Ärzte Zeitung, 13.06.2016

Orlando

Entsetzen nach dem Blutbad

Am Tag nach der Bluttat in einem Schwulenclub blickt die Welt auf Orlando in Florida. Noch sind viele Fragen offen. War es tatsächlich ein Terroranschlag - oder ein homophober Amoklauf?

Entsetzen nach dem Blutbad

Trauer in Orlando: Mit Kerzen gedenken Mitglieder der Schwulen- und Lesbenszene der Opfer der Bluttat.

© Sarah Espedido / picture alliance / ZUMA Press

ORLANDO. Grelle Scheinwerfer erhellen die nächtliche Kulisse auf der Straße in Orlando, Polizeiwagen versperren den Weg. Die Straßen rund um das "Pulse" sind weiträumig abgesperrt.

In dem Club, in dem ein 29-jähriger Mann in der Nacht von Samstag auf Sonntag das wohl grausamste Blutbad eines Einzeltäters in der Geschichte der USA anrichtete, werden noch immer Spuren gesichert. 50 Menschen sind tot, darunter der Attentäter - 53 weitere sind verletzt.

Während am Tatort stumm das Blaulicht der zahlreichen Polizeiwagen durch die Nacht zuckt, wird im Rest des Landes längst hitzig und verbissen über die Konsequenzen der Tragödie debattiert. Strengere Waffengesetze fordern die einen, schärfere Sicherheitsvorkehrungen gegen Terrorismus und einen härteren Umgang mit mutmaßlichen Islamisten die anderen.

IS bekennt sich zu Attentat

Der Islamische Staat (IS) behauptet, seine Finger mit im Spiel gehabt zu haben. Der Todesschütze Omar Mateen soll sich in einem Anruf bei der Polizei zu der Terrormiliz bekannt haben. Vater und Ex-Frau Mateens beschreiben ihn als nicht sehr religiös, aber psychisch labil und gewalttätig. Trotzdem ist noch nicht klar, was den Täter bewegte.

Die Radikalisierung allein ist jedoch nicht ausschlaggebend für den letzten Schritt hin zum Attentäter. Das erklärte Professor Jérôme Endrass, Leiter der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie an der Universität in Konstanz, im Dezember 2015: "Es gibt viele Menschen mit radikalen Vorstellungen, aber längst nicht jeder von ihnen wird gewalttätig", sagte er damals in der "Ärzte Zeitung".

„Viele Attentäter sind gar nicht so radikal, die Ideologie ist eher ein Deckmäntelchen für sie. Dagegen zeigen sich plötzlich ganz viele Auffälligkeiten in der Persönlichkeit“, sagte Endrass im Interview.

Der Experte hält es für schwierig, in solchen Fällen klar zwischen Amoklauf und Terroranschlag zu unterscheiden. „Wichtig ist das Gesamtbild“, sagte er mit Blick auf eine ähnliche Schießerei im Dezember in San Bernardino, Kalifornien.

Neben der Radikalität spielen laut Endrass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale eine große Rolle wie Dissozialität, martialisches Auftreten, Waffenaffinität, Wahnvorstellungen, Substanzabusus sowie latente oder akute Suizidalität.

Eine weitere Dimension sieht der Experte im Warnverhalten, etwa wenn Personen im Internet Drohungen verkünden. Schließlich seien Kontext, Lebenssituation und Belastungsfaktoren zu berücksichtigen.

Viele Schüsse in kurzer Zeit

All das wird auch bei der Spurensuche zum Angriff auf das "Pulse" in Orlando eine Rolle spielen. Die Ermittlungsbehörden und auch der amerikanische Präsident Barack Obama weisen ausdrücklich darauf hin, dass es aus ihrer Sicht zu früh ist, um ein Urteil zu fällen.

Ein Urteil darüber, was Mateen dazu brachte, in ein Auto zu steigen, rund 170 Kilometer weit zu fahren, dann in einen Club zu gehen und das Feuer auf feiernde Menschen zu eröffnen. Mit einem Sturmgewehr.

Einer Waffe, wie sie so ähnlich auch beim Militär benutzt wird. Einer Waffe, die für Schützen hergestellt wurde, die in kürzester Zeit sehr viele Schüsse mit hoher Präzision abgeben wollen. Einer Waffe, die er ganz legal kaufen konnte.

Immer wieder Attentate

Mehr als 300 Menschen, so heißt es später, waren da, als das Grauen begann, viele von ihnen auf der Tanzfläche. Das "Pulse" ist ein überaus beliebter Club in Orlando, immer voll, besonders an diesem Samstagabend.

Schließlich ist Juni der "Gay Pride Month", in dem Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle die Fortschritte feiern, die sie nach langen Jahren gesellschaftlicher Diskriminierung erreicht haben.

Immer wieder kommt es in den USA zu Attentaten und Amokläufen mit vielen Toten und Verletzten; zuletzt im Dezember 2015, als im kalifornischen San Bernardino ein Mann und eine Frau 14 Menschen töteten, bevor sie erschossen wurden.

Es handelte sich um einen islamistischen Terrorakt. Im Dezember 2012 kamen beim bis dahin schlimmsten Amoklauf an einer US-Schule in Newtown (Connecticut) 27 Menschen ums Leben, darunter 20 Kinder. Der 20-jährige Schütze tötete sich selbst.

Während der Mitternachts-Preview eines "Batman"-Films erschoss im Juli 2012 ein 24-Jähriger in einem Kino in Aurora (Colorado) zwölf Menschen. 70 wurden verletzt.

Im November 2009 tötete in der Militärbasis Fort Hood (Texas) ein Armeepsychologe 13 Menschen. (dpa / eb)

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