Ärzte Zeitung, 07.05.2008

HINTERGRUND

Nahrungsergänzungsmittel - Markt völlig unübersichtlich

Von Thomas Meißner

Diätetische Lebensmittel, Functional und Novel Food, Nahrungsergänzungsmittel - der Bevölkerung wird permanent suggeriert, sie würde sich mangelhaft ernähren, und daher solche Produkte benötigen. Scharfe Kritik an diesem stetig wachsenden Markt hat Professor Martin Schulz von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) geübt. Ungerechtfertigte Heilsversprechen, die angebliche Harmlosigkeit der Produkte und die für Laien verschwimmenden Grenzen zu Arzneimitteln könnten im Einzelfall gefährlich sein. Auch für Heilberufler ist die Situation nicht mehr übersichtlich.

Mit Apothekenlabel wollen Firmen ihre Produkte adeln

So würden Hersteller etwa ihre Nahrungssupplemente teilweise mit Labels wie "Exklusiv in Ihrer Apotheke" adeln und so für ihre Produkte die Seriosität von Arzneimitteln reklamieren, kritisierte Schulz, Leiter des ABDA-Bereichs Arzneimittel beim Internisten-Kongress in Wiesbaden. Noch problematischer werde es, wenn Firmen Produktreihen mit demselben Namen anbieten, es sich dabei aber mal um eine Arznei, mal um ein diätetisches Lebensmittel und mal um ein Medizinprodukt handle. Ein Beispiel: Formoline Figurtropfen ist ein Arzneimittel (Homöopathikum) zur Gewichtsreduktion, Formoline L 112 ein Medizinprodukt (Lipidbinder), Formoline Eiweiß Diät Pulver ein diätetisches Mittel.

Dass Nahrungsergänzungsmittel nicht immer unbedenklich sind, hat eine aktuelle Studie ergeben: Knapp 300 Patienten mit akuter Pankreatitis hatten Probiotika-Stämme oder Placebo erhalten. Die Sterberate war in der Probiotika-Gruppe mit 16 Prozent fast dreimal so hoch wie in der Placebo-Gruppe mit 6 Prozent. Acht der neun Patienten in der Probiotika-Gruppe waren an Darmischämien gestorben, in der Placebo-Gruppe niemand (Lancet 371, 2008, 659).

Zahl der Heilsversprechen widerspricht der Datenlage.

Bei Antioxidantien ist bekannt: Beta-Carotin und Vitamin A erhöhen bei Rauchern das Lungenkrebsrisiko. Eine Meta-Analyse von 68 Studien (250 000 Teilnehmer) mit Multivitaminpräparaten belegte eine erhöhte Sterberate, wenn Vitamin A, E und Beta-Carotin regelmäßig in Megadosen konsumiert worden war (JAMA 297, 2007, 842). Studien zeigen immer öfter: Ohne Mangelzustände sind positive Effekte einzeln verabreichter Antioxidantien nicht zu erwarten.

Dennoch ist die Zahl der Heilsversprechen groß, teilweise im krassen Gegensatz zur Datenlage. Gerne werde dann mit angeblichen Professoren angesehener US-amerikanischer Unis geworben. Wissenschaftler, die sich dort aber nicht finden ließen, so Schulz. Auch die Abgrenzung zu Phytopharmaka sei für den Verbraucher oft nicht erkennbar. Bestes Beispiel ist Johanniskraut, dessen Extrakte als Dragees und Tees sehr günstig in Drogerien oder über das Internet zu beziehen sind. Die Präparate dürfen als Tagesdosis maximal ein Gramm Droge und bis zu 1 mg Hyperforin enthalten. Oft liegen die darin empfohlenen Tagesdosen gerade unter dem Limit, bei dem eine arzneimittelrechtliche Zulassung erforderlich wäre. Die Dosis, für die in Studien eine antidepressive Wirkung nachgewiesen wurde, liegt allerdings deutlich höher (500 bis 1000 mg eines standardisierten Extraktes).

Unerwünschte Effekte können aber schon bei geringeren Dosen auftreten. So liegt das Risiko bei unkontrolliertem Gebrauch frei verkäuflicher Johanniskraut-Präparate in deren Interaktionspotenzial mit anderen Arzneien. Die Wirkung von Kontrazeptiva, Antikoagulantien oder Virustatika kann herabgesetzt werden. Ärzte sollten ihre Patienten stets fragen, was sie außer Arzneien noch einnähmen.

Ähnlich verhält es sich mit Omega-3-Fettsäuren, die auch als Arzneimittel und als Nahrungsergänzungsmittel (in niedriger Dosierung) erhältlich sind. Die freiverkäuflichen Produkte könnten jedoch kanzerogene Schadstoffe und Quecksilber enthalten, warnte Schulz.

Zehn Indizien für Quacksalberei

Nach Professor Martin Schulz ist die Seriosität freiverkäuflicher Produkte fraglich bei:

  1. Versprechen fehlender Nebenwirkungen - dann besteht der begründete Verdacht, dass auch Hauptwirkungen fehlen
  2. Erfolgsgarantie
  3. vielseitige Wirksamkeit (Indikations-Lyrik)
  4. exotische Herkunft - damit wird bei Kunden Interesse geweckt
  5. bedenkliche Werbung wie "besser als Schulmedizin" - z.B. als Alternative zu Antibiotika
  6. Erfahrungsberichte werden als Wirksamkeitsbelege verkauft
  7. Kult um den Entdecker
  8. Werbung "seit Jahrzehnten bewährt" oder "traditionell angewendet"
  9. angeblich hoch wirksam, aber doch nicht als Arzneimittel zugelassen (warum eigentlich, wenn es zum Blockbuster werden könnte?)
  10. Betonung auf "Ausgleich von Mängeln in der Ernährung"

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