Ärzte Zeitung, 17.12.2011

Fünf vor Zwölf im Weihnachtsrummel

Sie schlagen sich um Christbäume, werfen wütend weihnachtlich verpackte Grappaflaschen durch Fensterscheiben, laufen gestresst durch Fußgängerzonen: die Deutschen in der Weihnachts- zeit. Das ist sogar Thema wissenschaftlicher Studien.

Von Johanna Dielmann-von Berg

Fünf vor Zwölf im Weihnachtsrummel

Endspurt: Die Jagd nach den richtigen Geschenken stresst fast die Hälfte der Deutschen.

© dpa

Der Duft von Glühwein liegt seit Wochen in der Luft, an vielen Fenstern blinken bunte Lichter und "Last Christmas" tönt aus dem Radio. Selbst dem Letzten dürfte inzwischen klar sein: Weihnachten steht vor der Tür. Was die einen freut, ist der anderen Leid.

Jeder dritte Deutsche empfindet Weihnachten als Stress, fand TNS infratest im Auftrag von Schlecker heraus. Das führt im Einzelfall soweit, dass bei völlig überforderten Menschen sämtliche Sicherungen durchknallen, wie ein 43-jähriger Mann 2008 leidvoll erfahren musste. In letzter Minute zog er los, um einen Weihnachtsbaum zu erstehen.

Offensichtlich hatte die Adventszeit aber die Nerven des Verkäufers schon stark strapaziert. Denn als der Käufer versuchte, ihn im Preis zu drücken, schlug der Ladenbesitzer ihn kurzerhand krankenhausreif, berichtete die "Süddeutsche Zeitung".

Jeden dritten Deutschen nervt das Weihnachtsfest

So böse muss Stress aber nicht immer enden. Der Forscher Hans Selye, der 1936 den Begriff "Stress" in die Psychologie einführte, beschrieb damit zunächst die Veränderung des Körpers unter Belastung. Er unterschied aber bereits "guten" von "schlechtem" Stress.

Dagegen ist das Wort im Sprachgebrauch nur negativ belegt. Das zeigt sich etwa an den Synonymen, die der Duden angibt: Anstrengung, Strapaze oder Ärger - positive Bedeutungen: Fehlanzeige.

Übersetzt heißt das, Weihnachten ist für ein Drittel der Deutschen eine Plackerei. Doch nicht jeden nervt das gleiche. Während Frauen die zusätzlichen Kalorien durch den Festschmaus bekümmern, strengt Männer die Geschenksuche an.

Fünf vor Zwölf im Weihnachtsrummel

© ArTo / fotolia.com

Fragwürdige Präsente erfordern im Einzelfall sogar Polizeieinsätze, wie die "Süddeutsche Zeitung" 2008 mitteilte.

Im fränkischen Lichtenfels etwa lag für eine 15-Jährige ein Geschenk auf dem Gabentisch, das eigentlich zum Standardequipment von Ordnungshütern gehört.

Das Mädchen hatte Handschellen bekommen und diese umgehend ausprobiert. Weil der Schlüssel den Dienst verweigerte und auch die Eltern nicht helfen konnten, feierte das Trio den heiligen Abend zeitweise bei der Polizei.

Die Polizisten selbst sind übrigens mit ihren ständig wechselnden Dienstzeiten über die Feiertage durchaus privilegiert. Wer an Weihnachten Dienst hat, der muss sich zumindest nicht mit Verwandten treffen. Das nervt immerhin ein Drittel der Deutschen, ermittelte TNS infratest. Ebenso schlägt vielen der Festschmaus aufs Gemüt.

Das war nicht immer so. Denn die heute bekannten und nicht von allen geliebten Bräuche haben sich erst etwa vom 9. Jahrhundert an entwickelt. Ursprünglich haben die Christen Weihnachten nicht gefeiert.

Seit 813 feiert man in Deutschland Weihnachten

Der römische Bischof Liberius rief etwa um das Jahr 343 den 25. Dezember zum Geburtsfest Christi aus und brüskierte damit viele Heiden. Sie huldigten an diesem Tag der Geburt des Sonnengottes. Erst 813 feiert man erstmals in Deutschland Weihnachten.

Die Kirche gehört für viele inzwischen längst nicht mehr zum Pflichtprogramm der Weihnachtstradition, ergab die Umfrage von TNS infratest. Mehr als die Hälfte der 1050 Befragten verzichtet darauf, am heiligen Abend den Gottesdienst zu besuchen.

Dabei könnte gerade der helfen, den weit verbreiteten Weihnachtsstress abzubauen. Darauf machen australische Forscher aufmerksam. Sie haben die Stimmungen von Frauen und Männern erfasst, bevor und nachdem sie in der Kirche Orgelstücken gelauscht hatten.

Traditionen, die mit Hektik verbunden sind

"Nach dem Hören von Orgelklängen, nehmen signifikant Anspannung, Depressionen, Ärger und Müdigkeit ab", sagt Professor John Marley von der Universität Adelaide. Es könnte also so einfach sein, die Adventszeit stressfrei zu verbringen.

Stattdessen leben alle Jahre wieder weihnachtliche Traditionen auf, die stets mit Hektik verbunden sind: Man stürzt sich in überfüllte Läden. Tausende Sorten an Plätzchen werden gebacken und kurz vor Schluss wird eine meist schon recht kahle Tanne gekauft.

Nicht zuletzt deswegen gibt es immer mehr Ratgeber, die sich mit "Stressabbau zur Weihnachtszeit" beschäftigen. Einer stammt von Betriebswirtschaftler Professor Bernd Stauss. In "Optimiert Weihnachten" legt er humorvoll dar, wie man weihnachtliche Bräuche effizienter gestalten kann.

Weihnachtsbräuche effizient gestalten, Stress abbauen

So schlägt er für das zeitraubende Kartenschreiben vor, Freunde, Kollegen und Familie in ein sogenanntes "Vier-Felder-Love-Portfolio" einzuordnen.

Daraus ergeben sich vier Gruppen, denen unterschiedlich Karten geschickt werden müssen. Dadurch lassen sich auch wenig ertragreiche Freundschaften identifizieren und sofern gewollt eliminieren. Stauss rät, von diesen Freunden keine Weihnachtskarten anzunehmen. Ob diese Empfehlung allerdings tatsächlich fürs Fest der Liebe etwas taugt, muss heftig bezweifelt werden.

Völlig daneben - wer wüsste das nicht aus eigener Erfahrung - kann man auch bei Geschenken liegen. Sowohl als Überbringer als auch als Beschenkter. Diese Erfahrung hat auch eine 70-Jährige aus Hof gemacht, wie die "Süddeutsche Zeitung" 2008 schrieb. Ein Unbekannter "bedachte" sie mit einem Überraschungsgeschenk.

Mit lautem Geklirr flog eine weihnachtlich verpackte Flasche Grappa durch ihr Fenster. Der Schaden belief sich auf 250 Euro, immerhin: Die Flasche blieb unversehrt. Na denn: Prost. Und fröhliche Weihnachten!

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[18.12.2011, 17:49:21]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Wer bin ich - und wenn ja wie viele?" (Richard David Precht)
Vielfach vollgefressene Weihnachtsmarktbesucher vagabundieren wirr, verlangsamt, völlig frustriert. Fahren vollbeladen mit Verwandtschaft, verwundert über wahnsinnigen Weihnachtsmarktstau. Wandern verdammt wenig zufrieden über das wunderliche Warenangebot zum Weihnachtsfest. Fettige Fritten fallen von Weihnachtsimbisstellern, freuen fröhliche Vögel, wohlig verdauend. Wer wollte diesen Wahnsinn? Welche Widersprüche will der verrückte Weihnachtskommentar verfolgen?

MfG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM am Dortmunder Weihnachtsmarkt
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