauert sehr lange und kostet viel Geld - Geld, das die Menschen in den Camps nicht haben", sagt sie. Einige junge Frauen aus dem Lager hätten sich Menschenschmugglern anvertraut.

Zwei von ihnen seien im Irak gelandet. "Dort gibt es so viele Bomben. Sie sind weggerannt, um ein besseres Leben zu finden, aber dort ist es doch auch nicht sicher", sagt sie sichtlich bewegt.

In den verwinkelten Gassen und staubigen Straßen Kathmandus drängen sich derzeit die Menschen, um wie jedes Jahr für die religiösen Festivals einzukaufen.

Doch auf den zweiten Blick werden auch in der Hauptstadt die Veränderungen sichtbar: Viele Hochhäuser etwa stehen leer, da die Menschen fürchten, sie schafften es bei einem erneuten Beben nicht schnell genug auf die Straße. Gehwege sind gesperrt, weil die angrenzenden Mauern einsturzgefährdet sind.

Doch anders als in den abgelegenen Bergregionen geht der Wiederaufbau in Kathmandu voran. Ganze Straßenzüge sind gesäumt von Stein- und Sandhaufen, die zum Mauerbau gebraucht werden.

Finanziert wird das meist von den Besitzern selbst, denn nur wenige Menschen bekamen die 15 000 Rupien (127 Euro), die die Regierung aushändigte. "Außerdem reicht dieses Geld noch nicht einmal für den Transport der Materialien", sagt Temba Tsheri Sherpa, dessen Haus in der Everest-Region einstürzte.

Das Parlament sei in den vergangenen Monaten vor allem mit der Ausarbeitung einer neuen Verfassung beschäftigt gewesen, sagt der Politikwissenschaftler Bhaskar Gautam. Dies war nach dem Ende des Bürgerkriegs 2006 nötig geworden, und hatte sich schon neun Jahre hingezogen.

"Die Chefs der verschiedenen Komitees für den Wiederaufbau wollten keine Macht an ein Team abgeben - doch kümmerten sie sich selbst nur um die Verfassung", sagt Gautam.

Schon in normalen Jahren schaffen es Nepals Ministerien wegen Planungsschwierigkeiten nicht, ihr Budget auszugeben. Deswegen wurde eine eigene, besonders schnell arbeitende Wiederaufbaubehörde geschaffen. Beziehungsweise: sollte geschaffen werden.

"Die Gesetzesvorlage wurde übersehen", sagt Swarnim Waglé, Mitglied der Nationalen Planungskommission, zu der die neue Behörde gehören sollte. Waglé hat nun keine Lust mehr. Zusammen mit allen anderen Mitgliedern der Planungsbehörde reichte er seinen Rücktritt ein.

Vom Geld haben die Menschen nichts gesehen

Fast vier Milliarden Euro hatte die internationale Gemeinschaft Nepal nach dem Beben auf einer Geberkonferenz versprochen. Bislang haben die Menschen davon nichts gesehen.

"Man kann nicht einmal sagen, dass der staatliche Wiederaufbau hinter dem Plan liegt. Er hat noch nicht einmal begonnen", sagt Mohna Ansari von Nepals nationaler Menschenrechtskommission. Dabei gehört Nepal zu den 20 ärmsten Ländern der Welt, und hat Unterstützung dringend nötig.

Dankbar nehmen die Menschen die Hilfe an, die von internationalen Organisationen kommt. Im Dorf Lamosanghu in Sindhupalchok, 80 Kilometer östlich von Kathmandu, haben die Malteser ein Gesundheitszentrum mit Apotheke errichtet.

"In den sechs Dörfern hier wurden die meisten Häuser zerstört", sagt Koordinatorin Wannee Kunchornratana. Auf vielen der Schuttberge in den Dörfern wächst schon Gras oder wilder Buchweizen. Einige Bewohner sind weggezogen - ihre Häuser werden wohl nie wieder aufgebaut werden.

Prekäre Gesundheitslage

Der 83 Jahre alte Dambar Bahadru Paraguli lebt ganz allein in einem Zelt, direkt oberhalb des Gesundheitszentrums. Er will den Arzt wegen seines Hustens sehen. "Zuvor war ich bei einem Medizinmann. Ich musste ein Hühnchen und Eier für ihn kaufen, damit er die Rituale vollzieht. Das war teuer", sagt er.

Doch geholfen habe es nichts. "Bei den Maltesern ist alles kostenlos", freut sich der Alte.

Direkt nach dem Erdbeben seien viele Menschen wegen Knochenbrüchen oder Muskelschmerzen gekommen, erzählt der Krankenhelfer Ram Hari Budathoki. Jetzt seien es Asthma und andere Atemwegserkrankungen, Durchfall, Fieber, infizierte Wunden und Schnitte.

"Eigentlich war das Zentrum nur als Notfallhilfe gedacht", sagt Koordinatorin Kunchornratana. "Wir wollen Ende des Jahres schließen. Dann gibt es für die 35.000 Menschen hier kein Gesundheitszentrum mehr." (dpa)

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