Ärzte Zeitung, 04.04.2016

DGIM-Patiententag

Medizin in Zeiten des demografischen Wandels

Gesundheits-Checks, anspruchsvolle Aufklärung über medizinische Fragen, Selbstbestimmung am Lebensende: Der 10. Patiententag im Rahmen des Internistenkongresses bot ein breites Spektrum.

Von Stefan Käshammer

Medizin in Zeiten des demografischen Wandels

Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse beim Patiententag.

© Stefan Käshammer

WIESBADEN. Bereits zum 10. Mal wurde von der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und der Stadt Wiesbaden der Patiententag veranstaltet.

Neben Vortragsreihen und vielen Info-Ständen für Patienten war die Verleihung des Förderpreises für Selbsthilfegruppen ein Höhepunkt. Schwerpunktthema war dieses Jahr der demografische Wandel.

Von begehbaren Rettungswagen, einem Zelt für Reanimationsübungen und schicken Info-Mobilen wurden die Besucher des Patiententages auf dem Wiesbadener Marktplatz begrüßt.

Im angrenzenden Rathaus hatten Fachgesellschaften und Selbsthilfegruppen Stände aufgebaut, es wurden Checks angeboten wie Schilddrüsen-Ultraschall, Sehtests sowie Blutzucker- und Blutdruckmessungen.

Manches könnte verständlicher sein

Medizin in Zeiten des demografischen Wandels

Kostenloser Sehtest im Wiesbadener Rathaus.

© Stefan Käshammer

Ein Patient aus Wiesbaden hatte sich eine Vortragsreihe mit dem Titel "Neues aus der Herzmedizin - Herzklappenerkrankungen, Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen" angehört. Der 74-jährige war erst wenige Tage zuvor von einem Klinik-Aufenthalt wegen Vorhofflimmerns mit Lungenödem und Pleuraerguss entlassen worden.

"Durch den Besuch des Vortrags konnte ich mein Wissen über die Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten ausbauen", so sein Fazit. Allerdings seien manche Vorträge für medizinische Laien nicht so leicht verständlich gewesen, sagte der Patient, der mit seiner Frau schon öfter den Patiententag besucht hat.

Das Hauptthema des Internistenkongresses 2016 ist "Demografischer Wandel fordert Innovation". Die durchschnittliche Lebenserwartung nimmt pro Jahr um etwa 70 Tage zu, wie Kongresspräsident Professor Gerd Hasenfuß im Vorfeld berichtete.

Das Thema wurde beim Patiententag durch die Vortragsreihe "Maßvolle Medizin - Selbstbestimmtes Leben im Alter" aufgegriffen. Unter anderem sprach der Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller Dr. Eugen Drewermann. Er plädierte für eine menschliche Medizin am Ende des Lebens.

So sei in Palliativsituationen das Betäubungsmittelgesetz extrem restriktiv, wenn Patienten im Endstadium einer Tumorerkrankung eine großzügige Opiattherapie verweigert wird und als Begründung Abhängigkeitsgefahr genannt wird.

Bislang bestehe in Gesellschaft und Medizin lediglich darüber Konsens, dass bei unheilbar Kranken aufwändige lebensverlängernde Maßnahmen nicht mehr zwingend ergriffen werden müssen, so Drewermann. Die Frage des assistierten Suizids jedoch sei immer noch ein Tabu-Thema.

"Müsste zur Selbstbestimmung im Alter nicht auch gehören, über die Länge und die Dauer unseres Lebens in seiner Sinnhaftigkeit bestimmen zu dürfen", fragte Drewermann vor den überwiegend gebannten Zuhörern im großen Festsaal des Wiesbadener Rathauses.

Die schwierigste Frage für Medizin und Rechtssprechung sei dabei: Was wird, wenn ein Mensch im vollen Bewusstsein seiner Intelligenz und in gewissen Umfang auch seiner körperlichen Kraft beschließt, seinem Dasein ein Ende zu setzen.

Drewermann prognostiziert, dass durch die weiter zunehmende Lebenserwartung diese Fragen unweigerlich auf den Tisch kommen werden.

Auszeichnung für Selbsthilfe

Ein weiterer Höhepunkt des Patiententages war auch dieses Jahr die Verleihung des Förderpreises für Selbsthilfegruppen durch die Mainzer "Marion und Bernd Wegener Stiftung".

Den 1. Preis "Regional" bekam die "Elternhilfe für Kinder mit Rett-Syndrom" aus Hünfelden im Taunus bekam. Die Gruppe wurde unter anderem dafür ausgezeichnet, dass von den Mitgliedern ein internationales Standard-Lehrbuch zum Rett-Syndrom - einer X-chromosomal dominant vererbbaren Entwicklungsstörung - in Eigenregie erstmals ins Deutsche übersetzt hat.

Der 1. Preis "Bundesweit" ging an "Von Wegen Down" aus Garching/Alz im oberbayerischen Landkreis Altötting, einer Selbsthilfegruppe von Familien von Kindern mit Down-Syndrom.

Die Gruppe erlangte ein Höchstmaß an bundesweiter Aufmerksamkeit durch eine Zusammenarbeit mit dem FC Bayern München zum Welt-Down-Syndrom-Tag, am 21. März 2015.

Damals durften Kinder der Selbsthilfegruppe bei einem Bundesligaspiel des FC Bayern mit den Spielern vor 70.000 Zuschauern in das Münchener Stadion einlaufen.

Sven Gerich, Oberbürgermeister der Stadt Wiesbaden, freut sich darüber, dass die Preisverleihung zum festen Bestandteil des Patiententages geworden ist. "Das Tolle an Selbsthilfegruppen ist der direkte Austausch der Betroffenen auf Augenhöhe", sagte Gerich zu den Preisträgern.

Er selbst wundere sich immer öfter darüber, wie viele Menschen sich damit begnügen im Internet bei "Dr. Google" zu recherchieren, anstatt direkten Kontakt mit anderen Betroffenen zu suchen.

"Meine Empfehlung wäre: Etwas weniger Internet und dafür mehr miteinander reden", sagte Gerich mit einem Augenzwinkern.

Durch die von Jahr zu Jahr steigende Zahl von Besuchern sieht sich Gerich in seiner Absicht bestätigt, das Engagement der Stadt Wiesbaden für den Patiententag auch in Zukunft weiter auszubauen.

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