Jubiläumsausgabe, 13.11.2012

Der Arzt von Morgen

Weniger Therapeut - mehr Manager?

Noch sieht sich der Arzt in der Rolle des Therapeuten und Beraters seiner Patienten. Dieses Verständnis könnte sich längerfristig ändern: hin vor allem zum Gesundheits-Manager.

Von Helmut Laschet

Weniger Therapeut - mehr Manager?

Digitales Management: Neue Aufgabe für den Doktor?

© buchachon / fotolia.com

So weit liegen Realität und Rollenverständnis auseinander! Obwohl die weitaus meisten Menschen, die wegen Krankheit einen Arzt konsultieren, binnen weniger Tage oder Wochen wieder gesund werden, sehen sich Ärzte immer weniger als Heiler.

Definierte vor fünf Jahren noch gut jeder dritte Arzt auf diese Weise seine Aufgabe, so sind es aktuell nur noch 26 Prozent.

86 Prozent der Ärzte halten den Ausbau von Präventionsprogrammen in einer alternden Gesellschaft für wichtig. Die gleiche Priorität setzen Ärzte für eine bessere geriatrische Qualifikation. MLP-Gesundheitsreport 2011

Eine mögliche, jedenfalls diskutable Erklärung wäre: Patienten mit nicht mehr heilbaren Krankheiten, die der dauerhaften Behandlung bedürfen, bestimmen inzwischen das Rollenverständnis der Ärzte.

Es geht nicht mehr um das Heilen einer Krankheit, sondern die Begleitung des Patienten, seine Beratung und den adäquaten Umgang mit der Krankheit.

Das heißt: Binnen weniger Jahre haben Ärzte ihr Rollenverständnis adjustiert, sie haben angefangen, sich mit den Problemen einer alternden Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Diese neue Priorisierung wird unter anderem auch bestätigt durch die Ergebnisse des MLP-Gesundheitsreports 2011.

Danach halten 89 Prozent der Ärzte den Ausbau von Pflegeeinrichtungen für wichtig (52 Prozent sogar für sehr wichtig), 86 Prozent plädieren für den Ausbau von Präventions- und Gesundheitsförderungsprogrammen.

Auch die eigene Berufsgruppe soll in die Pflicht genommen werden: Ebenfalls 86 Prozent sprechen sich für eine intensivere geriatrische Fortbildung aus. Fast genauso viele Ärzte - 81 Prozent - plädieren für einen Ausbau der geriatrischen Forschung zur Entwicklung neuer Therapien und Medikamente gegen altersbedingte Krankheiten.

Welche Rolle hat der Arzt heute und morgen?

Ist die Medizin/Psychologie noch eine Berufung?

Und noch eine Veränderung deutet auf ein neues, möglicherweise brisant werdendes Problem hin: Der Anteil der Ärzte, die sich in der Rolle des "Krankschreibers" sehen, ist von 29 auf 37,5 Prozent gewachsen; 8,5 Prozentpunkte mehr als vor fünf Jahren.

Dabei ist "Krankschreiben" mehr als die Verordnung von Bettruhe, die den Genesungsprozess fördern soll. Die Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit löst Jahr für Jahr zweistellige Milliardenbeträge für Einkommenstransfers aus, denen keine Arbeitsleistung gegenübersteht.

Die wichtigere Rolle des Krankschreibens kann erklärt werden durch die steigende Zahl älterer, gesundheitsanfälligerer Arbeitnehmer - sie könnte aber auch ein Indiz dafür sein, dass Arbeitsbedingungen und -prozesse ältere Menschen überfordern oder gar krank machen.

Oder dass Möglichkeiten der frühzeitigen Rehabilitation nicht ausreichend genutzt werden.

Tatsache ist, und darauf weist auch der jüngste Demografie-Report der Bundesregierung hin, dass die Alterung der Gesellschaft mehr als ein finanztechnisches Problem der Renten-, Pflege- und Krankenversicherung ist.

In jedem Fall wird die alternde Gesellschaft es erfordern, dass Menschen länger arbeiten, und zwar auch dann, wenn sie bereits chronisch krank sind.

Was kann das langfristig - etwa in der Perspektive auf die nächsten 25 Jahre - für die Rolle der Ärzte bedeuten? Befürchtet wird, dass das gewohnte Berufsbild des Therapeuten und Beraters - auch das des Seesorgers in einer säkularisierten Welt - erheblich relativiert wird.

War dieses Bild bislang bestimmt von der individuellen Arzt-Patienten-Beziehung, gegründet auf persönlicher Erfahrung und Vertrauen, so rücken zwei neue Berufsaspekte in den Vordergrund, die schon jetzt erheblich kritisiert, ja sogar als Last empfunden werden: Die Aufgaben eines Gesundheitsmanagers und eines Gesundheitsbürokraten.

Das wäre ein Gesundheitssystem von einer anderen Qualität, in dem der Arzt seine Garantenstellung für den Patienten verloren hätte. Er wäre dann "Systembeauftragter", der Patientenprobleme nur noch managed. Vertrauen und Individualität wären weitgehend verloren.

30 Zeitungszeilen kompakt

Wie wandelt sich das Rollenverständnis von Ärzten auf lange Sicht? Bereits in der jüngeren Vergangenheit ist das Bild des heilenden Arztes in den Hintergrund gerückt – Ausdruck einer alternden, chronisch kranken Gesellschaft, die lernen muss, mit Gebrechen zu leben. Umso mehr steht zumindest aktuell die Rolle des Therapeuten und Beraters im Vordergrund, auch die des Seesorgers in einer säkularisierten Gesellschaft.

Das kann sich auf längere Sicht nach Einschätzung der Ärzte gravierend ändern. Drei Charakteristika könnten dann das Aufgabenspektrum des Arztes prägen: der Gesundheitsmanager, der Gesundheitstechniker und der Gesundheitsbürokrat. Am stärksten nimmt die Rolle des Seesorgers wohl in Zukunft ab. Es liegt nahe, dass Ärzte damit eine Entpersönlichung und Entindividualisierung des Arzt-Patienten-Verhältnisses befürchten. Wird der Arzt damit zum Agenten des Gesundheitssystems?

[14.11.2012, 18:13:59]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Nicht das Erreichte zählt, sondern das Erzählen reicht"? (A. Dorfer, Wiener Kabarettist)
Nicht Anamnese, Untersuchung, Diagnostik, Beratung, Therapie bzw. Palliation sind die neuen, alten ärztlichen Tugenden. Sondern unsere zukünftige Kernkompetenz beschränkt sich auf das Managen dieses Tuns. 'Managed Care', ICD-10-GM, DRG's, EbM, EBM, 'Coping', 'Disease Management' und 'Capitation-Healthcare' als Kopfpauschale sind zu global entwickelten Stichworten moderner Medizin geworden.

Bloß nicht um Krankheit, Siechtum, Demenz, Vergänglichkeit und Tod kämpfen. Ärztliche Entscheidungsfindungen werden durch Telefon-Hotlines, Clearingstellen, Telemedizin, Gender- und Internetforen bzw. Laien-Chatrooms ersetzt. Verkommt die Medizin zum Präventivpalaver bei durch Krankheit vorsätzlich verpassten, vorsorglichen Vermeidungsstrategien?

Man verzichtet auf die Diskussion über den für uns Alle sicher zu erwartenden Tod, t r o t z aller Vorsorgemaßnahmen, gesundheits-bewusster Ernährungs- und Verhaltensweisen, Bewegung, Sport, Psychohygiene, Wellness etc. Und ist in der wissenschaftlichen Welt vollkommen baff, dass jedwede Präventionsmaßnahmen nicht unmittelbar und hochsignifikant Morbidität und Mortalität zu verringern im Stande sind.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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