Ärzte Zeitung online, 18.04.2017

Braille

Speisekarten für Blinde sind noch selten

Ein Lokal in Ingolstadt hat auf Wunsch einer blinden Stammkundin eine Speisekarte in Brailleschrift eingeführt. Ein Erfolg für die Blinde – und immer noch eine Ausnahme.

Von Mirjam Uhrich

INGOLSTADT. Auf dem Holztisch vor Wirt Sebastian Schmailzl liegen weiße DIN-A4-Papiere mit winzigen Punkten, zusammengehalten von einer schwarzen Spirale. Für die meisten Gäste im Gasthof "Zum Anker" in Ingolstadt ist die neue Speisekarte nur ein unscheinbares Ringbuch, für Blinde bedeutet sie Selbstständigkeit. Seit ein paar Wochen können sie mit den Fingerspitzen nach der "Entenbrust an Orangen-Cassis-Sauce" oder dem Matjesfilet "Hausfrauen Art" suchen.

Den Anstoß gab Isolde Eichinger. Als Blinde war sie darauf angewiesen, dass ihr jemand die Gerichte vorliest. "Ich hab‘ das dick gehabt, dazusitzen wie ein Depp", sagt die 58-Jährige. Die Bedienung war oft im Stress und hatte keine Zeit, die ganze Karte vorzulesen. "Da werd‘ ich grantig. Ich will auch wissen, welche Beilagen es zum Fleisch gibt." Mit einer Freundin kam sie auf die Idee, eine Speisekarte in Brailleschrift zu drucken.

Nur die Fleischgerichte übersetzen?

Aber der Vorschlag stieß selbst bei einigen Stammtischmitgliedern des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbunds (BBSB) auf Widerstand: Der Druck sei zu teuer und selbst unter den Blinden könnten nicht alle die Brailleschrift lesen. "Da kamen dann so blöde Vorschläge wie bloß die Fleischgerichte zu übersetzen", regt sich Eichinger auf. "So ein Schmarrn! Auch wenn ich blind bin, habe ich das Recht, alles zu erfahren." Also fragten die Frauen beim Wirtshaus nach.

"Nachdem der Blindenbund wirklich schon seit zehn Jahren zu uns ins Haus kommt, haben wir gesagt, das können wir gerne machen", sagt Wirt Schmailzl. Eichinger ist begeistert: "Seit ich die Speisekarte lesen kann, bekomm‘ ich ganz andere Gerichte."

Unübersichtliche Zielgruppe

Braille-Speisekarten sind in Deutschland eher die Ausnahme. Wie viele Lokale barrierefreie Angebote für Blinde und Sehbehinderte anbieten, wissen weder die Blindenverbände noch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA. Es steht nicht einmal fest, wie groß die Zielgruppe ist. Laut Deutschem Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) reichen die Schätzungen von 650.000 bis zu 1,2 Millionen Blinden und Sehbehinderten deutschlandweit.

"Wir sind eine ziemlich kleine Gruppe. Deswegen erwarten wir auch keine Braille-Speisekarte", sagt Steffen Erzgraber, Geschäftsführer beim Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbunds (BBSB). "Es kann auch nicht jede Servicekraft im Umgang mit Blinden geschult sein." Entscheidend sei, dass die Bedienungen aufgeschlossen seien. "Am besten ist es einfach, wenn man blinde Gäste direkt anspricht, welche Hilfe sie brauchen."

Im Gasthof "Zum Anker" informieren die Servicekräfte über die Tageskarte oder beschreiben auch die Tischdekoration.Das "Aura-Hotel" in Saulgrub bei Garmisch-Partenkirchen hat sich zum Beispiel auf blinde und sehbehinderte Gäste spezialisiert: Besucher werden dort an den Tisch geführt. "Die Gerichte werden speziell auf dem Teller angerichtet, das Fleisch ist beispielsweise immer unten auf sechs Uhr", sagt Sabine Leistle vom "Aura-Hotel".

Diesen Service kann nicht jedes Lokal bieten. Eine realistische Orientierung bietet die sogenannte "Kategorie C", die auf eine Vereinbarung zwischen Behinderten-, Hotel- und Gastronomieverbänden aus dem Jahr 2005 zurückgeht: Die Checkliste reicht von der richtigen Eingangstür bis zur hellen Beleuchtung.

Wenn der Betroffene Steffen Erzgraber mit seiner Frau ein neues Lokal ausprobieren möchte, nutzt er Internet-Seiten, um sich zu informieren. Viele Wirtshäuser haben ihre Speisekarte dort als pdf-Datei hochgeladen. Mit einer speziellen Software kann der 33-Jährige die Informationen übersetzen. "Der sogenannte Screenreader ist für die jüngere Generation sehr praktisch. Zwei Drittel der Blinden sind aber über 65 Jahre. Ob ihnen das hilft, bezweifle ich", sagt Erzgraber. "Braille-Speisekarten sind da natürlich schon eine gute Geschichte."

Für Sebastian Schmailzl vom Gasthaus "Zum Anker" hat sich die Investition von 150 Euro jedenfalls gelohnt: Seit ein paar Wochen kommt ein zweiter Blindenverband regelmäßig zum Stammtisch. (dpa)

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