Ärzte Zeitung, 26.12.2015

China

Hoffnung auf Leben für Waisenkinder

Verstoßen und ausgesetzt: Weil sich Eltern in China die Versorgung ihrer schwer kranken Kinder wegen einer fehlenden Krankenversicherung oft nicht leisten können, landen Jahr für Jahr Tausende von ihnen in staatlichen Waisenheimen. Doch die sind mit der medizinischen Versorgung überfordert. Ein deutscher Verein hilft.

Von Jana Kötter

Hoffnung auf Leben für Waisenkinder

"Ayis", chinesische Kindermädchen, betreuen die zum Teil schwer kranken Kinder bei "New Day Creations" rund um die Uhr.

© Jana Kötter

PEKING. Es gibt einen Tag, der Jana Schmidt vermutlich immer im Gedächtnis bleiben wird. Damals, vor etwas mehr als vier Jahren, ging ein Unfall durch die chinesischen Medien: Ein Kind wurde von zwei Autos überfahren, und die Passanten haben nichts unternommen.

"Es war ein Sinnbild, wie wenig ein Kinderleben in China wert sein kann", sagt Jana Schmidt - noch heute empört. Sie war damals Mutter eines Kleinkindes und zum zweiten Mal schwanger. "Diese Geschichte hat mich in meiner damaligen persönlichen Situation sehr mitgenommen."

Jana Schmidt hat begonnen zu recherchieren, nach den Hintergründen für solche Medienberichte gesucht. "Dabei habe ich auch gelesen, dass Kinder ausgesetzt werden, weil sich Eltern ohne Krankenversicherung eine Behandlung nicht leisten können."

Es ist ein Problem, das in China seit langem besteht. Kinder mit Behinderungen galten hier lange als Schmach; in den oft von Aberglaube dominierten Provinzen galten sie als Strafe für Fehltritte im vergangenen Leben.

Die Jahrzehnte lang aufrecht erhaltene Ein-Kind-Politik und die Tatsache, dass vor allem Familien in ländlichen Gebieten auf die Arbeitskraft des Nachwuchses angewiesen sind - auch zur Altersabsicherung -, haben das Problem verschärft.

Überlastung der Kinderheime

Seit 2010 sind in fast 30 Städten sogenannte "Baby-Inseln" eingerichtet worden, in denen Eltern anonym und ohne das Risiko strafrechtlicher Verfolgung Kinder abgeben können. Medienberichten zufolge mussten immer wieder Inseln geschlossen werden - aufgrund von Überlastung der umliegenden staatlichen Kinderheime.

Allein in den ersten sechs Wochen der neu eröffneten Babyklappe im südchinesischen Guangzhou (Kanton) wurden 262 Kinder abgegeben. Alle waren schwer krank oder behindert.

Es sind diese Probleme, die Jana Schmidt mit ihrem Engagement adressiert. Gestartet hat sie mit einem einfachen Brief - an einen Medizinproduktehersteller. Bei ihrer Recherche war sie auf ein Frühchenheim gestoßen; Kompressen, erfuhr sie, wurden dringend benötigt.

Weil die Arbeit des Heimes auf freiwilligen Spenden basierte, bat Schmidt in ihrem Schreiben offiziell um Kompressen, erhielt diese kistenweise - und sendete sie nach China.

Kinderlachen liegt in der Luft

Dort, wo Schmidts Hilfe ankommt, tobt das Leben. Im Heim "New Day Creations" am südlichen Stadtrand Pekings etwa. Hier, wo der Lärm der Großstadt bereits verstummt ist und Bäume anstelle Hochhäusern der 22-Millionen-Einwohner-Metropole stehen, liegt Kinderlachen in der Luft.

Auf einem Spielplatz toben zwei Dutzend Kleinkinder, eine handvoll Babys wird liebevoll von "Ayis" - den Kindermädchen - im Arm gehalten. Einige liegen in den Zimmern der geräumigen Anlage; ihre Krankheiten sind zu schlimm, als dass sie unbeschwert an der frischen Luft spielen könnten. Kooperationen mit lokalen Kliniken und Ärzten sichern ihre Versorgung,

Ihre schwere Krankheit ist das, was die rund 50 Kinder im Heim verbindet - und die Tatsache, dass sie deswegen von ihren Eltern verstoßen wurden. Aus staatlichen Waisenhäusern, die für die Behandlung der Krankheiten nicht aufkommen und keine medizinische Betreuung gewährleisten können, kommen sie zur ehrenamtlichen Helferin Karen Brenneman.

"Die meisten Kinder leiden unter schweren Herzfehlern, sechs von ihnen warten aktuell auf eine Lebertransplantation", erzählt die US-Amerikanerin im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Seit 1995 engagiert sich Brenneman gemeinsam mit ihrem Mann in China. Die staatlichen Kinderheime rufen das Ehepaar, das selbst drei Kinder hat, heute an, wenn eine Herzoperation ins Haus steht. Die umgerechnet 10.000 bis 25.000 Euro für die Operation werden durch Spenden finanziert - die zu einem großen Teil auch aus Deutschland kommen.

Reisende nehmen Spenden mit

30 Heime unterstützt Jana Schmidt, die ihr Engagement nach dem ersten Anschreiben einzelner Firmen mehr und mehr professionalisierte und 2012 offiziell den Verein "Little Flowers of China" gründete. Die 24 Mitglieder sind das Verbindungsglied. "Sie fliegen regelmäßig nach China", sagt Schmidt, "und nehmen dann Sachspenden für die Heime mit."

Viele der Unterstützer sind Geschäftsleute, sie reisen mit leichtem Gepäck und wissen wenig über die Lage der Waisenkinder im Land. Dabei ist diese, sagt Brenneman, dramatisch.

"In privaten Heimen ist die Situation gut, und die medizinische Versorgung stimmt. Aber in den staatlichen Heimen in den Provinzen ist die Situation dramatisch."

Behinderte Kinder würden nach wie vor versteckt, in den Heimen seien für sie spezielle Sterbezimmer vorgesehen - Zimmer, die tatsächlich wörtlich zu nehmen sind. Eine Palliativversorgung, kindgerechte Betreuung und Liebe werden vergeblich gesucht.

In den von "Little Flowers of China" unterstützten Waisenhäusern für gesundheitlich beeinträchtigte Kinder übernimmt ein Team aus Ehrenamtlichen, Medizinern und "Ayis" diese Versorgung.

Im "Little Flower Chunmiao" etwa sind 63 solcher Kindermädchen für die Kleinen zuständig. Sie kümmern sich um Kinder, die aus über 50 staatlichen Heimen "weitergeleitet" werden. "Normalerweise müssten sie diese Aufgabe übernehmen", meint Rebekah Bodden.

Die 26-Jährige ist seit fast einem Jahr in dem Waisenhaus tätig. "Aber sie können es nicht. Wir füllen diese Lücke im System." Alle 60 Kinder des Heims sind gesundheitlich stark beeinträchtigt, der Großteil leidet unter Herzfehlern, manche kamen mit dem Down-Syndrom zur Welt.

Im "Little Flowers Chunmiao" werden sie gepflegt, bis sie gesund sind. Sieben Ärzte und Krankenschwestern kümmern sich um sie, die Kosten für Operationen und Behandlung werden durch Spenden finanziert. 150 Kinder, die meisten von ihnen zwischen drei und acht Monaten alt, bekommen in der alten Villa so ein neues Leben. Es führt sie manchmal zurück in ein staatliches Waisenheim, meist aber in eine neue Familie.

Ziel: Bewusstsein wecken

Auch wenn das Heim nicht in den Adoptionsprozess eingebunden ist, kommen Eltern doch her, um die Kinder kennenzulernen. "Sie müssen sich im Klaren darüber sein, dass manche Kinder nie gesund werden und ein Leben lang Pflege bedürfen", sagt Bodden.

Die meisten Adoptiveltern komme aus den USA; doch auch immer mehr chinesische Familien schenken ein neues Zuhause. "Früher wäre das undenkbar gewesen. Doch vor allem wohlhabende Familien sind sich der Problematik immer mehr bewusst."

Es ist genau dieses Bewusstsein, das der Verein laut seiner Satzung wecken will. "Wir wollen auf die Öffentlichkeit in China, aber auch hier in Europa einwirken und so eine Bewusstseinsänderung erreichen", macht Jana Schmidt klar. Einen Medienbericht wie 2011, das weiß sie genau, will sie nie wieder sehen müssen.

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