Ärzte Zeitung, 09.05.2007

HINTERGRUND

Täglich Vollkornbrot reduziert das Darmkrebsrisiko, viel Obst und viel Gemüse schützen vor Diabetes

Von Philipp Grätzel von Grätz

Auf die Frage, was denn für ihn bisher die am meisten überraschende Erkenntnis der EPIC-Studie sei, reagiert Professor Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam sehr zögerlich. Schließlich kommt doch eine Antwort: Dass sich mit einem hohen Obst- und Gemüsekonsum das Krebsrisiko nicht reduzieren lässt, habe ihn schon sehr überrascht. "Um das richtig interpretieren zu können, werden wir noch einige Zeit brauchen."

Immer empfehlenswert: gesundes Essen, etwa nach mediterraner Art - auch wenn es nicht vor jeder Art von Krebs schützt. Foto: dpa

Die EPIC-Studie, die jetzt ins 15. Jahr geht, ist eine der größten prospektiven epidemiologischen Untersuchungen, um Zusammenhänge zwischen Ernährung und Krankheitsrisiken aufzuspüren. Der Hauptfokus liegt dabei auf Krebserkrankungen. Aber auch Inzidenzen von metabolischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus wurden mit Ernährungsdaten von insgesamt über einer halben Million Teilnehmern in zehn europäischen Ländern verglichen.

Vor allem zum Darmkrebsrisiko gibt es robuste Zahlen aus EPIC

Wer sich von einer solchen Riesenstudie ganz konkrete Empfehlungen für eine medizinisch sinnvolle Ernährung gewünscht hat, wird nicht unbedingt enttäuscht. Vor allem zum Risiko für Dickdarmkrebs hat EPIC einige recht robuste Zahlen geliefert:

  • Die regelmäßige Zufuhr von Ballaststoffen senkt offenbar das Risiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken. Wer seine Ballaststoffzufuhr von 15 auf 35 Gramm pro Tag erhöht, verringert sein Darmkrebsrisiko um 40 Prozent. Ganz einfach ist das allerdings nicht: 35 Gramm Ballaststoffe sind in fast sechs Scheiben Vollkornbrot enthalten.
  • Exzessiver Konsum von Fleisch- und Fleischwaren, vor allem Rind, Schwein und Lamm, ist mit einem erhöhten Darmkrebsrisiko verbunden. Als exzessiv betrachten die Potsdamer Ernährungswissenschaftler ein Steak pro Tag. Die Faustregel lautet, dass pro 100 Gramm rotes Fleisch pro Tag das Darmkrebsrisiko um etwa die Hälfte steigt.
  • Ein hoher Fischkonsum geht mit einem niedrigeren Risiko einher, an einem kolorektalen Karzinom zu erkranken. 100 Gramm mehr Fisch pro Tag halbieren das Risiko für kolorektale Karzinome. Auf das Mamma-Karzinom-Risiko hat Fisch dagegen keinen Einfluss.

Noch ist der enorme Datenpool der EPIC-Studie jedoch kaum ausgewertet. "Alles in allem veröffentlichen Wissenschaftler pro Jahr derzeit 60 bis 80 Publikationen, die sich der EPIC-Daten bedienen", schätzt Boeing, "aber eigentlich wird es jetzt erst so richtig interessant."

Denn tiefer einsteigen wollen die EPIC-Wissenschaftler in den nächsten Jahren vor allem in die Untersuchung von Biomarkern aus zehntausenden von Laborproben, die während der Studie gesammelt wurden. Diese Daten könnten eine Erklärung liefern, wie bestimmte Ernährungsweisen mit Krankheitsinzidenzen zusammenhängen.

Der Obst- und Gemüsekonsum ist dafür ein gutes Beispiel. Obst und Gemüse verringert den EPIC-Daten zufolge zwar die Inzidenz von Lungenkrebs, nicht aber die von Magen-, Brust-, Prostata-, Nieren- und Ovarialkarzinomen sowie von Lymphomen. Auf die Gesamtinzidenz von Krebs wirken sich Obst und Gemüse dementsprechend nicht aus. Das heißt aber nicht, dass Obst- und Gemüse-Essen keine gute Idee wäre. So ist bei Menschen, die viel davon essen, das Diabetesrisiko um 70 Prozent reduziert - auch das zeigen Daten der EPIC-Studie. Darüber hinaus könnte es sein, dass sich unter bestimmten Bedingungen mit Vitaminen das Krebsrisiko tatsächlich reduzieren lässt.

So wurde in Biomarker-Untersuchungen festgestellt, dass ein erhöhter Vitamin-C-Gehalt im Blut - anders als ein hoher Vitamin C-Konsum - mit einem niedrigeren Magenkrebsrisiko einhergeht. Und zwar vor allem bei jenen Menschen, die reichlich Fleisch essen. Es wäre demnach denkbar, dass Menschen, die das in Obst und Gemüse enthaltene Vitamin C besonders gut aufnehmen, ein reduziertes Magenkrebsrisiko haben, was sich aber erst bei hohem Fleischkonsum bemerkbar macht.

Alkohol beeinflusst über Hormone das Brustkrebsrisiko

Auch das Beispiel Alkohol und Brustkrebs illustriert, dass die Kombination aus Biomarker-Messung und Ernährungsepidemiologie interessante Hypothesen befördern kann. In einer der neuesten EPIC-Publikationen konnten dänische Wissenschaftler zeigen, dass mit jedem Glas Bier oder Wein, das täglich getrunken wird, das Brustkrebsrisiko um sechs Prozent steigt - definiert wurde für ein Glas eine Alkoholmenge von 20 Gramm. Schon vorher war bekannt, dass Alkoholkonsum mit höheren Sexualhormonspiegeln einher geht. Denkbar wäre es nun, dass alkoholinduziertes Fettgewebe vermehrt Sexualhormone produziert, die die Brustkrebsgefahr erhöhen.

Bewiesen ist das nicht, aber es ist zumindest ein Ansatz für die weitere Forschung. Alles in allem haben 15 Jahre EPIC-Studie vor allem eins gezeigt: Der Zusammenhang von Ernährung und Krankheitsrisiken ist viel komplexer, als Ernährungswissenschaftler bislang gedacht haben.

STICHWORT

EPIC-Studie

Die EPIC-Studie (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) ist eine prospektive epidemiologische Langzeitstudie. Aufgenommen wurden 519 000 anfangs gesunde Teilnehmer in zehn europäischen Ländern. Untersucht wird etwa der Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebs, aber auch die Bedeutung von Übergewicht und körperlicher Aktivität für das Krankheitsrisiko. (gvg)

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