Ärzte Zeitung, 26.01.2016

Seit 20 Jahren

Hessische Ärztinnen stützen Versorgung in Ukraine

Die medizinische Versorgung im Südwesten der Ukraine ist desaströs. Zwei hessische Ärztinnen haben das bei ihrem ersten Besuch vor 20 Jahren mit eigenen Augen gesehen - und helfen seither, Strukturen aufzubauen.

Von Jana Kötter

Hessische Ärztinnen stützen Versorgung in Ukraine

Mit vereinten Kräften: Dr. Martina Scheufler und ihr Helferteam packen einen Hilfstransport für die Ukraine.

© Medizinhilfe

HANAU. Ein 1300-Betten-Krankenhaus, in der in jedem zweiten Bett die Matratze fehlt. Ein Kreißsaal, in dem Bezüge mit Plastiktüten abgedeckt sind, weil Waschmittel fehlt. Wunden, die mit Katgut genäht werden - zum Teil heute noch.

Die Bilder, die Dr. Martina Scheufler bei ihren zahlreichen Besuchen in der Ukraine gesehen hat, gehen der Allgemeinärztin nicht mehr aus dem Kopf.

"Mein erster Besuch in den Kliniken war lebensverändernd", sagt sie heute. Seit 20 Jahren organisiert Scheufler neben dem Alltag in ihrer Praxis im hessischen Hanau regelmäßig Hilfstransporte nach Transkarpatien, eine Region im äußersten Südwesten der Ukraine.

Mit dem Verein "Medizinhilfe Karpato-Ukraine" sammelt sie Spenden, schult Mediziner vor Ort - und hat so die medizinische Versorgung von über 250.000 Menschen in der Region verbessert.

Ehrenamt in der Familie vorgelebt

Scheufler begann früh, sich ehrenamtlich zu engagieren. "Ich komme aus einer Familie, wo Engagement - sei es in der Kirche, im Sportverein oder einem anderen Ehrenamt - völlig normal ist", sagt sie.

Lange sei sie bereits bei Zonta International gewesen, als sie in den 1990ern vom damaligen Pfarrer der evangelischen Gemeinde Hanau angesprochen wurde, ob sie bei einem Projekt helfen würde.

Scheufler zweifelte nach dieser ersten Anfrage noch, ob und was sie als Frau dort bewegen könne - doch eine Kollegin hat ihr diese letzten Zweifel genommen.

So reisten die beiden Medizinerinnen 1996 erstmals in die 90.000-Einwohner-Stadt Munkács, damals im Auftrag der Gemeinde. Der Einblick in das desaströse Gesundheitssystem sollte ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen.

"Noch vor Ort haben wir uns entschieden, den geplanten Stadtbesuch zu streichen und haben stattdessen einen Schlachtplan auf dem Hotelzimmer entworfen", erzählt Scheufler im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Sachspenden kommen per Lastwagen

Nach ihrer Rückkehr gründeten Scheufler und Kollegin Dr. Stefanie Keilig die Medizinhilfe - und organisierten noch im selben Jahr einen ersten LKW-Transport mit Medizintechnik.

Seit 1996 arbeite sie im Schnitt 20 Stunden die Woche neben dem Praxisalltag für die Initiative. "Gerade in den Wochen vor dem Transport muss das Umfeld mitziehen", sagt sie. "Ich habe schon Patienten verloren, weil sie dafür kein Verständnis hatten."

Bis heute sind 95 Prozent der Spenden Sachspenden, nur ein kleiner Teil ist direkte finanzielle Unterstützung. Gemeinsam mit engagierten Schulklassen, Freunden und Vereinen packt Scheufler regelmäßig Laster, die das Material in die armen Gebiete bringen.

Das meiste sind Geräte, die ausgemustert wurden - Scheuflers Engagement ist heute so bekannt, "dass Kollegen im Umkreis von 50 Kilometern anrufen, wenn sie ihre Praxis auflösen oder neue Geräte anschaffen", erzählt sie.

Die größte Einzelspende - im Wert von 400.000 Euro - sei von einer Patientin gekommen: Eine türkische Frau habe eine ganze Halle von Matratzen überlassen; es waren noch original verpackte Auslaufmodelle, die in Deutschland niemand mehr kaufen wollte.

Sieben Kliniken unterstützt

Fast jährlich finden Besuche in der 1300 Kilometer entfernten Region statt. Scheufler prüft dann, welche der gespendeten Geräte noch vor Ort sind. Denn noch immer komme es vor, dass Geld über der Gesundheit stehe.

Einmal habe sie gespendete Materialien nicht mehr vor Ort gesichtet - und Scheufler zog eine Konsequenz, die bis heute gilt: "Verschwinden Spenden einmal, so bekommt die Klinik nie mehr Hilfe von uns."

Sieben Krankenhäuser wurden bisher unterstützt. Der vielleicht größte Erfolg ist jedoch das medizinische Zentrum, das der Verein 2000 in der Stadt eröffnet hat.

Im Laufe der Jahre hat sich das "Christian Medical Center" zu einer leistungsfähigen Poliklinik entwickelt, 13 Fachrichtungen arbeiten hier heute unter einem Dach. Rund 30 Prozent der Patienten werden kostenfrei behandelt.

Regelmäßige Fortbildungen vor Ort

2006 fand der erste medizinische Workshop statt, 2012 sogar ein medizinischer Kongress mit 200 Ober- und Chefärzten. Das Thema: "Schmerzen im Bauchraum". Es ist Scheufler und Keilig ein Anliegen, die Kollegen vor Ort zu stärken.

Regelmäßig finden Fortbildungen vor Ort statt. Bald wird - so hoffen die Medizinerinnen - die nächste nötig sein: Sie suchen seit Jahren händeringend einen "Mammomat 3000 Nova" mit Stereotaxie-Einheit, der dann - inklusive Schulung durch zwei hessische Experten - in die Ukraine gebracht werden soll.

Aktuell arbeitet im Gesundheitszentrum die einzige funktionierende Mammographie für 1,3 Millionen Einwohner Transkarpatiens.

"Leider ist diese 1991 produziert", so Scheufler. "Die Firma Picker gibt es seit Jahren nicht mehr, sodass zunehmend Ersatzteile fehlen."

Es sind Bilder einer spärlichen Klinikausstattung, die Scheufler nicht mehr vergessen wird - in Zukunft aber nicht mehr sehen will.

|

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Top-Meldungen

Gassen will den Gatekeeper vor Krankenhäusern

Ausschließlich ambulante Einrichtungen an Kliniken sollen nach dem Willen von KBV-Chef Andreas Gassen Patienten abfangen, die keiner stationären Behandlung bedürfen. mehr »

Wie gehen Ärzte mit vorinformierten Patienten richtig um?

Viele Mediziner reagieren ablehnend, wenn die Patienten nach Internetrecherchen mit Fragen zu ihnen kommen. Das ist der falsche Weg, so ein Praxisberater. Denn dies könne einer guten Compliance dienen. mehr »

Wie halten es die Deutschen mit dem Sonnenschutz?

Eine repräsentative Studie lässt aufhorchen: 7 von 10 jungen Deutschen haben mindestens einen Sonnenbrand pro Jahr. mehr »