Ärzte Zeitung, 12.10.2007

HINTERGRUND

Eltern müssen mitmachen, sonst kommt gesunde Schulkost bei Kindern nicht an

Von Arndt Striegler

Immer mehr Kinder und Jugendliche sind übergewichtig. Politiker richten daher europaweit ihr Augenmerk zunehmend auf Ernährungsbildung und geeignete Angebote bereits bei Schulkindern. Was in Deutschland großteils noch in der Projektphase steckt wie der nationale Aktionsplan "Ernährung und Bewegung", ist in Großbritannien bereits erprobt worden - mit eher entmutigenden Ergebnissen.

Spitzenkoch Johann Lafer (r.) und Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) werben gemeinsam für gesunde Ernährung in deutschen Schulen. Foto: dpa

So essen Schulkinder in Großbritannien trotz aller Anstrengungen weiterhin lieber "Fish and Chips" anstatt Äpfel und Bananen, wie aus aktuellen Untersuchungen an ausgewählten britischen Schulen hervorgeht. Drei Jahre lang hatte das britische Gesundheitsministerium zuvor versucht, Schulkinder dazu zu motivieren, während der Pausen gesünder zu essen.

Promi-Koch Jamie Oliver ging sogar persönlich in die Schulen, um die Kids davon zu überzeugen, dass frisches Obst und Gemüse gesund und lecker ist. Doch der 32-jährige Oliver scheiterte. "Britische Schulkinder ernähren sich heute so ungesund wie vor drei oder fünf Jahren", stellte ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums in London im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" resignierend fest.

Das Gesundheitsministerium hat nach eigenen Angaben seit 2004 insgesamt 119 Millionen Pfund (umgerechnet rund 184 Millionen Euro) in die Verbesserung der Schul- und Kindergartenverpflegung investiert. Mehr als zwei Millionen Schulkinder in ganz England wurden regelmäßig über die Schulkantinen in rund 18 000 Schulen mit frischem Obst versorgt. Gleichzeitig wurden "Fish and Chips", Hamburger und Pizza von der Speisekarte gestrichen.

Dabei handelte es sich nach Angaben von britischen Pädiatern um die drastischsten Eingriffe in die britische Schulverpflegung seit Einführung der kostenlosen Schulmilch für Kinder im Jahr 1946.

Das ernüchternde Resultat der Kampagne: Von 3703 Schulkindern im Alter von vier bis sechs Jahren aus Nord-England, die zwischen Februar und Dezember 2004 versuchsweise kostenloses Frischobst in der Schulkantine erhielten, ernährt sich heute kein Kind wesentlich gesünder als vor dem Gratis-Obst-Versuch.

"Es ist schon sehr bemerkenswert, dass die Regierung Millionen in die Verbesserung der Schulmahlzeiten-Qualität investiert, ohne dass dies messbare Erfolge zeigt", so Professor John Lowe von der Universität Bangor. Sein Fazit: "Wir können den Kindern zwar frisches Obst als Option anbieten, aber wir können sie nicht zwingen, das Obst auch tatsächlich zu essen."

Diese Erfahrung musste auch der Mit-Initiator der "Feed me better"-Kampagne, Jamie Oliver, machen, als er im September 2006 die Rawmarsh Community School in der Grafschaft Yorkshire besuchte. Bewaffnet mit dutzenden Kisten frischer Äpfel, Orangen und Bananen versuchte der 32-jährige Promi-Koch, die rund 1100 Schulkinder davon zu überzeugen, auf Fast Food zu verzichten und stattdessen lieber gesund zu essen.

Ergebnis: Verärgerte Eltern reichten ihren Zöglingen Pizzen und Pommes über die Schulmauer in den Pausenhof! "Unsere Kinder haben das Recht, das zu essen, was ihnen schmeckt", so eine der erbosten Mütter. Das Experiment wurde eingestellt.

Das Beispiel aus Yorkshire zeigt nach Ansicht von Ernährungsexperten und Pädiatern, dass es nicht ausreicht, das Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen allein über die Kindergärten und Schulen zu verbessern.

Stattdessen müsse damit bereits im Elternhaus angefangen werden. Nur so ließen sich vermutlich langfristige Verbesserungen erreichen. Das Beispiel England freilich zeigt: Oftmals sind die Eltern das Problem. Sie ernähren sich ebenso ungesund wie ihre Kinder. Die Kinder kopieren ihre Eltern und begehen dieselben Fehler.

Eine Anfrage der "Ärzte Zeitung" beim britischen Gesundheitsministerium ergab, dass man dort dennoch "weiterhin auf Aufklärung und gute Information" setzen werde. Es stellt sich allerdings die Frage, warum diese für 2008 und 2009 neu geplanten Aufklärungskampagnen in den britischen Ganztagsschulen erfolgreicher verlaufen sollten als die vorherigen.

STICHWORT

Übergewicht bei Kindern

In Deutschland sind zirka 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig bis adipös. In Großbritannien geht man davon aus, dass 17 Prozent aller zwei- bis zehnjährigen Kinder übergewichtig sind. Pädiater in beiden Ländern befürchten, dass sich der Trend zu mehr dicken Kindern in den kommenden Jahren fortsetzen wird. Die britische Regierung richtete deshalb etwa die "National Childhood Obesity Database" (NCOD) ein. Erkenntnisse aus dieser Datenbank sollen helfen, ernährungsbedingte Krankheiten nicht nur bei britischen Kindern langfristig zu vermeiden. (ast)

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