Ärzte Zeitung, 27.10.2015

Schienenunglücke

Wenn der Traumberuf zum Trauma führt

Kommt es zum Schienenunglück, bedeutet das eine große psychologische Belastung für Einsatzkräfte und Lokführer. Eine auf Traumata spezialisierte Klinik hilft Betroffenen.

Von Jana Kötter und Bernhard Sprengel

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Lokführer Patrick Karcher im ICE: Dass ein Mensch die Gleise betritt, ist für ihn das schlimmste Szenario.

© Deutsche Bahn AG

HAMBURG/BERNAU. "Person unter Zug" - hören Einsatzkräfte diese Worte, so wissen sie, dass die folgenden Stunden keine einfachen werden. Oberbrandmeisterin Maike Schier musste diese Erfahrung jüngst machen. Als Mitglied eines Einsatztrupps der Hamburger Feuerwehr ist die 38-Jährige ausgerückt, als eine Mutter ihren elfjährigen Sohn vor einen einfahrenden Zug gestoßen hatte.

Als Schier mit ihren Kollegen im U-Bahnhof Hoheluftbrücke eintraf, lag der Junge unter einem Zug eingeklemmt. Weil sie nur 1,60 Meter groß ist, schickte der Einsatzzugführer sie unter den Waggon. Sie kroch unter die Bahn zu dem lebensgefährlich verletzten Kind. Mit zwölf Jahren Berufserfahrung wusste sie sofort, worum es geht. "Dann war das Ding wirklich nur: versuchen abzulenken und selbst nicht viel Gefühl zeigen."

Nähe aufbauen, Hand halten

Was passiert war, wusste sie in dem Moment bereits: Der Junge war von seiner Mutter vor den einfahrenden Zug gestoßen und überrollt worden. Die 31-Jährige ist vermutlich psychisch krank. Der Junge, dem die Bahn einen Fuß abgefahren hatte, habe komplett unter Schock gestanden.

"Ich habe versucht, Nähe aufzubauen, die Hand die ganze Zeit zu halten." Sie habe nicht nur reden, sondern auch körperlichen Kontakt aufbauen wollen. Doch worüber unterhält man sich mit einem Kind, das lebensgefährlich verletzt ist?

Für Schier bedeutete der Einsatz eine absolute Ausnahmesituation - einerseits, weil solch ein tragisches Unglück nicht alltäglich ist und ihr psychische Stärke abverlangt hat, andererseits, weil auch sie plötzlich unter einer U-Bahn lag.

"Ja, das ist schon mulmig. Ich habe keine Angst gehabt, aber schon Respekt, eine tonnenschwere Bahn über einem." Schließlich wurde der Waggon von ihren Kollegen weggeschoben. Schier half, den Jungen auf die Trage zu legen und zum Rettungswagen zu bringen.

Doch nicht nur für die Einsatzkräfte, die zu solch einem Unglück gerufen werden, bedeutet solch ein Erlebnis eine große psychologische Belastung. Insbesondere für die beteiligten Lokomotivführer bedeutet das - beabsichtigte oder unbeabsichtigte - Betreten der Gleise durch Menschen eine große seelische Belastung.

Um ihnen dabei zu helfen, dieses oft traumatisierende Ereignis zu verarbeiten und die Rückkehr in den Beruf zu erleichtern, bietet die Klinik Medical Park Chiemseeblick spezielle Therapien bei Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) an. Dazu gehören auch begleitete Übungen in den Zügen und an den Gleisen.

Die Deutsche Bahn und die auf Trauma-Folge-Störungen spezialisierte Klinik haben jüngst eine entsprechende Kooperation vereinbart, um PTBS-Diagnostik anzubieten und in besonders schwierigen Fällen Lokführern aus dem ganzen Bundesgebiet zu helfen.

Bei zehn Prozent folgt die PTBS

Laut Deutsche Bahn AG tritt bei rund zehn Prozent der betroffenen Lokführer eine PTBS auf - der Großteil hingegen könne das Geschehene jedoch dank einer sofortigen Hilfestellung durch Psychotherapeuten gut verarbeiten. "Jeder Lokführer geht unterschiedlich mit dieser extremen Belastung um", erklärt Professor Michael Kellner, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik Medical Park Chiemsee.

"Manche Lokführer erinnern sich im Alltag an den Vorfall und empfinden dies als sehr belastend. Andere vermeiden die Orte, Personen oder Gefühle, die mit dem Suizid in Verbindung stehen. Und einige wenige haben Schlaf- und Konzentrationsstörungen oder entwickeln eine begleitende Depression."

Bei einem geringen Teil der Patienten mit PTBS sei eine stationäre Behandlung in Form einer speziellen Therapie in der Klinik Medical Park Chiemseeblick nötig, teilten Klinik und Deutsche Bahn zur Schaffung des Angebots jüngst mit. Während einer mehrtägigen Diagnostikphase werden zunächst die individuellen Symptome charakterisiert.

Ein wichtiger Bestandteil der Therapie ist dann die Rückkehr an den Arbeitsplatz. "Ganz wichtig ist, dass wir den Patienten wieder an seinen Arbeitsplatz heranführen", sagt Kellner. "Das bedeutet beispielsweise, dass Therapeuten mit den Lokführern die Bahnhöfe besuchen und sich den Gleisanlagen nähern.

Außerdem wird der Traumatisierte bei Fahrten im Zug begleitet und schließlich in den Führerstand gebracht." Die von psychotherapeutischen Fachleuten sorgfältig vorbereitete Konfrontation mit posttraumatischen Symptomen genau in dem Berufsumfeld, in dem es zur Traumatisierung kam, sei ausschlaggebend für den Erfolg der Therapie, so Kellner.

Auch Schier hat den jüngsten Einsatz in Hamburg gut verarbeitet. Sie half den Kollegen im Anschluss an den Einsatz noch, die U-Bahnstation zu säubern. Denn für sie ist es auch der Austausch mit den anderen Einsatzkräften, der hilft: "Dadurch, dass die Kollegen da sind, mit denen man noch darüber redet, und dann doch mal wieder ein bisschen rumflachst, kommt man schon relativ schnell wieder runter." (mit Material von dpa)

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