Ärzte Zeitung, 04.02.2005

UND SO SEH' ICH ES

Das Leiden hat einen Namen: Entsetzen

Man könnte meinen, daß bei uns zur Zeit eine ganz spezifische Krankheit grassiert, die zwar in keinem medizinischen Lehrbuch zu finden ist, über die aber in den letzten Wochen umso mehr in Medien berichtet wird. Dieses Leiden hat einen Namen: Entsetzen. Kein Tag vergeht, an dem man nicht zu lesen und zu hören bekommt, daß die oder der über das oder jenes entsetzt ist.

Nehmen wir unsere Kicker. Da fast jeder Deutscher ein Fußballnarr ist, hat die Korruption um gewonnene oder verlorene Spieler allem Anschein nach den Nerv des Volks getroffen. Haben wir uns doch alle schon - nolen volens - zwar nicht damit abgefunden, aber offenbar fast daran gewöhnt, daß in allen Bereichen unseres Lebens, auf jeder Ebene, Korruptionsfälle vorkommen. Aber auf dem geheiligten Fußballrasen?

Schiedsrichter und Spieler - und ihre Zahlen wachsen mit jedem Tag - und dazu noch eine unheimliche "kroatische Mafia", sollen in diesem korrupten Sumpf stecken. Und das alles ausgerechnet ein Jahr vor den Weltmeisterschaften bei uns in Deutschland! Wo doch das Volk dann, von deutschen Siegen berauscht, gutgelaunt zu den Bundestagswahlen schreiten sollte. Entsetzen rundum ob solchen Frevels an Deutschlands Lieblingskind!

Oder die Umstände um den uns nicht ganz unbekannten Horst Seehofer. Vergebens versuchten die christlichen Parteien ihn mit List und Tücke vom Bundestagsausschuß für Gesundheit und Soziales in den Wirtschaftsausschuß zu vertreiben. Seehofer aber verstand es, sich zu wehren, und drohte mit dem Verlassen der Fraktion. Die CSU gab, um einen Eklat zu vermeiden, nach. Jetzt sitzt er weiterhin auf seinem Platz in seinem Ausschuß und wird bestimmt auch als einfacher Abgeordneter noch genug Raum und Zeit haben, um die Schwesterpartei zu ärgern. Angela Merkel ist entsetzt.

Der Hofberater der Gesundheitsministerin hat es auch nicht lassen können und mischte sich ungebeten in Sachen Screeningcenter für Mammakarzinome ein. Er empfahl sein Aachen seiner aus Aachen stammenden Gesundheitsministerin wie wohlschmeckende Aachener Printen, obwohl andere Unikliniken geeigneter gewesen wären.

Seine familiären Bindungen schien er dabei glatt vergessen zu haben: Forsch behauptete er, daß seine Ehefrau, die Radiologin in Aachen ist, mit der Angelegenheit rein gar nichts zu tun habe. War dem wirklich nicht so? Ein TV-Politmagazin fragte laut und deutlich, wie lange Ulla Schmidt ihren Berater noch werde halten können. In ärztlichen Kreisen herrschte Entsetzen über eine solche Unverfrorenheit.

Wobei sich auch Ulla Schmidt in höchstem Maß entsetzt zeigte, als ein anderes TV-Politmagazin ("Panorama") berichtete, daß eine ärztliche Internetzeitung in seinem Leserforum nicht gerade taktvolle Äußerungen einiger Kassenärzte über Patienten veröffentlichte, was angeblich eine - mißratene - Satire sein sollte. Alle daran Beteiligten haben dem ärztlichen Stand damit einen Bärendienst erwiesen. Zum blanken Entsetzen ihrer Kollegen.

Entsetzen auch über die Sache in Hannover. Die dortige Vorsitzende des AOK-Landesverbandes bewilligte sich nach mündlicher Genehmigung durch die beiden Vorsitzenden des Verwaltungsrates einen Sonderbonus über 45 000 Euro - die vorgesehenen Erfolgsprämien für 2003 und für 2004 für ihre Mitarbeiter aber hat sie angeblich verweigert.

Schon einmal hatte sie sich einen gleich hohen Sonderbonus bewilligt und mußte - nach Einspruch des Verwaltungsrats - zwei Drittel davon zurückzahlen. Es ist schon ein starkes Stück, sich selbst dann erneut einen "Erfolgsbonus" zu bewilligen. Jetzt ist die Empörung groß und das Entsetzen ebenso.

Entsetzlich, wieviel Entsetzen bei uns herrscht! Darüber bin auch ich entsetzt.

Ihr Ironius

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