Ärzte Zeitung, 06.06.2014

Buchtipp

Sex - für immer weniger Menschen sexy

Für 60 Prozent der 14- bis 19-Jährigen ist das Smartphone wichtiger als Sex. Na und? Andy Warhol sagte einst: "Wahre Freiheit hat man erst, wenn man mit dem Sex durch ist."

Von Pete Smith

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Spaß im Bett? Irgendwie fehlt die richtige Lust.

© Fotowerk/Fotolia.com

FRANKFURT/MAIN. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Hatten 18- bis 30-Jährige hierzulande vor 30 Jahren noch zwischen 22 und 28 Mal Sex im Monat, so kommen sie heute auf vier bis zehn Intimkontakte - bei den 41- bis 50-Jährigen sind es gerade einmal zwei oder drei.

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Wer braucht denn noch Sex? Warum wir es immer seltener tun - und warum das nicht so schlimm ist. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 2014. 160 Seiten. 14.99 Euro.

Aber ist das schlimm? Nicht wirklich, meint der Bremer Wissenschaftsjournalist Jörg Zittlau in seinem Buch "Wer braucht denn noch Sex?" und rechnet vor, dass die Gesamtzahl aller Orgasmen eines Menschenlebens kaum einen Tag ausmacht, was im Vergleich zur Lebenserwartung von rund 80 Jahren geradezu lächerlich wenig sei.

Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa zufolge ist das Smartphone für 60 Prozent der 14- bis 19-Jährigen wichtiger als Sex. Dazu passt, dass das sexuelle Einstiegsalter nicht sinkt, sondern steigt.

Die wachsende Unlust zeige sich in allen Altersschichten und bei beiden Geschlechtern, schreibt Zittlau und belegt seine These durch etliche Studien.

Auch die möglichen Ursachen für die sexuelle Tristesse leitet er aus der Forschung her: In unserer leistungsbezogenen Gesellschaft gebe es immer mehr Narzissten, die sich selbst genügten, immer mehr Nerds, die ihre Asexualität kultivierten, immer mehr Stress, der die Libido beeinträchtige, und immer mehr Pornogucker, die für normalen Sex gar nicht mehr empfänglich seien. Sexdämpfend wirkten überdies viele jener chemischen Substanzen, denen wir uns täglich ausgesetzt sähen.

Was aber bedeutet die wachsende Unlust für unser Erbgut und überhaupt für das Überleben unserer Art? Wenig bis gar nichts, meint Zittlau und fordert seine Leser auf zu relaxen. Früher habe der Geruchssinn den Sex gesteuert, um immunstarke Nachkommen zu zeugen, das aber sei in unserer "durch und durch hygienisierten Welt" gar nicht mehr nötig.

Und mit Blick auf die Reproduktionsmedizin müsse sich wirklich niemand grämen, dass der Mensch mangels Sexaktivitäten aussterben könne - inzwischen sei die künstliche Befruchtung auch unter Kostenaspekten eine durchaus vollwertige Alternative zum Sex.

Die Conclusio seines entspannten und entspannenden Ratgebers hat Zittlau in einem Zitat des Popart-Künstlers Andy Warhol entdeckt: "Wahre Freiheit hat man erst, wenn man mit dem Sex durch ist." Denn der sei, zumal ohne Spaß, ein wahrer Beziehungskiller. Stärker als Sex bänden Paare Vertrauen, Toleranz und Verständnis aneinander.

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