Ärzte Zeitung, 22.10.2015

Buchtipp

"Wir haben einfach gekocht"

Fades Essen im Heim muss nicht sein, findet ein Berliner Kochteam. Es tingelte durch Deutschland, um mit Senioren zu kochen. Die waren entzückt - und erinnerten sich an vergessene Fähigkeiten. Jetzt hat das Team ein Buch geschrieben.

SINZHEIM. Tina Ernst braucht kein Kochbuch. "Das hat man im Gefühl. Das braucht man, wenn man kochen will", sagt sie und rollt resolut zwischen beiden Händen ein "Bubespitzle" - jene süddeutsche Kartoffelspezialität, die andernorts als Schupfnudeln bekannt ist.

Die temperamentvolle 84-Jährige ist eine von sechs Frauen, die an diesem Freitag im Seniorenzentrum Sinzheim bei Baden-Baden mit einem Berliner Kochteam ihr eigenes Mittagessen zubereitet. Und wenn es nach ihr und den anderen am Tisch ginge, dann würden sie dies gerne öfter tun.

An die 800.000 Menschen leben bundesweit in Pflegeheimen. Viele von ihnen sind auf Vollversorgung angewiesen, eine ganze Reihe möchte sich aber nicht alles abnehmen lassen. Schon gar nicht das Kochen.

"Das Essen ist immer das Highlight für alte Menschen", weiß Anne Zöllner, die seit vielen Jahren im Seniorenheim Dienst tut. Doch das, was manchmal in Heimen auf den Teller kommt, lässt nicht immer Freude aufkommen.

Lieblose Kost

Lieblos sei es oft, und viel zu sehr an den Kosten orientiert, findet Jörg Reuter. Das geht gar nicht für einen "Foodie" wie ihn, für den Essen ein "emotionaler Genuss" sein muss. Unterstützt vom Coop-Fonds für Nachhaltigkeit hat der Gastronomieberater mit seiner Kollegin Manuela Rehn und Food-Bloggerin Cathrin Brandes zwölf deutsche Seniorenheime besucht.

Die drei haben weißhaarigen Damen von Barrien im Norden bis Bad Aibling im Süden zugehört, sie haben mit ihnen gekocht, jede Menge Déjà-vus an Omas Sonntagsbraten gehabt und neue Lieblingsrezepte entdeckt - von Klassikern wie Sauerbraten und Königsberger Klopsen bis hin zu nur regional bekannten Spezialitäten wie die Süßspeise "Pfitzauf" oder das Speck-Pflaumen-Gericht "Plum un Klütschen".

Emotionaler Genuss

Die schlichte wohlschmeckende Küche aus Großmutters Zeiten haben die Berliner in einem Buch zusammengefasst. Der Titel "Wir haben einfach gekocht" ist aber auch eine Verbeugung vor der älteren Generation.

Und ein Appell, deren unglaubliches Know-how mehr zu nutzen - und das im Interesse aller. "Wir wollen eine Diskussion darüber anstoßen, welche Rolle Essen als emotionaler Genuss für Menschen in Seniorenheimen spielt", so Reuter.

Mit den Erlösen des Buchs sollen Heim-Küchenleiter geschult werden. Zudem sucht das Team das Gespräch mit den Wohlfahrtsverbänden.

Baden-Württembergs Gesundheitsministerin Katrin Altpeter (SPD) ist angetan: "Dieses Projekt zeigt, dass ältere Menschen oft einen riesigen Schatz an Alltagswissen haben, der gehoben werden kann, wenn nur die richtigen Leute zusammenkommen", sagt die Politikerin.

Und sie sieht sich auf ihrem eingeschlagenen Weg bestätigt, Älteren eine Vielfalt an Wohnformen anzubieten. Für ein Altern in Würde.

"Das gemeinsame Kochen kann dazu einen wertvollen Beitrag leisten, in der Alten-WG wie im Altenheim", ist sie überzeugt. Beeindruckt ist die Ministerin vor allem, "mit wie viel Freude und Lust" die Alten und Jungen zusammen kochten.

Nachdem die Berliner "Foodies" da waren, haben die Frauen im Sinzheimer Seniorenheim nicht nur über die richtige Größe der "Bubespitzle" und den Riesling im Wein-Dessert diskutiert.

Beim Kochen gesungen

Sie haben gesungen, und manch eine ist über sich hinausgewachsen. Wie die 92-jährige Anna Braun: Sie hat den schweren Kartoffelteig durch die Presse gedrückt.

Die 74-jährige Christa Albietz hatte nicht ganz so viel Kraft an dem Tag, aber dafür umso mehr Spaß beim Zugucken. "Ganz großartig" findet sie das gemeinsame Kochen. "Dass mal Abwechslung ist, das hat mir gut gefallen."

Jörg Reuter, Manuela Rehn, Cathrin Brandes: "Wir haben einfach gekocht.", Umschau-Verlag. 304 Seiten, 29,95 Euro. ISBN 78-3-86528-805-9

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