Ärzte Zeitung, 14.01.2016

Welternährungskonferenz

Der große Hunger in Megastädten

Ab 14. Januar treffen sich in Berlin hochrangige politische Vertreter aus aller Welt, um auf der Welternährungskonferenz über die globale Entwicklung von Megalopolen zu diskutieren. Im Mittelpunkt steht dabei die Sicherstellung der Ernährung in den Ballungsräumen.

Von Matthias Wallenfels

Der große Hunger in Megastädten

Lebensmittelmarkt in Mumbai: Die wachsende Bevölkerung kann in Megastädten zu Engpässen bei Nahrungsmitteln führen.

© danhvc / fotolia.com

BERLIN. Wie kann die Ernährung - und damit eine wesentliche Voraussetzung der Gesunderhaltung - in Zukunft in den Megastädten der Welt gesichert werden? Welche Szenarien drohen, wenn die Versorgungskette aus den Fugen gerät?

Auf dem am Donnerstag in Berlin im Rahmen der Grünen Woche startenden 8. Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) diskutieren Agrarminister aus aller Herren Länder auf der vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ausgerichteten Berliner Welternährungskonferenz.

Laut BMEL sprechen die Fakten für sich: Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt bereits heute in städtischen Gebieten. Bis 2050, so die Prognosen, werden drei Viertel der Weltbevölkerung, also rund sieben Milliarden Menschen, in urbanen Ballungszentren leben.

Urbanisierung ist somit neben der Globalisierung unbestritten ein zentrales Thema unserer Zeit. Auf den Nägeln brennen Fragen nach der Versorgung der Menschen in den Städten mit Wohnraum, Wasser, Energie, dem Zugang zu Bildung, zur Gesundheitsversorgung sowie Beschäftigungs- und damit Einkommenschancen, heißt es in einer Ankündigung des GFFA.

Zentrale Herausforderungen stellten die wirtschaftliche, ökologische und soziale Entwicklung einer rasant wachsenden Bevölkerung dar. Dabei gehe es auch um Probleme wie die Regierbarkeit, Sicherheit und Wahrung von Stabilität.

Unkontrollierte Landflucht

Abgesehen von den Ballungszentren wie Tokio/Yokohama oder New York befinden sich die meisten Megastädte mit mehr als 15 Millionen Einwohnern in sich entwickelnden Ländern und Schwellenländern. Beispielhaft zu nennen sind hier Jakarta, Mumbai, Delhi, Dhaka, Kairo, Sao Paulo oder Mexiko City.

Der größte Teil der Megalopolen wächst aufgrund von Landflucht unkontrolliert und bildet riesige temporäre Siedlungen wie Slums oder Favelas, die unter anderem erhebliche Versorgungsprobleme mit gesunden Nahrungsmitteln und sauberem Wasser mit sich bringen.

Die Städteplanung und die ausgeklügelte Steuerung der Dynamik in stets wachsenden megaurbanen Räumen sieht das BMEL als ein zentrales Anliegen für die Zukunft. Die intelligente Verzahnung der notwendigen Infrastrukturen müsse dabei die Nahrungsmittelproduktion mit einschließen.

Die Landwirtschaft innerhalb der Ballungsräume werde in Megastädten im Kampf mit dem Wachstum der temporären Siedlungen in der Peripherie den Kürzeren ziehen, schätzen Experten.

Mangelnde Nahrungsmittelverfügbarkeit führe zur Eigenproduktion auf belasteten Böden, der Wunsch hoher Produktivität bei gleichzeitigem nicht fachmännischem Einsatz von teils gesundheitsgefährdenden Pestiziden und Düngern verschlechtere die Qualität der Nahrungsmittel.

Weder Hightech-Lösungen noch die Schließung von Nährstoffkreisläufen seien bislang realisiert worden, heißt es weiter.

Vernetzter Prozess

Eine moderne, nachhaltige Landwirtschaft, vitale ländliche Räume und eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, bei der ländliche und städtische Entwicklungen Hand in Hand gehen, sind für das BMEL wichtige Voraussetzungen zur Lösung der Ernährungsproblematik in den Millionenstädten.

"Wir brauchen übergreifende politische Konzepte, die städtischen und ländlichen Strukturwandel als vernetzten Prozess verstehen", postuliert das Ministerium.

Am Samstag treffen sich hochrangige Vertreter aus aller Welt im Auswärtigen Amt, um über Lösungen für gemeinsame Handlungsansätze zu agrarpolitischen Aspekten der Urbanisierung zu beraten.

Die Ergebnisse sollen laut BMEL zum Beispiel in internationale politische Prozesse der G7, G20 und der Vereinten Nationen einfließen.

In ihrem Kommuniqué zum letztjährigen GFFA in Berlin hatten die politischen Vertreter den bioökonomischen Ansatz in der Landwirtschaft und damit die Substitution nicht erneuerbarer Rohstoffe durch erneuerbare angemahnt, wo dies möglich sei.

Dies soll zu einer nachhaltigen Landwirtschaft führen - ganz im Sinne der im September des gleichen Jahres in New York verabschiedeten "2030 Agenda für nachhaltige Entwicklung" der Vereinten Nationen - eine Vision mit 17 Zielen und 169 Unterzielen.

Diese Nachhaltigkeitsziele sollen im Zeitraum 2016 bis 2030 erreicht werden. Mehrere dieser Ziele sollen direkt oder indirekt auch zu einer - gesunden - Ernährung führen.

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