Ärzte Zeitung, 20.07.2016

Skandal um Staatsdoping

Der Anfang vom Ende des Hochleistungssports?

Strafe für die Bösen, Gerechtigkeit für die Guten? Die Debatte um systematisches Doping in Rußland erhitzt weiter die Gemüter. Aktuelle Entscheidungen können nur der Anfang sein - es geht um die Zukunft des Hochleistungssports.

Von Pete Smith

Der Anfang vom Ende des Hochleistungssports?

Das IOC entscheidet über eine Strafe für das russische Staatsdoping: Gibt es einen Sieg der Gerechtigkeit?

© frauunhold / fotolia.com

E sollte der Tag der Entscheidung werden. Nach Bekanntwerden des WADA-Berichts, in dem die Welt-Anti-Doping-Agentur dem russischen Leistungssport systematisches, vom Staat gesteuertes und vom Geheimdienst unterstütztes Doping vorwirft, erwarteten Athleten, Funktionäre und Beobachter gestern vom Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ein starkes Signal - auf dass die Bösen bestraft würden und den Guten Gerechtigkeit zuteilwerde.

Das IO hat gestern über die Konsequenzen des WADA-Berichts beraten, Ergebnisse dazu lagen bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht vor. Ständig aktualisierte News über den Doping-Skandal lesen Sie online

Preisgeld wird zurückgefordert

Am Dienstag meldeten britische Medien, dass die des Dopings überführte russische Marathonläuferin Lilija Schobuchowa vom Obersten Zivilgericht in Großbritannien dazu verurteilt worden sei, ihre beim London-Marathon gewonnenen Preisgelder in Höhe von insgesamt etwa 450 000 Euro an den Veranstalter zurückzuzahlen.

Etwa zeitgleich verkündete die Vorsitzende der deutschen Doping-Opfer-Hilfe (DOH) Ines Geipel, dass die russische Leichtathletin und Whistleblowerin Julia Stepanowa mit dem Anti-Doping-Preis 2016 ausgezeichnet werde.

Die 800-Meter-Läuferin, Dritte der Halleneuropameisterschaft von 2011, hatte gemeinsam mit ihrem Ehemann Witali Stepanow, einem ehemaligen Angestellten der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada, gegenüber Journalisten der ARD ausführlich über das systematische Doping im russischen Sport berichtet.

Ein Sieg der Gerechtigkeit, sollte man meinen, doch bei genauerem Hinsehen ergaben sich daran berechtigte Zweifel. Denn ob Lilija Schobuchowa ihre Preisgelder von 2010 und 2011 jemals an den Kläger, den Rennveranstalter London Marathon Events Ltd. zurückzahlen wird, steht in den Sternen.

Zunächst einmal muss das britische Urteil auch in Russland wirksam gemacht werden, ein Weg, den der Kläger selbst am Dienstag "lang und hart" nannte. Und ob die vom IOC so gelobte Julia Stepanowa bei den in zweieinhalb Wochen beginnenden Olympischen Sommerspielen von Rio starten darf, ist ebenfalls ungewiss. Zwar hat ihr das IOC die Erfüllung ihres Traums in Aussicht gestellt, aber noch nicht abschließend darüber entschieden.

Es geht nicht nur um Sotchi

Nach der Veröffentlichung ihres Berichts hatte die WADA dem IOC und dem paralympischen Komitee IPC am Montag empfohlen, einen Ausschluss sämtlicher russischer Athleten von den Olympischen Spielen und den Paralympics zu prüfen.

 In seinem im Auftrag der WADA erstellten Report kommt der kanadische Jurist Richard McLaren zu dem Ergebnis, dass zwischen 2012 und 2015 insgesamt 643 positive Doping-Proben russischer Athleten "verschwunden" seien.

Betroffen seien außer den Olympischen Winterspielen von Sotchi 2014 auch die Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2013 in Moskau und die Schwimm-WM 2015 im russischen Kasan. Systematisches Doping in Russland habe es in mindestens 20 von 28 olympischen Sommersportverbänden und mindestens sechs von sieben olympischen Wintersportverbänden gegeben. Sowohl das russische Sportministerium als auch die russische Anti-Doping-Agentur und der russische Geheimdienst FSB seien involviert, so McLaren.

Als erste Reaktion auf den WADA-Bericht hatte das IOC am Montag "härtest mögliche Sanktionen" gegen Russland angekündigt.

Auch die russische Staatsführung reagierte prompt: Nachdem Präsident Wladimir Putin angekündigt hatte, "Funktionäre, die in dem Bericht als direkt Beteiligte genannt werden", bis zum Ende der Untersuchungen zu suspendieren, entließ der russische Ministerpräsident Dimitri Medwedew den stellvertretenden Sportminister Jui Nagornich - zumindest vorläufig.

 Sportminister Witali Mutko dagegen bleibt im Amt. Mutko ist Mitglied im Exekutivkomitee der Fifa, die inzwischen angekündigt hat, sich mit Mutko und den Fällen von Doping im russischen Fußball demnächst zu befassen.

Während Athleten wie Diskus-Olympiasieger Robert Hartung euphorisch auf den McLaren-Report reagierten ("Ich bin überglücklich. Das ist ein wahnsinniger Erfolg!") stellte die ehemalige Leichtathletin Sylvia Schenk, Mitglied der Organisation Transparency International Deutschland, das gesamte Anti-Doping-System in Frage und forderte, investigativ gegen Verbände, Funktionäre und Labore vorzugehen.

[21.07.2016, 16:43:08]
Wolfgang P. Bayerl 
erstaunlich
dass nur in Russland gedopt wird, offenbar auch von den vielen sauberen zum Beitrag »
[20.07.2016, 21:05:06]
Wolfgang P. Bayerl 
man muss das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.
Leistungssport unterscheidet sich ja kaum noch vom bezahlten Berufssport.
Wenn man sich als Arzt etwas näher mit den Wirkstoffen beschäftigt, steht eigentlich das nihil nocere an erster Stelle, gelegentlich auch "harte Drogen" genannt. Dazu gehören sicher Amphetamine und Anabolica, die zu Todesfällen führen können, aber auch Schmerzmittel, die notwendige Gefahrensignale vor Überlastung ausschalten (fit-Spritzen). Die Verletzungsanfälligkeit ist ja fast sprichwörtlich bei Leistungssportlern.
Schon in diesem Bereich gibt es Inkonsequenzen der WADA. Amphetamine sind nur noch im Wettkampf verboten, nicht im Training, ärztlich nicht zu rechtfertigen.
Dann gibt es dieses Heer von nicht hormonell wirkenden Vitaminen und "sekundären Pflanzenstoffen", auch Nahrungsergänzung genannt, kaum noch überschaubar und in einer "Kölner Liste" nachzulesen, damit man immer up-to-date ist und nicht plötzlich in eine Falle tappt. Na klar gibt es bei großen Leistungen auch einen höheren Nahrungsbedarf, bei Radfahrern bis 10000 Kcal/Tag und damit auch Vitamine und z.B. "Antioxydantien", die den Stoffwechsel soweit unterstützen, dass z.B. die Insulinresistenz der Muskelzelle unterbleibt oder erst später eintritt. Soll man das bestrafen? Nein, dafür gibt es ja diese "Kölner Liste" in der auch Schmerzmittel und Antirheumatika enthalten sind. Auch hier ist die WADA merkwürdig inkonsequent und spätestens seit dem Meldonium®-Verbot eindeutig politisch (nur der Ostblock bei uns entspricht das etwa dem erlaubten Thioctacid). Die nebulöse Begründung der WADA als "hormonähnlich" ist schlicht falsch.
Ich frage mich auch warum Blut-und Urin-Proben wirklich Jahrzehnte aufgehoben werden und NICHT sofort analysiert werden. Was soll das? Irgendwann nach 12 Jahren beschließt man bestimmte Sportler zu kontrollieren, die sich bis dahin sauber wähnten und sich ganz sicher nicht an Einzelheiten erinnern können.
Und jetzt ein gezielter Angriff KEINESWEGS mit lückenloser Beweisführung für ein ganzes Land. Kollektivstrafen ohne Beweise?
Sportler werden zu Opfern von politischen Machtkämpfen im Hintergrund.
Claudia Pechstein war auch ein Opfer von Funktionären, sie war ganz sicher NICHT gedopt, soviel sollte ein Arzt wissen. zum Beitrag »

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