Ärzte Zeitung, 12.03.2008

HINTERGRUND

Trotz guter Kost sind viele alte Menschen unterernährt

Von Nicola Siegmund-Schultze

Mangelernährung ist ein häufiges Problem bei älteren Menschen. Einerseits besteht die Notwendigkeit, einer unzureichenden Energie- und Eiweißzufuhr möglichst schnell entgegen zu steuern. Andererseits werden Patienten, die in der Terminalphase einer progredienten, schweren Grunderkrankung zu wenig essen, meist auf Drängen der Angehörigen zu oft künstlich ernährt, wie Professor Mathias Plauth bei einer Fortbildungsveranstaltung der Falk Foundation sagte.

Bis zu 60 Prozent der Bewohner von Seniorenheimen seien unterernährt und bis zu 65 Prozent derjenigen, die akut stationär aufgenommen werden. In der Gruppe der Patienten mit Schenkelhalsfrakturen seien es etwa 75 Prozent. Bei unzureichender Energie- und Eiweißzufuhr jedoch nehmen Muskelmasse, Muskelkraft und Knochendichte ab - mit der Folge eines erhöhten Sturzrisikos.

Stoffwechsel passt sich im Alter Veränderungen nur langsam an

Allerdings kann auch bei normalem BMI ein klinisch bedeutsamer Eiweißmangel vorliegen. Äußeres Zeichen ist eine Muskelatrophie, typischer Laborparameter ist ein niedriger Albuminwert. Die Bildung von Eiweiß aus Aminosäuren im Körper wird nicht durch das Alter per se eingeschränkt, sagte der Kollege aus Dessau bei dem Symposium in Essen. Vielmehr passt sich der Stoffwechsel bei alten Menschen viel langsamer einer veränderten Energiezufuhr an. Schaltet bei jungen Erwachsenen mit Anorexie der Stoffwechsel rasch auf "Sparflamme", verbrauchen Menschen in höherem Alter bei unzureichender Nahrungsaufnahme längere Zeit unangemessen viel Energie. Als normal gilt ein Body Mass Index von 20 bis 25 kg/m2, als mäßig unterernährt ein BMI zwischen 16 und 19 kg/m2, deutlich unterernährt sind Menschen, die weniger wiegen.

"Kleinere Portionen mit höherer Energiedichte anbieten - das ist eine einfache Methode, die Ernährung zu verbessern", rät Plauth. Die Energiedichte lasse sich zum Beispiel erhöhen durch den Zusatz von Maltodextrin, Sahne oder eiweißreichen Pulvern.

Eiweißreiche Trinkdiät verkürzt den Aufenthalt in der Klinik

Eine andere Möglichkeit ist es nach den Angaben des Wissenschaftlers, zusätzlich zur normalen Nahrung ein flüssiges Ernährungssupplement anzubieten. Durch Studien ist belegt, dass Patienten mit Schenkelhalsfraktur auf diese Weise mehr Eiweiß aufnehmen: statt 34 g am Tag 55 g pro Tag. Die Probanden in der Behandlungsgruppe hatten 35 Tage lang abends eine eiweißreiche Trinkdiät (20 g Eiweiß in 250 ml Flüssigkeit) erhalten. Probanden ohne Zusatznahrung blieben durchschnittlich 102 Tage auf Station, diejenigen, die das Supplement erhalten hatten, im Durchschnitt 69 Tage. Angesichts dieser positiven Kosten-Nutzen-Bilanz seien Bestrebungen, die Kostenübernahme für Ernährungssupplements zu streichen, nicht nachvollziehbar, sagte Plauth.

Nach seinen Angaben sind die von mehreren Herstellern angebotenen Flüssigdiäten mit hoher Energiedichte (1,5 bis 1,7 kcal/ml) ein gutes Mittel zur Behandlung von mangelernährten älteren Menschen. Das Argument, die Trinknahrung mache die Patienten so satt, dass sie den Appetit auf normales Essen verlören, sei durch Studien widerlegt. Doch könne es passieren, dass weder Versuche mit intensivierter Betreuung und Wunschkost, noch die Anreicherung der Nahrung mit Maltodextrin oder Eiweißkonzentraten, noch eine Zusatzkost den gewünschten Effekt bringen. Dann sei zu erwägen, ob Patienten eine PEG-Sonde benötigen, sagte Professor Christian Löser aus Kassel. Das bedürfe aber einer klaren medizinischen Indikation.

"Die PEG-Sonde soll nicht gelegt werden, um Personal oder Kosten zu sparen", so Löser. Er plädierte dafür, die Indikation in der Terminalphase einer Erkrankung streng zu stellen. Eine PEG-Sonde könne aber dann geboten sein, wenn der Patient Hunger oder Durst habe oder Angst zu verhungern, ohne oral genügend Nahrung aufnehmen zu können. Professor Löser hält es für wichtig, dass vorher ein zeitlich limitierter Behandlungsversuch über eine nasogastrale Sonde die Symptome gelindert hat.

In der Frühphase einer progredienten, schweren Erkrankung ist nach seiner Aussage die Indikation zur künstlichen Ernährung weniger eng zu stellen, wenn alle anderen Mittel nicht geholfen hätten. "In dieser Phase verbessert die Ernährung über eine PEG-Sonde die Lebensqualität der Patienten, auch bei infauster Prognose", sagte Löser. Die subjektiven und klinischen Effekte seien um so eindrucksvoller, je früher die Patienten die Sondenernährung erhalten.

STICHWORT

Ernährung im Krankenhaus

Obwohl Energie- und Nährstoffgehalt der Krankenhauskost im allgemeinen gut sind, essen die Patienten die Portionen nur zu etwa 60 Prozent. Der tägliche Energiebedarf wird nur zu etwa 75 Prozent gedeckt, die durchschnittliche Eiweißzufuhr beträgt etwa 48 g am Tag. Nur zehn Prozent der Patienten nehmen etwa 2000 kcal pro Tag und 0,8 bis 1,0 g Eiweiß pro kg Körpergewicht zu sich. (nsi)

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