Ärzte Zeitung, 19.02.2004

Fastnacht ohne Kastrationsgelüste

Bonner Kulturhistoriker: Der abgeschnittene Schlips hebt Standesunterschiede auf

NEU-ISENBURG (Smi). Männer aufgepaßt! Heute ist Weiberfastnacht! Schnippschnapp ist der Schlips ab. Doch keine Angst: Wenn Frau Ihnen an die Wäsche geht, hat das zumindest nichts mit latenten Kastrationsgelüsten zu tun, wie der Bonner Karnevalsforscher Dr. Wolfgang Herborn betont.

Eine Möhne (alte Frau) auf der Suche nach einem männlichen Opfer. Foto: dpa

Die Wahrheit hinter der Küchenpsychologie: Durch die Schnippelattacke sollen Standesunterschiede aufgehoben werden. Der Schlips sei früher ein Statussymbol gewesen, so Herborn. Der beherzte Griff an die Kehle des Vorgesetzten sollte zumindest beim Betriebskarneval die Rangunterschiede zwischen Chef und Angestellten beseitigen.

Und auch sonst räumt der Kulturhistoriker von der Universität Bonn mit oft kolportierten Klischees auf: "Der rheinische Karneval hat nichts mit den Winteraustreibungs- oder Fruchtbarkeitsriten der Römer oder Germanen zu tun, sondern er hat eindeutig christliche Wurzeln."

Vor Beginn der christlichen Fastenzeit, so Herborn, wurden Fleischprodukte, ursprünglich auch Eier und Milchprodukte, aus den Speisekammern verbannt. Darüber hinaus mußten die Hühner geschlachtet werden, um die Eierproduktion gering zu halten. Auf diesen Brauch weisen die Begriffe Fastnacht (nämlich der Tag vor Beginn der Fastenzeit) und "carnevale" (italienisch: "Fleisch lebewohl") hin.

Herborn hat auch herausgefunden, daß es um die heute übliche Verkleidung zu Karneval in der Vergangenheit immer wieder Ärger gegeben hat. So habe der Kölner Rat im Februar 1431 ein öffentliches "Vermummungsverbot" erlassen: aus Angst vor Verbrechen. Auch später erregten Verkleidungen (vor allem Mönch- oder Nonnen-Kostüme) häufig Anstoß. Verbote jedoch seien selten befolgt worden, so Herborn.

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