Ärzte Zeitung, 10.03.2016

Brustvergrößerung & Co.

Die fatale Sucht nach Schönheit

"Sexy Cora" fiel bei ihrer fünften Brustvergrößerung ins Koma und starb - die Schönheitsoperation wurde ihr zum Verhängnis. Manche Patienten übertreiben die Suche nach vermeintlicher Perfektion. Die Gründe sind unterschiedlich.

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Der Fachverband der Schönheitschirurgen warnt, der Wunsch nach Veränderung kann auch zur Sucht werden.

© Adam Gault / SPL / Agentur Focus

HAMBURG. Die Haut zum Zerreißen gespannt, die Brüste auch, die Lippen grotesk aufgespritzt: Wenn Frauen es übertreiben mit Schönheitsoperationen, hat das mit Ästhetik oft nur noch wenig zu tun. Hollywood ist reich an Beispielen von Schauspielerinnen, die mit ihrem natürlichen Ich von früher nur noch den Namen und eine entfernte Ähnlichkeit gemein haben - und sie sind damit nicht allein.

Dass die spanische Herzogin von Alba, die Ende 2014 im Alter von 88 Jahren starb, etwas hat machen lassen, wurde sehr laut gemunkelt. US-Society-Gewächs Jocelyn Wildenstein hat nach eigenen Angaben mehr als vier Millionen Dollar für OPs ausgegeben - mit dem Ergebnis, dass sie heute mehr Ähnlichkeit mit einer Katze hat als mit der Frau, die sie einmal war.

Sechs Kilo Brust

Das britische Model Alicia Douvall gab zu, eine Million Pfund für Eingriffe bezahlt zu haben, und nennt sich selbst "süchtig nach Schönheitsoperationen". Hierzulande bekennen sich Sternchen wie Micaela Schäfer oder Kader Loth dazu, sich mehr als einmal unters Messer gelegt zu haben. Die im Jahr 2000 gestorbene Lolo Ferrari ließ sich 22 Mal operieren, hatte 130 Zentimeter Oberweite und soll sechs Kilo Brust vor sich hergetragen haben.

Besonders tragisch ist der Fall der Porno-Darstellerin "Sexy Cora", die 2011 ihren Marktwert mit ihrer fünften Brustvergrößerung steigern wollte - dabei aber ins Koma fiel und schließlich starb. An diesem Freitag (11. März) beginnt in Hamburg ein Zivilprozess zu dem Fall. Ihr Witwer hat die Schönheitsklinik auf eine Entschädigung von knapp einer Million Euro verklagt.

Der Übergang zwischen dem Wunsch, etwas an sich zu verändern, und einer Sucht sei fließend, sagt Sven von Saldern, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC). Der Klassiker: "Erst die Lider operieren lassen und dann noch ein Facelift hinterher, die Brust straffen lassen und dann noch die Bauchdecke." Es sei ja schön, wenn eine erste Operation eine derartige Steigerung der Lebensqualität bedeute, "aber man muss aufpassen, dass sich die Sache nicht verselbstständigt".

Keine neue Identität

Seine Kollegen und er erlebten oft, "dass die Wünsche immer weniger nachvollziehbar werden". Da seien auch die Chirurgen gefragt und aufgefordert, die Reißleine zu ziehen. Bei den Deutschen am meisten gefragt sind Brustvergrößerungen und Lidstraffungen.

Gut 86 Prozent der Menschen, die sich für eine Schönheitsoperation entscheiden, sind nach DGÄPC-Angaben Frauen. Die meisten der Patienten haben nach Ansicht des Bochumer Professors für klinische Psychologie, Jürgen Margraf, ganz realistische Ziele und erwarten keine neue Identität von einer Operation. Allerdings erhofft sich laut DGÄPC jede vierte Patientin durch eine OP nicht nur eine bessere Optik, sondern auch ein größeres "Wohlbefinden". Es gebe eine Minderheit, die es übertreibe, sagt Margraf. "Die Fälle, die ich gesehen habe, waren vor allem reiche Leute aus einer reichen Subkultur", sagt der Psychologe, der eine Studie mit dem Titel "Well-Being From the Knife?" (Wohlbefinden durch das Messer?) veröffentlicht hat. "Meistens ist nicht die Frau diejenige, die das Geld verdient, und sie definiert sich in einer solchen Beziehung dann sehr über ihr Aussehen. Die Konkurrenz schläft nicht."

Doch es gibt auch Männer, die dem Schönheitswahn verfallen. 13,5 Prozent der Menschen, die sich in Deutschland für die Schönheit unters Messer legen, sind nach DGÄPC-Angaben männlich. "Die Männer gleichen sich auch da an", sagt Margraf. Mickey Rourke sieht heute beispielsweise völlig anders aus als in "9 1/2 Wochen" - von Michael Jackson in seinen letzten Jahren ganz zu schweigen. Kai aus Berlin hat den Kreislauf aus Operationen nach eigenen Angaben inzwischen durchbrochen. "Die Leute denken, das macht glücklich, aber es macht nicht glücklich", sagt der 25-Jährige, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. "Es gibt einen kurzen Moment der Freude, und dann ist es vorbei." (dpa)

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[11.03.2016, 15:28:10]
Dr. Ludger Meyer 
Na, alle Stereotypejetzt ausgelatscht?
OMG!
Ihr Text war ja ein Parforce-Ritt durch das Who-is-Who der psychologischen wie ästhetischen Katastrophen! Von Alba, Ms Wildenstein aka Cat Woman, Sexy Cora - wollen Sie mit dieser Auflistung etwa suggerieren, dass diese Freak-Show repräsentativ für heutige Patienten/innen in der Ästhetisch Plastischen Chirurgie wäre? Oder wollen Sie den grund-konservativen, absolut nur an der monothematischen Korrektur seiner Lider interessierten Mittelständler mit den Verirrungen des Mickey R. aus LA vergleichen?
Ich würde Ihnen sogar noch Recht gegeben haben, wenn unser schönes und wertvolles Fach Plastische Chirurgie nur aus den RTL 2-Docs der 70er vom Bodensee oder anderswo bestehen würde. Tut es aber nicht. Ebenso wie auch unsere Patienten so ganz und gar nicht den hier von Ihnen bemühten Klischees entsprechen!
Und wenn der hier (hoffentlich von Ihnen korrekt zitierte) Herr von Saldern gar so sehr die sog. "Beauty Junkies" anzieht - dann sollte er mal mit der Marketing-Abteilung seiner Klinik ein ernstes Wörtchen reden. Oder sind das dort vielleicht gern genommene "Umsatzträger"?
Nein, ich stimme Ihnen aus meinem klinischen Alltag mit Ihrer Wertung gar nicht zu. Sie treten ein Stereotyp längst vergangener Tage breit, mit problematischen Leistungserbringern und offenbar über die Jahrzehnte gesammelten problematischen Protagonisten.
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