Ärzte Zeitung, 29.10.2015

Kenia

Die vergessene Flüchtlingskrise

Die Lage der Flüchtlinge auf der Balkanroute wird immer dramatischer. Aber: Auch in anderen Teilen der Welt fliehen Menschen vor Krieg und Gewalt - etwa in Afrika. Der 15-jährige Tuacj ist einer von ihnen.

NEU-ISENBURG. Flüchtlinge, die vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat Syrien fliehen. Flüchtlinge, die in Schlauchbooten über das Mittelmeer kommen. Flüchtlinge, die vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales auf ihre Registrierung warten.

Die Bilder der Flüchtlingsströme, die seit Monaten in Europa ankommen, sind in Deutschland präsent, die europäische Flüchtlingskrise bewegt Tag für Tag Gesellschaft und Politik.

Auch der 15-jährige Tuacj ist Flüchtling - jedoch nicht in Europa, sondern in Afrika. Tuacj kommt aus Dschuba im Südsudan. Dort droht laut den Vereinten Nationen eine Hungerkatastrophe.

Knapp vier Millionen Menschen bekommen nicht genug zu essen, mindestens 30.000 Menschen leben unter extremen Bedingungen und sind akut vom Hungertod bedroht, heißt es in einer jüngst veröffentlichten gemeinsamen Erklärung der Welternährungsorganisation FAO, des Welternährungsprogramms WFP sowie des Kinderhilfswerks Unicef.

Eine Geschichte von vielen

Doch nicht nur der Hunger, auch die Gewalt ist präsent im Alltag. Vor anderthalb Jahren umstellten Soldaten Tuacj‘ Schule, sperrten ihn und seine Mitschüler ein. Ihm gelang es zu entkommen.

Er rannte zurück zu seinem Elternhaus, doch das stand in Flammen. Seine Eltern und seine sieben Geschwister hat er seit diesem Tag nicht wieder gesehen.

Tuacj‘ Geschichte ist eine, die in Deutschland zurzeit viele Flüchtlinge erzählen können. Doch der 15-Jährige befindet sich nicht in einem der vielen Aufnahmelager, die derzeit überall im Land entstehen.

Er hat Schutz in dem Flüchtlingscamp Kakuma im Norden Kenias gefunden, welches rund 180.000 Flüchtlingen aus zwanzig Nationen Zuflucht bietet. Über sie liest man in deutschen Medien nur wenig.

Aufmerksamkeit für Afrika

Die Organisation "Gemeinsam für Afrika" will genau darauf aufmerksam machen. Im September hat deshalb ein Team das Flüchtlingslager Kakuma besucht, um sich ein Bild von der Situation zu machen.

"Der Anteil der Kinder, die wie Tuacj ganz alleine dort ankommen, ist erschreckend hoch", berichtete Ulla Rüskamp von der Organisation im Anschluss. "2800 waren es im letzten Jahr - die jüngsten erst sechs Jahre alt."

Wie auch Tuacj sind viele von ihnen in sogenannten "Child Hooded Households", also von Kindern selbst geführten Haushalten, untergebracht. Er wohnt mit drei anderen Jungen zusammen, der jüngste von ihnen ist sechs Jahre alt. Auch er kam alleine in Kakuma an.

Viele der Kinder und Jugendlichen besuchen eine der rund 40 Grundschulen im Camp. Manche haben das Glück, auf die wenigen weiterführenden Schulen gehen zu können und andere, wie Tuacj, absolvieren eine Ausbildung in einem handwerklichen Beruf.

Doch die Bedingungen sind schwierig: In den Grundschulen unterrichtet ein Lehrer oft 120 Schüler, die Räume sind so überfüllt, dass zwischen Schulbänken und Tafel fast kein Platz für den Lehrer ist, Schulmaterialien sind Mangelware

Überall fehlt es an Geld

"Die Infrastruktur des Camps ist unzureichend, es fehlt an finanziellen Mitteln", konstatiert Rüskamp. "Aufgrund des wachsenden Zustroms von weiteren Flüchtlingen aus dem Südsudan werden die Nahrungsmittel knapp." Die Rationen wurden 2014 bereits um 30 Prozent gekürzt."

Rüskamp mahnt, angesichts der großen Hilfsbereitschaft, die aktuell in Deutschland herrscht, die Flüchtlingskrisen in anderen Teilen der Welt nicht aus den Augen zu verlieren. 60 Millionen Menschen befinden sich nach Angaben von "Gemeinsam für Afrika" weltweit auf der Flucht.

Fast 90 Prozent finden Schutz im eigenen Land oder in Nachbarstaaten. Nur die wenigsten entscheiden sich dazu, ihre Herkunftsregionen zu verlassen und Hilfe in Europa zu suchen.

Auch Tuacj möchte nicht nach Europa. "Ich möchte hier in Kenia Geld verdienen, damit ich meine Eltern und meine sieben Geschwister suchen kann. Ich wünsche mir, dass wir alle wieder zusammen in meine Heimat zurückkehren können."

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