Ärzte Zeitung, 12.02.2016

Vor Ort am TV-Set

Die gespielte Welt der jungen Ärzte

Sie gehört zu den erfolgreichsten ARD-Vorabend- Serien: "In aller Freundschaft - Die jungen Ärzte". Ein Besuch bei den Dreharbeiten.

Von Jens Haentzschel

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Kamera läuft für die nächste Szene im OP. Die Klinikräume sind detailgetreu eingerichtet.

© Jens Haentzschel

ERFURT. Die Wunde ist kunstvoll in verschiedenen Rottönen geschminkt, alle medizinischen Utensilien stehen bereit und die Schauspieler Roy Peter Link, Jane Chirwa und Tilman Pörzgen kennen ihre Positionen und Abläufe.

Nur einer muss wenig denken und handeln: Erdal Yildiz spielt einen Verletzten und liegt im Krankenbett vor den Ärzten. Er wurde mit einem Schädeltrauma eingeliefert. Dann geht es los. "Achtung" und "Ruhe bitte" heißen die Anweisungen aus dem kleinen Nebenraum der Regie.

Proben für eine Szene der Folge 53 von "In aller Freundschaft - Die jungen Ärzte". In der Notaufnahme im Johannes-Thal-Klinikum in Erfurt wird der Patient nach einem Unfall versorgt.

Da platzt ein Jugendlicher in die Szene und will wissen, wie es um den verunglückten Stiefvater steht. Zwei Kameras zeichnen Dialoge, Blicke und Handgriffe auf. Dann ertönt das Wort "Abbruch".

Neue Farbe für die Wunde

Unweit des Sets blickt Regisseur Jan Bauer kritisch in zwei Monitore. Seine Augen und die seiner Assistentin sowie von zwei Maskenbildnerinnen beobachten aufmerksam jede Bewegung, jedes Wort.

Im Hintergrund schauen zwei medizinische Fachberaterinnen zu. Eine von ihnen ist Katrin Jokubeit, die bei der Serie an fast jedem Drehtag zwischen Notaufnahme und OP nach dem Rechten schaut.

In dieser Szene hat sie keine Einwände, aber Regisseur Bauer einen Wunsch: Die Verletzung im Gesicht des Jungen sieht im Licht zu trocken aus. Die Maskenbildnerin trägt neue Farbe auf, damit die Wunde frisch blutend wirkt.

Weiter geht es. Aus der Probe wird ein Bild, die Szene 53-3 mit Blutdruckmessen, Manschette, Stethoskop und Stablampe, so steht es detailliert in der Tagesdisposition. Irgendwann im Mai ist die Folge dann im Vorabend der ARD zu sehen.

Nach vier Wiederholungen stimmt das Timing zwischen den Schauspielern, die jeden Tag aufs Neue die medizinischen Handgriffe und Abläufe in wenigen Minuten erlernen müssen.

Mal vergisst jemand, die Infusion vom Ständer aufs Bett zu legen, wenn der Patient im Bett rausgeschoben wird. Mal hat jemand Handschuhe an und im nächsten Bild nicht. Jedes Detail ist wichtig, aber es gibt immer auch Kompromisse.

Zum Beispiel liegt der Kopf von Patient Yildiz mit seiner Schädelverletzung nicht flach im Bett, sondern leicht erhöht. Das ist medizinisch nicht ganz richtig, aber die Kamera sieht sonst den Patienten nicht.

Wirkung vor Logik

Wirkung geht hier vor Logik. Junior-Producer Benjamin Zwanzig sieht darin keinen Widerspruch. "Der Realismus darf nie der Geschichte im Weg stehen, es muss am Ende eine gute Geschichte werden. Wenn wir hier und da etwas verkürzen, verlängern oder verschieben, dann passt das schon."

Während die Szene im Schockraum der Notaufnahme noch in zwei weiteren Einstellungen gedreht wird, bereitet Katrin Jokubeit die nächste Szene im Operationssaal der Klinik vor.

"Der Anspruch an die medizinische Genauigkeit ist in der Serie sehr groß. Es ist allen wichtig, dass der Klinikalltag so nah wie möglich an der Realität dargestellt wird", erzählt die ausgebildete Kranken- und OP-Schwester, die heute als Heilpraktikerin in der Nähe von Weimar arbeitet.

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Nichts geht ohne Filmblut.

© Jens HaentzscheL

"Natürlich gibt es Kompromisse, zum Beispiel wenn es um zeitliche Abfolgen gibt. Eine Op dauert in der Realität immer länger als im Fernsehen."

Jokubeit betreut die Fernsehdarsteller und das Regieteam bei allen medizinischen Fragen. Wenn sie selbst einmal nicht weiter weiß, kommen andere Kollegen wie Claudia Lipp, eine ehemalige OP-Schwester, ans Set. Heute soll eine Aneurysma-Operation aufgenommen werden.

"Op-Szenen sind besonders schwer, denn da geht es nicht nur optisch um viele Details, sondern auch um den richtigen Inhalt", erklärt Jokubeit. Und um Sätze wie: "Die sylvische Fissur zwischen der Stirn und dem Schläfenlappen ist jetzt eröffnet" oder "Indocyaningrün über dem Venenkatheter".

Fachausdrücke dürfen nicht fehlen

Kein leichter Text für die Schauspieler, die sich hier und da in so fremden Galaxien bewegen wie die Crew des Raumschiffs Enterprise. Und doch dürfen Fachausdrücke nicht fehlen.

"Die Zuschauer wollen, dass die Ärzte sich gegenseitig die Fachterminologie nur so um die Ohren hauen. Da muss nichts verstanden werden. Als Zuschauer will man das Gefühl haben, dass den Figuren in der Serie geholfen wird und dass sich die Ärzte auskennen. Die müssen die Fachwörter nicht verstehen, aber wenn sie nicht da sind, dann fehlt ihnen was", so Zwanzig.

Die Vorabendserie "In aller Freundschaft - Die jungen Ärzte" läuft seit einem Jahr immer donnerstags um 18:50 Uhr im Ersten. Die Serie ist ein beachtlicher Erfolg in einem Vorabendprogramm, das mal als "Schleudersitz", mal als "Todeszone" zitiert wurde. Das ist lange her.

Mit dem jung-dynamischen Ableger des ARD-Klassikers "In aller Freundschaft" mit seinen weit über 700 Episoden erreichen die Macher Quoten zwischen neun und zehn Prozent, das entspricht einem Marktanteil von 2 bis 2,4 Millionen Zuschauern. Nach der ersten Staffel mit 42 Folgen wird nun an der zweiten Staffel gearbeitet.

Mehr Licht als in der Klinik

Gedreht wird der Spin-off auf einer mehrere tausend Quadratmeter großen Fläche im Kindermedienzentrum in Erfurt. In wenigen Monaten entstand hier das Johannes-Thal-Klinikum mit seinen vielen medizinischen Räumen, aber auch den Wohnungen seiner Protagonisten.

Szenenbildner und Filmarchitekt Mathias Heinze hatte rund zehn Monate Zeit, das Filmklinikum entstehen zu lassen. In ganz Deutschland war er unterwegs, um sich über den Krankenhausalltag zu informieren.

Die Geräte im OP sind allesamt original, ebenso die Infusionen, Schläuche, Verbände und Pflaster. Lediglich bei den Spritzen haben die Filmemacher eigene Modelle kreiert, denn die zählen bereits zu den Spezial-Effekten.

In drei Monaten entstand dann das Klinikum im Studio mit der Scheinadresse Bachallee 14. "Es gibt so eine Schablone, was wir in einer fiktiven Krankenhaus-Serie benötigen, um perfekt mit Licht und Kamera zu arbeiten.

Lichtkästen in den Wänden

Da sind die breiteren Gänge und Türen, dann Lichtkästen in Wänden und viele Außenfenster, die man nicht wahrnimmt und die es auch in der Krankenhaus-Realität nicht geben würde, aber die uns helfen, weil wir dadurch mehrere Lichtvarianten haben", sagt Zwanzig.

"Man holt sich am Ende das beste aus allen Welten, um möglichst glaubwürdig den Klinikalltag nachzuempfinden."

Der läuft nun auch ganz real in der Filmwelt weiter. Der Operationssaal ist vorbereitet. Erdal Yildiz liegt ruhig im Raum und hängt an verschiedenen Geräten, die computergesteuert die Herz- und Atemfrequenz, aber auch Sauerstoffsättigung und Blutdruck messen.

Eine Maskenbildnerin schminkt auf dem Handrücken noch eine kleine Wunde. Claudia Lipp schließt Kabel an die Geräte an und legt sie so zum Patienten, dass alles echt wirkt.

Beleuchter schauen nach dem Licht, der Kameramann Andrew Strokes geht seine Bewegungen ebenso durch wie Regisseur Jan Bauer, der mit Strokes bereits in England die erfolgreiche BBC-Ärzteserie "Holby City" inszeniert hat.

"Wunschbild eines Krankenhauses"

"Der Unterschied zwischen Deutschland und England liegt vor allem in der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Bei der BBC geht es weitaus naturalistischer zu. Das Krankenhaus ist ein Spiegelbild der Gesellschaft.

In Deutschland ist die Darstellung des Krankenhauses eher ein Wunschbild", sagt Bauer. Die Fachberater sind für ihn immens wichtig, auch wenn er sie liebevoll und ironisch kurz als "Sabotageabteilung" bezeichnet, denn immer mal wieder kommt es zu Verzögerungen, eben weil die Fachberater noch letzte Abläufe erklären oder zeigen.

"Mediziner sind schon ganz früh bei der Serie aktiv", berichtet Jokubeit, die gerade der Schauspielerin Anja Nejarri ein medizinisches Gerät erklärt, mit dem die junge Ärztin wenig später die besagte sylvische Fissur eröffnet.

"Die Drehbücher werden geschrieben und von verschiedenen Fachberatern gegengelesen. Das geschieht alles meist in Berlin. Auch der Entwicklung der Geschichten ist eine Beraterin dabei. Hier vor Ort liest ein Kollege von mir die fertigen Bücher noch einmal und korrigiert Dialoge, wenn es sein muss. Auch ich lese alle Drehbücher auf Plausibilität. Letzte Möglichkeiten zu Korrekturen gibt es dann direkt am Set, wenn es darum geht, wie die Ärzte im Bild agieren müssen."

Für das Bild 53-11 wird es ernst. Alle Proben sind abgeschlossen, Katrin Jokubeit und Claudia Lipp schauen auf die Monitore. Wieder heißt es "Ruhe bitte". Nach dem Drehtag ist bereits vor dem Drehtag. Auch für Katrin Jokubeit, die schon alle Geräte für den nächsten Tag vorsortiert hat.

Agischewa im Interview: Medizinische Fachberater sind große Hilfe

Marijam Agischewa spielt in der Serie "In aller Freundschaft" die Chefärztin Professor Karin Patzelt. Für die in China geborene Schauspielerin ist das eine Traumrolle: Sie arbeitet auch als Heilpraktikerin.

Das Interview führte Jens Haentzschel

Ärzte Zeitung: In der "Praxis Bülowbogen" waren Sie eine Krankenschwester, nun sind Sie Chefärztin. Es scheint, als wären Sie die perfekte medizinische Helferin am Set?

Die gespielte Welt der jungen Ärzte

Marijam Agischewa ist unter anderem Heilpraktikerin für Psychotherapie und hat im "Schmerzzentrum Berlin" gearbeitet.

© André Kowalski / Saxonia Media

Marijam Agischewa: Es klingt nur so, aber in der Tat bin ich schon nach einer Histaminintoleranz befragt worden. Da konnte ich zumindest eine Auskunft geben.

Es ist einfach gut, sich etwas auszukennen und mit den lateinischen Begriffen umzugehen. Man verliert schneller die Scheu, weil man viele Begriffe schon mal für eine Prüfung gelernt hat.

Was fällt Ihnen leichter als den anderen?

Marijam Agischewa: Wenn man in einem Satz fünf lange lateinische Begriffe hat und es soll sich aber anhören wie "Geben Sie mir mal fünf Brötchen", dann ist immer Luftholen angesagt. Das geht allen Kollegen so, aber da hilft meine praktische Erfahrung.

Warum sind Arztserien bei den Zuschauern so beliebt?

Marijam Agischewa: Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, aber es ist ein Thema, mit dem jeder schon mal zu tun hatte. Jeder war schon mal beim Arzt oder im Krankenhaus.

Es gibt Wunschvorstellungen, wie es sein sollte und unsere Klinik ist ein durchweg positiv besetzter Ort. Es ist eine Fantasiewelt, in die man sich als Zuschauer gerne begibt.

Verändert die Rolle als Ärztin den Blick auf Krankheiten?

Marijam Agischewa: Im Einzelfall schon. Mit den meisten Sachen hat man nichts zu tun, es sind exotische und außergewöhnliche Fälle.

Aber manchmal ist es schon so, dass man denkt, diese Krankheit kann man so oder so behandeln. Wusste ich gar nicht. Der Horizont erweitert sich auf alle Fälle.

Wie wurden Sie auf die Rolle vorbereitet?

Marijam Agischewa: Wir waren vor Drehbeginn mehrfach im Krankenhaus und haben eine längere Schulung bekommen. Da mussten wir Op-Nähte üben, Ultraschall machen und Spritzen aufziehen.

In der Johannes-Thal-Klinik, also unserer Fernsehklinik, orientieren wir uns schon ziemlich an der Realität. Es gibt medizinische Fachberater. Alles sieht sehr authentisch aus.

Was für eine Bedeutung haben die Fachberater?

Marijam Agischewa: Sie sind eine große Hilfe, die Rolle verständlicher zu spielen. Wir üben ja vor jeder Szene die Abläufe. Die Fachberater haben ein sehr wachsames Auge, etwa wenn man etwas falsch anfasst.

Das wird dann sofort verändert. Manchmal geben sie uns Tricks, denn wir sind ja mit den Dialogen beschäftigt, müssen uns auf Kamera und Licht konzentrieren. Da muss man in wenigen Minuten viel beachten.

Wie sehen Sie Arztserien - denn es gibt ja eine große Bandbreite?

Marijam Agischewa: Vieles ist bekanntlich Geschmackssache, aber für mich fühlen sich einige US-Ärzteserien manchmal zu schnell und hektisch an. Mir gefällt es, wenn man erzählt, wie eine Sache entsteht, wie man damit umgeht und wie sie ausgeht.

Was hat sich Ihrer Meinung nach inhaltlich am meisten verändert?

Früher ging es mehr um private Geschichten, bei der "Praxis Bülowbogen" zum Beispiel weniger ums Medizinische.

Bei "In aller Freundschaft - Die jungen Ärzte" stehen die medizinischen Fälle stärker im Vordergrund, aber natürlich ist alles Unterhaltung und da gehört das Leben mit seinen Geschichten dazu.

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