Ärzte Zeitung, 26.08.2015

Auschwitz-Roman

"Auch wenn es weh tut"

Vor genau 50 Jahren fiel das Urteil im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Im Roman "Endspiel" beschreibt Pete Smith Begegnungen von Opfern und Tätern.

Von Anne Zegelman

FRANKFURT/MAIN. Elena Morgenstern reist von Frankfurt nach Hamburg, um ihm ins Gesicht zu sehen — dem Arzt, von dem sie glaubt, dass er ihren Mann im KZ zwangssterilisiert hat. "Möglich, dass sie in der Begegnung mit Dr. Franz Bernhard Lucas das Gute im Bösen sucht, eine Bestätigung, dass nicht jeder SS-Arzt ein Mörder war", heißt es in Kapitel 58.

In ruhigen Worten, nur selten wertend, erzählt Pete Smith, der auch für die "Ärzte Zeitung" schreibt, in seinem Roman "Endspiel" (Societäts-Verlag) auf 367 Seiten die Geschichte seiner Protagonistin, die versucht, eine unmenschliche Tötungsmaschinerie zu verstehen.

Im Mittelpunkt des 2015 erschienenen Romans, der bereits im Vorfeld mit dem Robert-Gernhardt-Preis des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet wurde, stehen zwei sehr unterschiedliche Figuren.

Notizen aus dem Koffer

Auf der einen Seite Lionel Kaufmann, ein junger Historiker, der im Frankfurter Seniorenheim der älteren Klientel das Internet nahebringen soll. Auf der anderen Seite seine 79-jährige Schülerin Elena Morgenstern, Witwe eines Auschwitz-Überlebenden. Sie vertraut Lionel ihre Tagebücher und Aufzeichnungen an und bittet ihn, die Geschichte ihres Lebens aufzuschreiben.

Lionel durchforstet die handschriftlichen Notizen, die in einem zerschlissenen Koffer die Jahrzehnte überdauert haben. Zunächst ist er unschlüssig, ob er dem Wunsch der alten Dame nachgeben soll. Doch dann lässt er sich ein auf das Abenteuer des fremden Lebens, das Stück für Stück auch sein eigenes zu prägen beginnt.

Mit den Augen des jungen Historikers taucht der Leser ein in Elena Morgensterns Schilderung der harten Kriegsjahre, in Elend, Hunger und Sehnsucht. Pete Smith gelingt es, Lionels Alltagsleben mit zum Teil dramatischen Rückblicken auf eine andere Zeit zu verflechten. Als Gegenwartskulisse wählt der Frankfurter Autor Deutschland zur Zeit der Fußballweltmeisterschaft 2010 — Sportpatriotismus an allen Ecken.

Dem gegenüber steht, durch Rückblenden und Tagebucheinträge lebendig gemacht, der übersteigerte Nationalismus der Nazizeit, in der Elena lebt. In einem Auffanglager in Dänemark lernt sie kurz nach dem Krieg den Juden Seraphin kennen und verliebt sich.

Doch als dieser sich nur wenige Jahre nach der Hochzeit das Leben nimmt, begreift die junge Witwe, dass das Grauen, das Seraphin im KZ erleben musste, auch ihre eigene Familie ausgelöscht hat, die sie nun niemals haben wird.

"Denken durfte man nicht"

Mitte der 60er Jahre wird Frankfurt zum Schauplatz des Auschwitz-Prozesses. Elena Morgenstern wartet vergeblich auf ein Schuldeingeständnis der Angeklagten: KZ-Ärzte, Aufseher, Selektoren. Der Arzt, den sie in Hamburg aufsucht, sieht sich als genauso unschuldig an wie einer, der ganze Familien "ins Gas" schickte oder der, der am liebsten junge Mädchen erschoss.

Die Entscheidungen hätten andere getroffen: "Denken durfte man nicht, das war uns abgenommen worden", wird auf Seite 228 aus der Aussage eines Angeklagten zitiert.

Der Journalist Pete Smith, der bereits mehrere Kinderbücher herausgegeben hat, geht nicht zimperlich mit seinem Leser um. Er mutet ihm schmerzhafte Details zu, erzählt ohne Pathos von unendlichem Leid und eiskalter Verwaltung des Todes.

Dem gegenüber steht, im Direktvergleich profan, die Dramatik des Fußballspiels. Eine furiose und mutige Kombination, die gelingt — und die schließlich zu dem Schluss kommt, dass das kollektive Gedächtnis nur funktionieren kann, wenn Erinnerungen aus den Köpfen in die Welt kommen. Auch, wenn es weh tut.

"Endspiel" von Pete Smith ist im Societäts-Verlag erschienen und kostet 12,80 Euro. ISBN: 978-3-95542-120-5

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