Ärzte Zeitung, 24.06.2016

Hochwasser

Neue Hausarztpraxis von der Flut zerstört

Im Juli 2016 wollte Dr. Petra Gillmeier ihre neue Allgemeinarztpraxis im niederbayerischen Triftern eröffnen. Im Juni kam dann das Hochwasser.

Von Christina Bauer

Neue Hausarztpraxis von der Flut zerstört

Inmitten ihrer vor den Fluten geretteten Gegenständen: Dr. Petra Gillmeier.

© Christina Bauer (cmb)

TRIFTERN. Die Sache mit der eigenen Arztpraxis hat sich Petra Gillmeier anders vorgestellt. Ab 1. Juli diesen Jahres sollte der Laden laufen, die Ärztin und drei Medizinische Fachangestellte in einem komplett neu errichteten Praxisgebäude arbeiten, mitten in Triftern im Landkreis Rottal-Inn.

An dem Ort mit etwas mehr als 5000 Einwohnern und im umliegenden Einzugsgebiet mit Ortschaften wie Anzenkirchen, Wiesing und Wittibreut freuten sich schon viele auf die Eröffnung. Endlich eine neue Allgemeinärztin, die den fünften Kassensitz übernehmen würde, der zum 1. April 2016 frei geworden war.

Dr. Gillmeier und ihre Familie kennt hier schon jetzt fast jeder. Bis auf ihr Medizinstudium in München und einige Jahre Tätigkeit am Klinikum Passau einschließlich Weiterbildung zur Fachärztin für Innere Medizin verbrachte sie ihr ganzes Leben in Triftern.

Seit sechs Jahren lebt sie dort nun wieder, mit ihrer inzwischen neunjährigen Tochter und dem fünfjährigen Sohn. Ihre Mutter wohnt gleich neben dem Praxisneubau, der verstorbene Vater hatte dort früher eine Autowerkstatt.

Als Vorgängerin Dr. Sum-Zerelles in Pension ging, bot sich die Gelegenheit zur Niederlassung. Statt der vielen in den letzten Jahren übernommenen Praxisvertretungen konnte Gillmeier nun erstmals in eigener Praxis tätig werden. Ihre Notarzttätigkeit wollte sie weiterführen, bei Bedarf im Umfang reduzieren.

Flut nach halbem Jahr Vorbereitung

Nach einem halben Jahr Bau- und Einrichtungsarbeiten war die neue Praxis nun fast fertig - Möbel, Geräte, EDV. Aber dann kam der Regen, und mit ihm das Hochwasser.

Die drahtige Ärztin mit den dunklen, kurzen Haaren fährt durch den kleinen Ort, immer den Spuren der Flut folgend. Der Altbach in der Ortsmitte ist ein kleines Flüsschen, wie es harmloser nicht aussehen könnte. Keine Spur von einem reißenden Strom, aber vor zwei Wochen war er da. "Dort stand überall das Wasser meterhoch."

Petra Gillmeier zeigt, wo sich die schlammigen Wassermassen über den Altbach wälzten. Der kleine Fluss wurde samt Straßen, Feldern, Kellern und Erdgeschossen mitbegraben.

Am Gasthaus Irber, direkt am Altbach gelegen, zeugen alte Aufschriften auf der gelben Mauer von den beiden größten Hochwassern der letzten zwei Jahrhunderte. An diesen Markierungen lief Ärztin Gillmeier schon als kleines Mädchen oft vorbei. Dass sie selbst erleben würde, dass eine neue dazukommt, ahnte sie damals nicht. 1,50 Meter hoch stand das Wasser an der Wand schon einmal, 1823, im Juli. Auf nicht ganz einen Meter stieg es dann 1954, ebenfalls im Juli.

Und 2016? Eine richtige Aufschrift gibt es noch nicht. Fürs erste haben die Wirtsleute eine schmale Linie aufgezeichnet. Das Wasser kam am 1. Juni, der Pegel erreichte 1,90 Meter.

Auf diesen neuen Rekord hätten am Ort alle gut verzichten können. Drinnen sitzt Wirt Friedrich Irber, ein älterer Herr, in seiner Gaststube, in der vor Kurzem noch die Fluten bis zu den Fenstern standen. Er sieht aus, als könnte er eine Pause gut gebrauchen.

Frisch verlegt und weggeschwemmt

Irber war da, als Triftern überschwemmt wurde. Schon kurze Zeit nach dem Einsetzen des sturzflutartigen Regens am frühen Vormittag war an Hinauskommen nicht mehr zu denken. "Wir haben im ersten Stock abgewartet", berichtet der Wirt. Bis abends, als endlich der Regen nachließ und das Wasser abebbte. Helfer von der Wasserwacht holten an jenem Tag viele Betroffene aus Wohnräumen und von Dächern, aber sie kamen kaum nach.

Nur wenige hundert Meter sind es vom Gasthaus bis zu Petra Gillmeiers Praxis. Ein neues, weißes Gebäude, zwei Stockwerke, 180 Quadratmeter Praxisräume.

Die Ärztin läuft über frisch verlegte Bodenplatten. Frisch verlegt, weggeschwemmt, noch mal frisch verlegt. Überall wurde sofort angepackt und mitgeholfen. In der Hinsicht, so Gillmeier, hatte sie jedenfalls Glück im Unglück.

Sie zeigt eine dicke Kerbe an der Außenmauer. Es ist offenbar die Spur einer schweren Eisentür, die der Strom am Gebäude vorbeischwemmte.

Diese Tür habe sie schon etwas beängstigend gefunden. Mehr noch aber den plötzlich herangetriebenen Anhänger mit Holzladung, ebenfalls vom Wasser mitgerissen.

"Da dachte ich mir nur noch, hoffentlich habe ich diesen Anhänger nicht gleich in meiner Praxis." Das schwere Treibgut wurde jedoch am Gebäude vorbeigeschwemmt. Die Ärztin zeigt die beiden Straßen, aus denen die schlammigen Ströme sich von einem Moment auf den nächsten auf das Haus zuwälzten.

Die enormen Wassermengen konnten nicht so schnell abfließen, wie sie vom Himmel stürzten, hatten sich in kürzester Zeit zu einem Fluss gestaut. Damit hatte niemand gerechnet. "Anfangs dachte ich noch, das ist wieder eines der üblichen Hochwasser", berichtet Gillmeier. Es ist nicht so, dass sich die Trifterner allzu sehr über kleinere Überschwemmungen wundern würden.

So war sie sofort zur Praxis geeilt, als sie am Tag der Flut einen Telefonhinweis auf den Wasseranstieg bekam. Sie war bewehrt mit allem, was sie auf die Schnelle an Material zum Abdichten finden konnte, Stoffe, Tücher, Lappen. Damit versuchte sie zuerst noch, die Eingangstür dicht zu bekommen.

Vom Wasser eingeschlossen

Als dann aber die aufgestauten Ströme anrauschten, musste sie stattdessen zusehen, dass sie die Tür gerade noch von innen zuhalten und wenigstens einen Teil des Wassers draußen halten konnte.

Von da an war sie eingeschlossen, wie die Irbers im Gasthof. Ob sie Angst hatte? Das schon auch, meint die Ärztin. Aber die Gefahr sei ihr in dem Moment kaum bewusst gewesen. Sie sei viel zu beschäftigt damit gewesen, durch die Räume zu eilen, um zu retten, was zu retten war.

Computer, Bildschirme, medizinische Geräte, Telefone, Stühle - alles, was sie vor der Überschwemmung bewahren konnte, steht nun feinsäuberlich aufgereiht im ersten Stock. Ab und an schaute sie hinaus auf den Maria-Ward-Platz, wo der Wasserpegel nur noch immer mehr anzuwachsen schien. Sie selbst stand schon bis zur Hüfte in der hereindrängenden Brühe. Eine schwer einzuschätzende Situation.

"Ich wusste nicht, wie hoch das Wasser noch steigen würde." Zeitweise war es schon zu hoch für Rettungskräfte. Zwar waren bald Feuerwehrleute in Sichtweite, kamen zunächst aber nicht an Gillmeiers Räume heran. Als schließlich die Fluten abebbten und die ersten beiden Feuerwehrmänner durch ein Fenster in die Praxis gelangten, waren schon über sechs Stunden vergangen.

Die neuen Möbel: ein Totalschaden, von wenigen Hängeschränken abgesehen. Zwei Computer hatte es ebenfalls erwischt. Der Boden war komplett mit einer mehrere Zentimeter dicken Schlammschicht überzogen. Von der zumindest befreite die Feuerwehr die Ärztin gleich am ersten Abend.

Vier Stunden spülten sie sämtliche Räume aus, gegen 23 Uhr sah der Boden dann wieder aus wie ein Boden. Die erschöpfte Inhaberin bekam bei einer Freundin zuerst einmal trockene Kleidung - und Schokolade. Nervennahrung.

Helfer strömen herbei

Schon am nächsten Tag waren zehn Leute in der Praxis und halfen beim Aufräumen, erinnert sie sich. Ebenfalls im Einsatz: Mitarbeiter sämtlicher Firmen, die gerade erst ihre Arbeiten abgeschlossen hatten. Baufirma, Pflasterfirma, Bodenleger, Schreiner, Elektriker. Bürgermeister Walter Czech schaute vorbei, bot ihr sogar seinen Bautrockner an, falls sie noch einen benötige. Doch es waren schon genug solche Geräte antransportiert worden, die seitdem unermüdlich vor sich hin bollern, um die angesammelte Flüssigkeit aus Boden und Wänden zu holen.

Als Nebeneffekt hat die Praxis derzeit die Innentemperatur eines tropischen Gewächshauses. Zwei Geräte der Baufirma schicken heiße Luft über Zugangslöcher direkt in den Boden, dazu kommen Heiztrockner, die vom Bayerischen Roten Kreuz an die Haushalte verteilt wurden, außerdem mehrere private Leihgeräte und Ventilatoren.

Noch jetzt, knapp zwei Wochen nach der Flut, holt Gillmeier jeden Tag etwa 200 Liter Wasser aus den Trocknerbehältern. Weitere drei Wochen werden die Geräte wohl im Einsatz sein. Der wichtigste Effekt: Die Rettung des Bodens. Dass der nicht noch mal verlegt werden muss, darüber zeigt sich die Ärztin sehr erleichtert. Froh sei sie auch, dass sie sich für Stahlzargen an allen Türen entschieden hatte, und für den ersten Stock als Platz für den Serverraum.

Schaden in sechsstelliger Höhe

Wie hoch die Gesamtschäden an Gebäude und Ausstattung sind, weiß sie noch nicht genau. Aber es wird auf einen sechsstelligen Betrag hinauslaufen. Etwa 450.000 Euro Investition stecken in der Praxis. Die Ärztin nahm dafür einen Kredit auf. Das bayerische Kabinett stellte eine Woche nach der Flut umfangreiche Hilfen in Aussicht, ganz besonders den Bewohnern der am stärksten betroffenen Orte, darunter Triftern.

Auch auf Seiten der KVB wurden finanzielle Hilfen speziell für betroffene Ärzte beschlossen (siehe Kasten). Auf diesen Zusagen ruhen nun einige Hoffnungen. Das geht auch Gillmeier so. Zumindest ihr Wagen blieb unbeschädigt, er war ein ordentliches Stück entfernt abgestellt.

Am Ortsrand von Triftern reinigen an diesem Montagnachmittag Helfer das Freibad vom Schlamm. Anton Zupancic, stellvertretender Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr ist dabei. Er erinnert sich, dass am Fluttag und in den ersten Tagen danach täglich bis zu 500 Helfer am Ort im Einsatz waren. Feuerwehr, BRK-Rettungskräfte, Polizei, Wasserwacht, THW, freiwillige Helfer, auch viele von außerhalb. "Das Landratsamt forderte dann in Deggendorf zusätzliche Kräfte an", so Zupancic, also weitere 32 Fahrzeuge und 130 Feuerwehrleute. Eine seltene Maßnahme, die unterstreiche, wie groß der Handlungsbedarf gewesen sei.

Jetzt, knapp zwei Wochen später, könnten sie nun aber immerhin schön langsam daran denken, auch mal wieder die Fahrzeuge, Geräte und Schläuche zu reinigen. Vor dem Schwimmbad steht Tim Sicklinger, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr. Er war es, der am Abend nach der Flut als erstes Gillmeiers Praxis erreichte, um dort zu helfen. Auch er äußert sich zufrieden, dass in kurzer Zeit mit koordinierten Kräften so viel erreicht werden konnte im Ort.

Katastrophenfall ausgerufen

Aber er erinnert sich noch gut an eine sehr unruhige Nacht nach der Flut. "In der Nacht schlief ich zwei Stunden, und in den zwei Stunden machte ich mir Gedanken, ob alle rausgekommen sind, oder womöglich noch jemand irgendwo eingeschlossen ist."

Ein Suchtrupp sei am nächsten Tag von Tür zu Tür gegangen, um sicherzugehen. Letztlich sei Entwarnung möglich gewesen. In Triftern kamen, anders als in Simbach und Anzenkirchen, alle mit dem Schrecken und Sachschäden davon. Niemand kam ums Leben. Doch der damals ausgerufene Katastrophenfall gilt fürs Erste weiterhin für den gesamten Landkreis.

Im wenige Kilometer entfernten Anzenkirchen sind ebenfalls viele Bewohner von Flutschäden betroffen. Rettungssanitäter Andreas Kainzlsperger zeigt seine Erdgeschossräume, die nach massiver Durchflutung nun fast leergeräumt sind. Auch die beiden Autos der Familie wurden komplett beschädigt. Nun kann Kainzlsperger immerhin seinen neuen Wagen abholen, Petra Gillmeier bringt ihn und seine beiden kleinen Töchter nach Triftern zum Autohaus. Er hat in seiner Umgebung einige Male helfen können in den letzten Tagen.

Besonders einem älteren Nachbarn, der im Starkregen zu ertrinken drohte. Kainzlsperger konnte den Mann gerade noch rechtzeitig aus seinem Rollstuhl ziehen, jetzt ist er in Kurzzeitpflege. Dass das Wetter derart verrückt spiele, das kenne er von früher in der Form nicht, sagt Kainzlsperger. "Das macht sich erst in den letzten Jahren bemerkbar, dass immer öfter entweder Dürre herrscht, oder es extrem regnet." Als wolle der Himmel das beweisen, kracht auf einmal ohrenbetäubender Donner über dem Haus, ein starker Regenschauer prasselt nieder. Nur Minuten später strahlt die Sonne wieder vom blauen Himmel.

Auf der Fahrt nach Triftern zeigt der Sanitäter auf die Maisfelder. Zu viele, meint er. Die zarten Maispflanzen halten den Boden nicht, tonnenweise Schlamm strömte mit der Flut allein von diesen Feldern in die Ortschaften hinein. Schon Grasstreifen am Rand würden helfen, oder mehr Abwechslung bei der Bepflanzung. In der nächsten Zeit werden sich solche Fragen hier öfter stellen.

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