Ärzte Zeitung, 19.01.2016

Soja-Plantagen

Gefahr durch Pestizide

Bauern und indigene Einwohner in Paraguay leiden unter der industriellen Landwirtschaft. Vor allem die Giftstoffe der Pflanzenschutzmittel, die auf den großen Soja-Plantagen benutzt werden, machen den Menschen zu schaffen. Jetzt wehren sie sich.

Von Carlos Castillos und Gaby Mahlberg

ASUNCIóN. Die dreijährige Adelaida Álvarez Cabrera und ihre sechs Monate alte Schwester Adela wuchsen in einer Siedlung 250 Kilometer nordöstlich von Paraguays Hauptstadt Asunción auf.

Irgendwann 2014 bekamen die Mädchen Fieber und litten an Übelkeit und Erbrechen. Sie starben am 20. Juli 2015.

Laut Gerichtsmedizinern der Staatsanwaltschaft in Paraguay erstickten die Mädchen nach einer Infektion der Atemwege.

Aber ihre Angehörigen und der Nationale Bauernverband FNC glauben, ihr Tod habe eine andere Ursache gehabt - die Pestizide, die auf den großen Mais- und Soja-Plantagen der Gegend angewendet werden.

Weitere 18 Kinder und 15 Erwachsene waren damals von Atemnot und Magen-Darm-Problemen betroffen. Das Thema wurde mit einem offiziellen Arztbericht abgeschlossen. Doch Bürgerorganisationen machen weiter mobil.

Sojaanbau erheblich gestiegen

Die Gegend, in der sich die Tragödien ereigneten, ist von Soja-Plantagen umgeben. Der Sojaanbau in Paraguay ist in den vergangenen zehn Jahren erheblich gestiegen.

Inzwischen beansprucht er laut nationalem Landwirtschaftsministerium mehr als drei Millionen Hektar. Die Gesamtfläche des Landes: 41 Millionen Hektar.

Auch Deutschland kauft Soja aus Paraguay. Von den 3,73 Millionen Tonnen importierter Sojabohnen stammten laut Angaben des Landwirtschaftsministeriums im Jahr 2014 rund 6,5 Prozent von dort.

Das meiste davon geht in die Tierfutterherstellung. Soja gehört neben Baumwolle und Fleisch zu den Hauptexportgütern des Landes, das laut der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit noch immer zu den ärmsten Südamerikas gehört.

Sowohl Produzenten als auch die Regierung sagen, dass die Sojaindustrie Arbeitsplätze schaffe und das Land mit Devisen versorge. Präsident Horacio Cartes weist Kritik zurück. "Es gibt Menschen, die nur die negative Seite sehen", sagt er. Das Land habe "klare Regeln" zu diesen und anderen Umweltfragen.

Vergiftungen und Allergien drohen

Bauern- und indigene Organisationen sehen das anders. Sie warnen vor einer Mechanisierung der Produktion und einer unkontrollierten Anwendung von Spritzmitteln, die zu schweren Vergiftungen, Allergien und Fehlgeburten führen könnten und Wasserläufe belasteten.

Von 2004 bis 2012 sei in Paraguay nur das gentechnisch veränderte, spritzmittelresistente RR-Soja zugelassen gewesen.

Aber nach der Absetzung des damaligen Präsidenten Fernando Lugo im Jahr 2012, seien die Regeln außer Kontrolle geraten, erklärt Inés Franceschelli vom Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut BASE-I in Asunción.

"Innerhalb von drei Jahre wurden 19 verschiedene Soja-, Mais- und Baumwollarten zugelassen", sagt sie.

Zusammen mit 16 anderen Experten hat Franceschelli Entwicklungen in Paraguays Agrarbusiness für die Nichtregierungsorganisation erforscht.

"Für die ländliche und indigene Bevölkerung in den Soja-Anbaugebieten ist die Ausweitung dieses Modells die Hölle", sagt sie. Es koste Menschenleben und verletze internationale Verträge.

Frauen besonders betroffen

Viele Bauern müssen ihr Land verlassen. Am schlimmsten treffe es die Frauen, meint Bernarda Pesoa, Vorsitzende der Frauenorganisation Conamuri.

"Das System erkennt ihre Rolle als Nahrungsmittelproduzentinnen nicht an", erklärt sie. Die Frauen erhielten weder Sozialleistungen noch Kredite.

Zudem müssten sie ansehen, wie Krankheiten, die der Dorfarzt nicht kenne, ihre Kinder heimsuchten. Babys werden demnach mit Fehlbildungen geboren, andere sterben schon im Mutterleib.

Das Fortschreiten des Gen-Soja-Anbaus scheint unaufhaltsam. Weil sich die Behörden nicht darum kümmerten, wollen Wohlfahrtsorganisationen mit einer Massenmobilisierung Veränderungen durchsetzen.

Sie fordern ein Verbot von Pestiziden, einen Wachstumsstopp der Anbaufläche und eine Wiedereinführung von Kontrollen für Einfuhr, Vertrieb, Marketing und Entsorgung von Pflanzenschutzmitteln.

Ziel ist es, weitere Todesfälle wie die von Adelaida und Adela zu verhindern. (dpa)

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