Ärzte Zeitung, 26.07.2006

Was war im Urin, als der Harnstein entstand?

Software macht nachträgliche Harnanalysen möglich / Forscher für die Programm-Entwicklung ausgezeichnet

BONN (eb). Eine neue, softwaregestützte Technik macht es möglich, bei Patienten mit Harnsteinen nachträglich abzuschätzen, wie der Urin vor Beginn der Kristallisation zusammengesetzt war. Damit wollen Kollegen des Uniklinikums in Bonn der Ursache rezidivierender Harnsteine besser auf die Spur kommen.

Dr. Norbert Laube mit Röntgenbild und der Harnstein-Software. Fotos (2): Urologische Klinik Bonn

"Bei Patienten, die häufig unter Harnsteinen leiden und auf eine Therapie nicht ansprechen, erlaubt dieses Vorgehen möglicherweise Rückschlüsse auf die Ursachen", sagt Dr. Norbert Laube von der Klinik und Poliklinik für Urologie.

Das Problem ist bekannt: Viele Patienten sind wegen rezidivierender Harnsteine Dauergäste auf urologischen Stationen. Und immer wieder bleibt unklar, was die Harnsteinbildung eigentlich ausgelöst hat. Ein Grund ist, daß Urin-Untersuchungen nicht immer aussagekräftig sind. Wenn ein Stein erst einmal wächst, verändert er unter Umständen die Zusammensetzung des Harns deutlich.

Röntgenaufnahme eines Patienten mit extremer Steinbildung in beiden Nieren. Beide Nierenhohlräume sind fast vollständig ausgefüllt.

Forscher der Universität Bonn haben ein Computerprogramm entwickelt, das aus Wachstumsrate und Art des Steins die Zusammensetzung des Urins vor Beginn der Kristallisation berechnet, hat jetzt die Universität Bonn mitgeteilt. Die Forscher wurden dafür mit dem mit 2500 Euro dotierten "Paul-Mellin-Preis 2006" der Nordrhein-Westfälischen Gesellschaft für Urologie ausgezeichnet.

Harnsteine bilden sich bekanntlich, wenn bestimmte Mineralsalze im Urin so hoch konzentriert sind, daß sie auskristallisieren. Immer mehr Material lagert sich an den Kristallisationskeim an. Dabei sind die Ursachen der Steinbildung vielfältig. Die meisten Betroffenen haben eine genetische Veranlagung, Auslöser für die Harnsteinbildung ist dann oft eine unangepaßte Ernährung. So können Lebensmittel, die viel Oxalsäure enthalten - etwa Spinat - die Steinbildung fördern.

Im Urin kann sich die Säure dann mit Kalzium zu unlöslichem Kalziumoxalat verbinden, das sich am wachsenden Stein ablagert. "In diesem Moment verschwindet das Oxalat aber leider aus dem Harn und läßt sich nicht mehr nachweisen", so Laube. "Der Übeltäter ist gewissermaßen im Stein fixiert. Daher läßt sich das Urinbild mitunter nicht mit der Steingeschichte in Deckung bringen: Nach den gemessenen Werte dürfte der Patient oft gar keinen Stein haben."

Beispiel Oxalsäure: Die eigentliche Konzentration liegt bei Patienten mit Harnsteinen real häufig zwei- bis dreifach höher als die später gemessenen Werte. "Anhand der Urinanalyse einen erfolgreichen Therapieplan zu entwickeln, ist manchmal unmöglich", betont Laube. Zusammen mit seinen Kollegen hat er eine Software entwickelt, mit der die Zusammensetzung des Harns vor Beginn der Kristallisation abgeschätzt werden kann - gewissermaßen ein Blick in die Vergangenheit.

Das Prinzip ist einfach: Aus zwei im Abstand von einigen Wochen gemachten Röntgen- oder Ultraschall-Aufnahmen berechnet der Computer die Volumenzunahme pro Zeiteinheit. Aus den Akten der Patienten mit rezidivierenden Harnsteinen ist zudem bekannt, wie frühere Steine zusammengesetzt waren.

Aus diesen Parametern sowie dem Urinfluß durch die betroffene Niere berechnet das Programm, wieviel von welcher Substanz der Stein pro Zeiteinheit bindet - und wie dieser Effekt die Harnanalyse verfälscht. Ergebnis ist eine korrigierte Harnanalyse, die dazu beiträgt, den Ursachen der Steinbildung auf die Spur zu kommen.

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