Ärzte Zeitung, 15.07.2010

"Alkoholismus stürzt die Menschheit ins Unglück"

Ameisenexperte, Sexualforscher, Entdecker des Neurons und Gründer einer Sucht-Klinik: Der Schweizer Arzt August Forel (1849-1931) war ein umtriebiger Forscher.

"Alkoholismus stürzt die Menschheit ins Unglück"

August Forel: Rückblick auf mein Leben, Kart. 406 Seiten, Römerhof Verlag, Zürich, 29,70 Euro. ISBN 978-3-905894-05-9

Als schüchterner Siebenjähriger entdeckt August Forel seine Leidenschaft für Ameisen und erhält mit vierundzwanzig Jahren den Schläfli-Preis der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft. Immerhin acht Ameisenarten sind nach ihm benannt. Während seiner Studien am menschlichen Gehirn entdeckt der Arzt, der in Zürich Medizin studierte, als erster das Neuron, allerdings ohne es so zu nennen. Später erhielt ein anderer den Nobelpreis dafür, was Forel nie verwunden hat. Er gilt als Vater der Schweizer Psychiatrie. Unter anderem war es sein Verdienst, dass die Psychiatrie als Pflichtfach ins Medizinstudium aufgenommen wurde.

Als 30-Jähriger wird er Direktor an der Psychiatrischen Klinik Burghölzli und macht sich dort als Verfechter der Abstinenzbewegung einen Namen. "Ich sah, wie […] der Alkoholismus immerwährend die Zahl der Geisteskranken vergrößerte und unsere ganze Kulturmenschheit immer mehr durch Entartung und Unglück zugrunde zu richten drohte. Sollte man mit verschränkten Armen zusehen, den Dingen ihren Lauf lassen und sich mit der Pflege menschlicher Trümmer begnügen? Dagegen lehnte sich mein ganzes inneres Wesen auf", schreibt er, der oft miterleben musste, wie der Alkohol ganze Familien zerstört. 1888 gründet er die erste moderne Trinkerheilstätte Ellikon an der Thur, die bis heute als "Forel Klinik" Suchtkranke behandelt.

Trotz seines vielseitigen Einsatzes ist Forel umstritten, er wird als Befürworter der Eugenik und der Rassenhygiene verurteilt. Als überzeugter Sozialist sieht er die Ursache des Alkoholismus und der Geisteskrankheit vor allem in den gesellschaftlichen Lebensumständen der Bevölkerung.

Sehr persönlich, wenn auch an manchen Stellen recht langatmig, beschreibt Forel den Fortschritt seiner Studien in der Hirn- und Ameisenforschung, aber auch seinen Einsatz für die Gleichstellung der Frau und den Kampf gegen den Alkoholismus in der Schweiz. Eingebettet sind seine Erzählungen in den Kontext seines Privatlebens und der politischen Situation in Europa um die Jahrhundertwende. (acg)

August Forel: Rückblick auf mein Leben, Kart. 406 Seiten,
Römerhof Verlag, Zürich, 29,70 Euro. ISBN 978-3-905894-05-9

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