Ärzte Zeitung, 19.09.2016

"Eine seltsame Krankheit"

Die Pest stirbt nicht einmal im Grab

Sie wirkt wie ein Gespenst des Mittelalters: die Pest. Doch die Seuche ist eine aktuelle Gefahr. Besonders heftig wütet sie in Madagaskar. Warum gerade hier und können Terroristen sie ausnutzen?

Von Jürgen Bätz

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Die Pest hat in Europa an Schrecken verloren: Nur Mahnmale und Karnevalsmasken erinnern an die Krankheit, vor der sich Ärzte mit ähnlichen Masken zu schützten versuchten. Doch kann sie zurückkommen?

© ruslan_100/fotolia.com

Sie kann es immer noch nicht fassen, dass sie um die Leiche ihrer Tochter kämpfen musste. Und verloren hat. Damals, vor etwa eineinhalb Jahren, als die Soldaten kamen und Bernadette Kasoarimanana mit Gewehren bedrohten.

Die 56-Jährige sitzt in ihrer Hütte in einem Slum von Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars. Ihr Blick wandert ins Leere. Unter dem Wellblechdach ist es drückend heiß.

Der Grund ihres Leids ist eine Seuche, die viele andere nur noch aus Geschichtsbüchern kennen: die Pest. "Erst hatte sie Nasenbluten", erinnert sich Bernadette Kasoarimanana an die Krankheit ihrer 21-jährigen Tochter. "Dann war da auch eine Schwellung am Hals, ein geschwollener Lymphknoten."

Die Pest war schneller als jede Hilfe, die junge Frau starb. Unter ihren Nachbarn in dem Armenviertel der Hauptstadt brach Panik aus.

Regierung versucht Ausbreitung einzudämmen

Dann kam das Militär, um die Leiche zu holen. Ihr Auftrag: eine Ausbreitung der Pest zu vermeiden. "Wir haben uns geweigert", sagt die Mutter. "Ich kann es nie vergessen, wie sie ein Gewehr auf mich gerichtet haben, damit ich meine Tochter aufgebe."

Kaum eine andere Seuche hat in der Geschichte so viel Angst und Schrecken ausgelöst wie die Pest: Zwischen 1347 und 1353 raffte der "Schwarze Tod" in Europa zig Millionen Menschen dahin.

Damals soll etwa ein Drittel, manche sprechen von der Hälfte der Bevölkerung gestorben sein. Zur Bezeichnung "Schwarzer Tod" kam es vermutlich, weil bei einer Erkrankung im späten Stadium die Finger schwarz werden und absterben können.

Heute wütet die Pest vor allem in Madagaskar: Der Inselstaat im Indischen Ozean, gelegen am südöstlichen Zipfel Afrikas, ist das weltweit am schlimmsten betroffene Land.

Doch wieso hält sich die Krankheit in Madagaskar so hartnäckig? Eine Reise durch Pest-Gebiete zeigt, dass viele Faktoren ihr Fortbestehen begünstigen. Die Menschen auf dem Land sind oft arm und leben in teils unhygienischen Hütten. Ratten sind nie weit - und mit den Nagern kommt das Pest-Bakterium Yersinia pestis.

Wunderheiler statt Antibiotika

Die Gesundheitsversorgung ist schlecht. Zudem verlassen sich Kranke eher auf Wunderheiler als Antibiotika. "Die Pest auszurotten ist schwierig", sagt die Leiterin der Pest-Forschung des Instituts Pasteur in Antananarivo, Minoarisoa Rajerison. "Aber wir können die Zahl der Krankheitsfälle weiter reduzieren", hofft die Forscherin.

Das Kerngebiet des Erregers liegt zwischen den saftgrünen Hügeln und Reisfeldern des Hochlands. Dort sterben jedes Jahr Dutzende Männer, Frauen und Kinder an der Pest. Seit 2010 zählte die Weltgesundheitsorganisation WHO landesweit knapp 500 Pest-Tote.

Von der Hauptstadt aus fährt man etwa sechs Stunden bis nach Ambatofotsy Est. Die letzten drei Stunden holpert der Jeep über Feldwege, die zur Regenzeit unpassierbar werden können.

Ambatofotsy Est ist typisch für betroffene Dörfer. Die Menschen haben keine Elektrizität. In den Häusern, meist aus Lehm, fehlt fließendes Wasser. Ein Fußmarsch zum nächsten Arzt dauert rund drei Stunden.

Hier arbeitete Jullienne Rasolonirina im November 2015 auf einem Feld. Dort wachsen Maniok und Mais. "Als sie nach Hause kam, hatte sie plötzlich starkes Kopfweh", erinnert sich ihr Mann Jean Claude Andrianaivofenomanana. Das Alarm-Zeichen erkannte er nicht: die schmerzhafte Beule unter ihrer Achsel.

Erst drei Tage später brachte er seine Frau zum Arzt. Sie starb. Seither muss der 38-Jährige die Felder alleine bestellen, um seine fünf Kinder zu versorgen. "Wie man sich mit der Pest infiziert, habe ich nicht verstanden", sagt er.

Parasiten springen auf den Menschen über

Einfach erklärt, fängt es mit infizierten Ratten und ihren Flöhen an. Die Insekten nisten sich bei Ratten ein, etwa im Fell. Sie können selbst Träger des Pest-Bakteriums werden. Der Erreger tötet die Nager früher oder später. Dann suchen sich die Flöhe einen neuen Wirt.

Wenn ein Mensch in der Nähe ist, springen sie auf. Sie beißen und übertragen den Erreger – die Infektion des Menschen nimmt ihren Lauf. Nach einer Inkubationszeit von bis zu sieben Tagen zeigt der Kranke Symptome wie bei Grippe: Fieber, Frösteln, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit.

Wenn ein Flohbiss zu einer Beulenpest führt, schwellen Lymphknoten zu dicken Beulen an. Sie können zehn Zentimeter Durchmesser haben. Typische Orte: im Schritt, am Hals und unter den Achseln. "Die Beulen sind extrem schmerzhaft. Wenn man sie berührt, kann sich der Patient kaum vom Schmerz erholen", schildert der Arzt Solofo Charles Alain Andrianiaina in der Stadt Tsiroanomandidy.

Ohne Antibiotika-Behandlung sterben bis zu sechs von zehn Patienten. Doch viele Kranke in Madagaskar gehen zuerst zum traditionellen Heiler. "Der Heiler massiert dann den schmerzenden Lymphknoten und verbreitet die Bakterien damit im ganzen Körper", sagt der Arzt Andrianiaina. Wenn die Patienten endlich kämen, sei es meist zu spät.

Leichen mit Chlorlösung desinfiziert, Verbot der traditionellen Totenwache

Wird aus einem Dorf ein Pest-Fall gemeldet, rücken die Gesundheitsbehörden an, um Häuser zu desinfizieren und mit Insektizid einzusprühen. Nahe Angehörige müssen vorsorglich Antibiotika nehmen. Pest-Leichen werden mit einer Chlorlösung gewaschen und mit Kalk eingerieben. Denn selbst die Toten können die Infektion weitergeben.

Bestattungsrituale wie die mehrtägige Totenwache im Haus des Verstorbenen sind bei Pest verboten. Die Leiche darf nicht in der Familiengruft beerdigt werden, sondern muss weit weg von Friedhöfen vergraben werden. Für Angehörige bedeutet das zusätzlichen Schmerz.

Denn die Ahnenverehrung hat weiter viel Gewicht. Ein zentraler Teil davon ist die Famadihana-Zeremonie. Dabei werden alle sieben Jahre die Gebeine ausgegraben. Und anschließend bei einem Familienfest in Tücher gewickelt und neu bestattet.

"Rund um diese Zeremonien gibt es immer wieder Pest-Ausbrüche", berichtet Eric Bertherat, Pest-Spezialist der WHO in Genf. Es sei nicht geklärt, wie die Bakterien so lange in Gräbern überdauerten. "Aber diese Zeremonien spielen eine Rolle bei der Frage, wieso sich die Pest so hartnäckig hält in Madagaskar." Das sei eines von mehreren Rätseln. "Die Pest ist eine seltsame Krankheit", sagt er.

Um die Seuche zurückzudrängen, seien viele Maßnahmen nötig, erläutert Doktor Mino: Die Menschen müssen besser aufgeklärt werden. Alle Pest-Opfer sollten sicher bestattet werden. Und vor allem gelte: "Wenn es gelingt, die Ratten auszurotten, kann der Übertragungsweg unterbrochen werden."

Mit Rattenfallen gegen die Übertragung

Das Institut Pasteur schickt deswegen Trupps zu Anti-Ratten-Kampagnen los, auch nach Ambatofotsy Est. Die Mitarbeiter bringen an der Außenwand jedes Hauses eine Rattenfalle aus Holz an: mit Rattengift in der Mitte und außenrum einem Insektizid, das Flöhe tötet.

Institutsmitarbeiter gehen mit Mundschutz durchs Dorf, um die Fallen zu inspizieren. In einer Woche haben sie bei den Häusern rund 20 tote Ratten gefunden. Sie werden verbrannt.

Die meisten Opfer der Pest in Madagaskar sind Kinder. Sie spielen in den Feldern - in der Nähe toter Ratten. So ging es Ende 2014 auch Randriamaharitra aus dem Dorf Manoiadanana. Die damals Neunjährige bekam hohes Fieber und Halluzinationen.

"Ich habe große Angst gehabt", sagt das Mädchen. "Die Beule hat so wehgetan." Doch sie bekam die richtige Hilfe, eine Antibiotika-Kur machte sie gesund.

Als Biowaffe nutzbar?

Die gefährlichste Variante der Pest ist dabei selbst in Madagaskar selten: die Lungenpest. Sie ist leichter übertragbar. Und sie kann innerhalb von 48 Stunden nach Ausbruch zum Tod führen. Ein Patient, bei dem der Erreger in der Lunge sitzt, kann die Seuche via Tröpfcheninfektion schnell ausbreiten, etwa wie das Grippe-Virus.

"Eine Lungenpest-Epidemie in Antananarivo wäre schwer unter Kontrolle zu bringen, wenn der Ausbruch nicht rechtzeitig bemerkt wird", warnt Minoarisoa Rajerison vom Institut Pasteur. Die Hauptstadt mit geschätzten 2,2 Millionen Einwohnern gehört zu den zwölf von 22 Provinzen des Landes, in denen die Pest vorkommt. Die Gesundheitsbehörden würden jedoch schnell mitbekommen, wenn es als Vorbote einer echten Epidemie viele tote Ratten gäbe, sagt sie.

Eric Bertherat von der WHO ist skeptischer. Die Gefahr in Antananarivo sei real. "Es gibt sogar auf dem größten Markt der Stadt infizierte Ratten." Die Erfahrung der Ebola-Epidemie in Westafrika zeige, wie schwierig es sei, einen Seuchenausbruch im städtischen Milieu mit hoher Bevölkerungsdichte zu kontrollieren.

Was die Forscher in Madagaskar über die Seuche herausfinden, kann weltweit wichtig sein. Denn die Pest stellt auch für Europa eine Bedrohung dar. Nicht in der natürlichen Form, aber als biologische Waffe in der Hand von Terroristen.

"Eine biologische Waffe mit Yersinia pestis ist möglich, weil das Bakterium weltweit in der Natur vorkommt", heißt es beim US-Seuchenkontrollzentrum (CDC). "Es könnte isoliert und im Labor gezüchtet werden." Zum Herstellen einer effektiven Biowaffe seien aber fortgeschrittenes Wissen und Technik nötig.

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