Ärzte Zeitung, 02.04.2004

Selen als Option bei Patienten mit Autoimmun-Thyreoiditis?

Placebo-kontrollierte Studie / Tägliche Substitution von Selen wirkt sich positiv auf den Antikörper-Titer aus

WIESBADEN (hbr). Selen reduziert bei Autoimmun-Thyreoiditis offenbar die Titer der TPO-Ak (thyreoidale Peroxidase-Antikörper). Das hat eine erste Placebo-kontrollierte Studie ergeben. Ein Follow-Up hat dieses Ergebnis inzwischen bestätigt.

An der ersten prospektiven und Placebo-kontrollierten Studie haben 70 Patienten mit Autoimmun-Thyreoiditis und TPO-Ak-Konzentrationen über 350 U/l (normal: 30 bis 60 U/l) teilgenommen, wie Professor Roland Gärtner vom Klinikum Innenstadt in München auf dem von Merck KGaA unterstützten Wiesbadener Schilddrüsen-Symposium berichtet hat. Im Mittel hatten sie einen Plasma-Selenspiegel im unteren Normbereich (Norm: etwa um 70 µg/l).

Die Patienten erhielten drei Monate lang täglich 200 µg Natriumselenit oder Placebo. Mit Verum stieg daraufhin der Serum-Selenspiegel im Mittel auf etwa 85 µg/l. Die TPO-Ak-Konzentration fiel signifikant von im Mittel 905 auf 576 U/l. Dieser Effekt war um so ausgeprägter, je höher der Anfangswert war.

Bei neun Verum-Patienten waren bei Studienende keine Ak mehr nachweisbar. Mit Placebo traf das bei zwei Patienten zu. Unerwünschte Effekte wurden nicht beobachtet.

Ähnliche Ergebnisse hat eine Studie in Griechenland mit ebenfalls 70 Patienten mit Autoimmun-Thyreoiditis gebracht. Die Studienteilnehmer erhielten sechs Monate lang ein Placebo oder täglich 200 µg Selenomethionin. In der Selengruppe sank der TPO-Ak-Titer signifikant.

47 Patienten der deutschen Untersuchung wurden sechs Monate nach Studienende erneut untersucht: Bei den Placebo-Patienten hatte sich nichts verändert. Bei Patienten, die die Selen-Therapie fortsetzten, sank der Antikörper-Titer weiter; bei Patienten, die die Therapie beendet hatten, stieg er dagegen wieder.

Wie könnte Selen bei einer Autoimmun-Thyreoiditis wirken? "Die Schilddrüsenzellen sind die Zellen mit der höchsten Bildung freier Radikale", sagte Gärtner. Bei Entzündungen entstehen vermehrt freie Radikale. Um überschießende Sauerstoffradikale abzufangen, ist Glutathion-Peroxidase notwendig. Und die ist Selen-abhängig. Eine Selen-Substitution, so Gärtner, könnte deshalb bei Autoimmun-Thyreoiditis mit hoher entzündlicher Aktivität sinnvoll sein.

Der Selenbedarf liegt der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zufolge bei 1 µg pro Kilo Körpergewicht täglich - ein Wert, der "wahrscheinlich etwas zu niedrig ist", so Gärtner. In Deutschland nehmen Menschen 30 bis 60 µg Selen täglich über die Nahrung auf. Vor allem Meeresfisch, Fleisch, Milch und Eier enthalten Selen.

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