Ärzte Zeitung, 09.06.2016

Hilfseinsatz im Ost-Kongo

Sprechstunde auch mal draußen unter einem Baum

Der Internist Dr. Matthias Villalobos war für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen im Ost-Kongo. MSF habe ihn gut vorbereitet, sagt er.

Von Anne Zegelman

Sprechstunde auch mal draußen unter einem Baum

Dr. Matthias Villalobos auf seinem Auslandseinsatz für Ärzte ohne Grenzen im Ost-Kongo in der Provinz Süd Kivu.

© privat

MANNHEIM. Von der Decke hängen weiße Tücher, überall liegen Kleidungsstücke und Habseligkeiten herum, es herrscht Chaos. Die Betten stehen eng beieinander, in einigen liegen gleich zwei Patienten.

"Das Krankenhaus ist konstant überbelegt", berichtet Dr. Matthias Villalobos, der für Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) im Jahr 2010 acht Monate lang im Ost-Kongo, genauer im Ort Baraka in der Provinz Süd Kivu, gearbeitet hat.

Wann immer Villalobos von seinem Auslandseinsatz als Arzt erzählt, zum Beispiel auf dem diesjährigen Internistenkongress, zeigt er auch Fotos aus dem von MSF in einem leerstehenden Kloster eingerichteten staatlichen Krankenhaus.

Die Sterblichkeit auf der Station für unterernährte Kinder habe bei Beginn seines Einsatzes bei zehn Prozent gelegen; nahezu bei jedem morgendlichen Meeting gab es einen Todesfall aus der vorangegangenen Nacht zu verzeichnen.

Jeden Morgen ohne Todesfall gefeiert

"Mein Ziel war es, die Sterblichkeit auf fünf Prozent zu senken", sagt Villalobos - und berichtet davon, wie jeder Morgen ohne Todesfall gefeiert wurde.

Während seiner Zeit im Kongo erlebte Villalobos, der heute Oberarzt der Internistischen Onkologie der Thoraxklinik Heidelberg ist, unter anderem einen Rebellenangriff und eine darauffolgende Fluchtwelle. Im Krankenhaus habe man, so der Internist, vor der Frage gestanden, wie man die Flüchtlinge am besten versorgen könne.

"Wir haben schließlich Autos mit Medikamenten vollgepackt und je drei Leute aus unserem Team mit mobilen Kliniken losgeschickt", erklärt er. Die Sprechstunden hätten, wenn möglich, in Gemeinderäumen stattgefunden, ansonsten auch mal "draußen unter einem Baum". In Erinnerung geblieben ist ihm auch eine Masernepidemie, der das Team mit einer breit angelegten Impfkampagne begegnete.

Tanklaster-Explosion mit 230 Toten

Das eindringlichste Erlebnis aber war eine Tanklaster-Explosion mit 230 Toten und Hunderten Verletzten, über die auch in Deutschland berichtet wurde.

Villalobos, der sich gerade auf dem Weg in die 90 Kilometer entfernte Stadt Uvira befand, als er von dem Unglück erfuhr, ging dort ins Krankenhaus, um zu helfen. "Es wurden sehr viele Verletzte eingeliefert", erinnert er sich und zeigt ein Bild, das einen Eindruck davon gibt, unter welch einfachen Bedingungen das Team in Uvira operierte und Verbände wechseln musste.

"Nach der Explosion kamen viele Kisten von Hilfsorganisationen in der Klinik in Uvira an", berichtet Villalobos. Das Problem: Viele der Kisten hatten keine Inhaltsliste. Nachdem er lange verzweifelt versucht hatte, die gelieferten Medikamente zu sortieren und sich einen Überblick über den Vorrat zu verschaffen, gab der deutsche Arzt auf und rief Apothekerin Anna aus dem MSF-Team zu Hilfe.

Sie kam aus Baraka nach Uvira, übernahm die Hilfslieferungen und brachte innerhalb kurzer Zeit Ordnung in die gespendeten Medikamente.

Intresse am Auslandseinsatz groß

Das Interesse am Vortrag über die ärztliche Tätigkeit in Kriegs- und Krisengebieten beim Kongress in Mannheim ist groß, einige der Zuhörer erwägen selbst einen medizinischen Auslandseinsatz. Entsprechend angeregt ist die anschließende Diskussion.

Eine Frage aus dem Publikum zielt auf die psychische Vorbereitung ab. "Es gibt eine Vorbereitungswoche, außerdem ein Briefing mit Psychologen", erklärt Villalobos. Er habe sich körperlich und psychisch die gesamte Zeit im Kongo über sehr sicher gefühlt, betont er.

Wichtig dabei sei das Wissen, dass man als MSF-Mitarbeiter jederzeit evakuiert werden könne, wenn es zu viel würde. Das mache zwar kaum jemand, sagt der Arzt, aber allein die Option sei hilfreich.

Ein anderer Zuhörer möchte wissen, wie Villalobos, der zwischenzeitlich auf einem weiteren Einsatz im Süd-Sudan war, es in der Zwischenzeit mit seinem Job in Deutschland gemacht habe. "Beim ersten Mal habe ich vorher gekündigt, beim zweiten Mal mit dem Arbeitgeber verhandelt, der mich daraufhin freigestellt hat", berichtet der Referent, der plant, irgendwann wieder auf einen Einsatz der MSF zu gehen.

"Das ist eine Sache, die man nicht mehr lassen kann", sagt er. "Anders als früher gibt es heute nicht mehr ganz so viele Ärzte, sodass man auch nach der Rückkehr wieder einen Job findet. Das macht es leichter, sich für humanitäre Hilfe zu entscheiden."

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