Ärzte Zeitung, 20.06.2017

Berlin

Nervengift im Badesee gibt Rätsel auf

Hunde sind bereits gestorben, Schwimmer sind zum Glück noch nicht ernsthaft zu Schaden gekommen: Eine neue Art Blaualgen besiedelt den Tegeler See in Berlin. Das Gefährliche: Sie produzieren das Nervengift Anatoxin A.

Von Julia Frisch

Nervengift im Badesee gibt Rätsel auf

Diese Warnung des Landesamtes für Gesundheit und Soziales findet sich aktuell rund um den Tegeler See.

© Julia Frisch

BERLIN. Seit Wochen herrscht unter Hundebesitzern in Tegel und Umgebung helle Aufregung. Mindestens zwölf Hunde sind gestorben, nachdem sie im Tegeler Forst und an den Ufern des Tegeler Sees spazieren waren. Dass ein Hundehasser Giftköder ausgelegt haben könnte, wurde schnell vermutet. In der vergangenen Woche stellte sich dann durch Untersuchungen des tierpathologischen Instituts der Freien Universität heraus: Drei der toten Hunde starben durch eine Vergiftung mit Anatoxin A. Vermutlich hatten die Tiere im See gebadet und das Wasser getrunken.

Schon ein paar Tage vor diesem Untersuchungsergebnis hatte das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) eine Badewarnung für den Tegeler See ausgesprochen. Blaualgen sind in Berliner Gewässern zwar nichts Ungewöhnliches. Doch die nun gefundene Art Cyanobakterien ist völlig neu und wegen der Neurotoxin-Produktion gefährlich. In größeren Mengen kann es zu Muskelkrämpfen und Atemstillstand führen.

In die Notaufnahme

Das Lageso verbietet das Schwimmen im See zwar nicht komplett, die gemessene Konzentration sei nur gering und für Schwimmer ungefährlich. Das Amt warnt aber davor, an bestimmten Badestellen ins Wasser zu gehen und dort zu baden, wo sich Algenteppiche gebildet haben.

Am Wochenende wurden nach Angaben des Vivantes-Konzerns weniger als eine Handvoll Patienten in der Rettungsstelle des Humboldt-Klinikums vorstellig, das nicht weit vom Tegeler See entfernt liegt. Sie waren baden, litten unter Übelkeit und Erbrechen und befürchteten, dass dies auf eine Blaualgenvergiftung zurückzuführen sein könnte. Die Sorgen waren jedoch unbegründet.

Woher diese Cyanobakterien der Gattung Tychonema auf einmal kommen, das gibt Umweltbundesamt und Lageso noch Rätsel auf. Tychonema ist eigentlich bekannt dafür, kältere Gefilde zu lieben, in Schweden und Kanada zum Beispiel sind sie nicht unbekannt. Eine planktische, also freischwimmende Art von Tychonema wurde in den vergangenen Jahren aber zum Beispiel auch im Gardasee sowie im Comersee und Lago Maggiore entdeckt.

Der Tegeler See scheint dagegen von einer Art besiedelt zu sein, die sich mit Wasserpflanzen "vergesellschaftet". Offenbar der Grund dafür, dass die Blaualgen vor allem am Ufer, weniger im freien Wasser gefunden wurden.

Vielleicht, sagt Jutta Fastner vom Umweltbundesamt, seien diese Cyanobakterien im Tegeler See im Grunde beheimatet und erst jetzt entdeckt worden, weil in diesem Jahr offenbar sehr gute Wachstumsbedingungen für sie herrschten.

Von Zugvögeln mitgebracht?

Genauso könne es aber auch möglich sein, dass es sich bei dieser Art Blaualge um einen Einwanderer handele, der zum Beispiel von Zugvögeln mitgebracht wurde.

Weil Letzteres nicht ausgeschlossen werden kann, untersucht das Lageso jetzt auch Badestellen nicht nur flussabwärts an der Havel, in die der Tegeler See mündet, sondern auch flussaufwärts. Da die Anatoxin A-produzierenden Blaualgen eher kälteliebend sind, hat das Lageso eine Hoffnung: "Vielleicht gehen sie jetzt zurück, wenn es wärmer wird", sagt Lageso-Sprecherin Silvia Kostner.

[21.06.2017, 10:07:04]
Horst Grünwoldt 
Cyanobakterien
Die für Badende und Schwimmer unangenehmen, gelblichen Kettenbakterien-Teppiche (cave: "Blaualgen"!) entstehen bekanntlich immer zur Sommerszeit in mit Nährstoffen überdüngten Gewässern. Sie können -je nach Art- Endotoxine enthalten, die -wenn in größerer Menge verschluckt- Vergiftungserscheinungen auslösen.
Die Cyanobakterien bilden bei ruhiger See und Sonnenbestrahlung großflächige, zusammenhängende "Teppiche" an der Gewässeroberfläche.
Was ich als Hygieniker und Mikrobiologe an der Ostsee den DLRG- Turmbesatzungen empfehle ist, mit dem starken Propeller ihrer Schlauchboote diese zu zerpflügen, und damit unschädlich zu versenken! Dort finden sie nämlich u.a. nicht mehr genug Lichteinfall und Sauerstoff für ihre reproduzierende Photosynthese-Leistung.
Könnten die Berliner Gesunheitsbehörden dies nicht auch auf dem Tegeler See anordnen? Schließlich wurde die Giftigkeit des dortigen Cyanobakterien-Stammes in der Veterinär-Pathologie schon nachgewiesen!
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »

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