Ärzte Zeitung, 19.11.2015

Terror

Nach den Anschlägen regiert die Angst

Die Terroranschläge von Paris greifen tief ins öffentliche Leben ein - in Frankreich, aber auch in Deutschland. Der Alltag in diesen Tagen ist vielerorts geprägt von Unsicherheit und Sorge.

Von Jana Kötter

NEU-ISENBURG. Mindestens 129 Tote aus 17 Nationen, Festnahmen bei dutzenden Anti-Terror-Einsätzen, extreme Polizeipräsenz: Die unmittelbaren Folgen der Anschläge von Paris sind nicht auszublenden. Die indirekte Wirkung des Terrors jedoch versteckt sich in den Köpfen vieler Menschen.

Schrecken, Unsicherheit und Angst haben sich in Frankreich, nach der Absage des Fußball-Länderspiels in Hannover aber auch hier in Deutschland, breitgemacht. Die Unkalkulierbarkeit der Pariser Anschläge hat das Sicherheitsgefühl vieler Menschen auf den Kopf gestellt, die Angst vor einem weiteren Anschlag ist groß.

"Diese Angst ist zunächst einmal eine normale Reaktion auf ein solch ungewöhnliches Ereignis", erklärt Dr. Jens Hoffmann, Diplom-Psychologe und Geschäftsführer des "Teams Psychologie & Sicherheit", einem Verbund von Kriminal- und ehemaligen Polizeipsychologen.

Bisher hätten viele das Gefühl gehabt, der Terror richte sich gegen eine spezielle Gruppierung von Menschen - Politiker etwa oder Satiriker, wie zuletzt bei den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" im Januar.

"Dieses Gefühl ist jedoch erschüttert, da die jüngsten Anschläge Menschen getötet haben, die ihrem normalen Freizeitleben nachgegangen sind. Die Illusion, dass uns so etwas nicht passieren kann, ist damit zerstört."

Pendler meiden die Bahn

In Hannover tritt diese Desillusionierung kurz nach der Absage des Länderspiels am Dienstagabend deutlich zu Tage: "Normalerweise würden Sie jetzt dreimal so viele Pendler sehen, da wäre hier alles rappelvoll", sagte ein Bahnmitarbeiter an Hannovers Hauptbahnhof am Mittwochmorgen.

Nach der Terrorwarnung ging die Angst um an einem der wichtigsten Bahn-Verkehrsknotenpunkte in Deutschland. Morgens schauten viele Pendler mit gemischten Gefühlen auf schwer bewaffnete Polizisten, die in den Bahnhofshallen patrouillierten.

Sarah Dreiwes aus Hannovers Südstadt meint, dass nach den jüngsten Meldungen über mögliche weitere Anschläge viele lieber auf das eigene Auto als die öffentlichen Verkehrsmittel zurückgreifen.

Auch für die 29-Jährige, die täglich mit dem Regionalzug zu ihrer Arbeitsstätte fährt, verändert sich ihr Verhalten. "Durch die eingetretene Verunsicherung handle ich plötzlich bewusster", sagt sie. Einen Varieté-Besuch mit ihrer Mutter am kommenden Montag überlegt sie sich jetzt zweimal.

"Das Misstrauen ist plötzlich da"

"Ich habe Angst", gibt die Ghanaerin Hotau Afia unumwunden zu. "Ich habe auf BBC gehört, was passiert ist; das Misstrauen ist plötzlich da", sagt die 45-Jährige, die nach eigenen Angaben nun aufmerksamer als sonst ihr Umfeld beobachtet.

"Es ist traurig, aber man fühlt sich plötzlich schutzlos", gibt ein anderer Bahnfahrer zu, der selbst als langjähriger, treuer Fan des Bundesligisten Hannover 96 künftig erstmals bei Stadionbesuchen pausieren will.

"Es ist jetzt halt nichts mehr normal", bringt es Pendlerin Christina Egger auf den Punkt. Die medizinisch-technische Assistentin nimmt die starke Polizeipräsenz im Hauptbahnhof jedoch als "beruhigend" wahr.

"Die ist auch durchaus angemessen", meint der Bremer Horst Möller. Ihn plagen allerdings Zweifel: "Ich habe mich schon gewundert, dass der Bundesinnenminister keine konkreten Angaben zu den Hinweisen für die Gefährdungslage genannt hat", sagt der 64-Jährige.

Er vermutet: "Ich habe mitunter das Gefühl, dass aus politischen Gründen bewusst Verunsicherung geschaffen wird."

Psychologe Hoffmann, der 2002 von EUROPOL in die Experten-Datenbank für europäische Polizeikräfte aufgenommen wurde, beruhigt: Oftmals könnte Konkretes aus ermittlungstaktischen Gründen nicht publik gemacht werden.

Darüber hinaus betont er die Bedeutung einer sachlichen, aufklärenden Kommunikation der Politik: "Wird rational erklärt, dass ein Event wegen konkreten Hinweisen abgesagt werden muss, so kann das auch Vertrauen schaffen.

Die Bürger sehen, dass sich um ihre Sicherheit gekümmert wird." Das könne helfen, die Angst zu überwinden. (mit Material von dpa)

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