Ärzte Zeitung, 02.03.2012

Vom Ziffern sichten bis zum Katastrophenalarm

Vom Ziffern sichten bis zum Katastrophenalarm

Die erste Leistungsabrechnung mit der KV: Das war für Praxiseinsteiger vor 30 Jahren nicht nur komplettes Neuland, sondern noch echte Handarbeit samt Nachtschicht auf dem heimischen Sofa.

Vom entspannten Ziffern sichten bis zum Katastrophenalarm

Allein das Umsortieren der Krankenscheine kostete einen halben Arbeitstag.

© Klaus Rose

"In der Woche vor der Abgabe habe ich so manchen Abend mit einem Stapel Karteikarten auf dem Sofa verbracht", erinnert sich Landarzt Dr. Jürgen Siebert an seine erste Kassenabrechnung vor 30 Jahren.

Doch was sich bei ihm so harmlos anhört, war für manch anderen Kollegen schlicht eine Katastrophe.

Siebert hatte das Glück, dass er 1982 mitsamt seiner baden-württembergischen Hausarztpraxis auch das Praxispersonal übernehmen konnte. "Die Helferinnen wussten, wie die Abrechnung läuft", sagt Siebert.

Seine Aufgabe habe nur darin bestanden, in der Woche vorher noch einmal alle Karteikarten durchzugehen und zu prüfen, ob auch alle Diagnosen eingetragen sind.

Denn 1982 war ja noch die Zeit, wo alle Diagnosen und Leistungen auf der Krankenscheinrückseite per Hand eingetragen werden mussten.

Es gab noch keine Budgets

Und man sei hier als Vertragsarzt auch viel genauer gewesen als heute, berichtet der Landarzt. Denn es gab noch keine Budgets. "Damals hat jede Ziffer direkt zu Geld geführt. Man hat einen bestimmten Punktwert gehabt und den bekam man auch." Deshalb auch die Nachtschichten auf dem Sofa, in denen Siebert beim Fernsehen noch einmal alle Ziffern durchgegangen ist.

Doch auch wenn seine Arzthelferinnen geübt waren, einen Arbeitstag hat die Abrechnung die Damen dann doch gekostet. Der Grund. "Früher war die Hauptarbeit das Umsetzen der Karteikarten. Man hatte eine aktuelle und eine Altkartei", erzählt Siebert.

Das heißt, die Helferinnen mussten die Scheine aus der Altkartei herausnehmen und umsortieren. Das habe schon einen halben Tag gekostet, erinnert sich der Hausarzt. Aber er erinnert sich an noch etwas. "Das hat immer so gedröhnt und geklappert, wenn die mit den Metallkisten hantiert haben."

Weniger erfreulich lief die erste Abrechnung für den im bayerischen Farchant niedergelassenen Hausarzt Josef Kleißl: "Die erste Abrechnung war eine Katastrophe." Seine Arzthelferin habe nämlich die Leistungen immer nur monatsweise auf dem Krankenschein eingetragen.

Kleißl sagt aber auch, die Abrechnung sei zwar viel aufwendiger, aber auch einfacher als heute gewesen. Die vielen Änderungen der GOÄ und des EBM wären ohne die Praxis-EDV, die ja mittlerweile den Großteil der Abrechnungsarbeiten abdeckt, nicht möglich gewesen.

Katastrophenalarm bei der ersten Abrechnung

Das bestätigt auch Siebert: Die Abrechnung sei heute viel komplexer und problematischer. "Aber das wird durch den EDV-Einsatz größtenteils kompensiert", so Siebert. Seine Arzthelferinnen - die ja mittlerweile auch Medizinische Fachangestellte (MFA) heißen -hätten kaum mehr Arbeit damit. "Alles wird regelmäßig in der EDV erfasst und über das System geprüft."

Katastrophenalarm bei der ersten Abrechnung, den gab es aber nicht nur im bayerischen Farchant. Auch "Ärzte Zeitung-"Kolumnist Dr. Bernd W. Alles wurde von dem Zahlenwerk mehr oder weniger kalt erwischt.

"Da ich a) als niedergelassener Neuling und b) beruhigt durch meinen Praxisvorgänger, nicht bereits während des laufenden Quartals die Eintragungen auf der Scheinrückseite gemacht hatte, musste all dies in einer Hau-Ruck-Aktion zum Abgabeschluss der Kassenabrechnung erledigt werden", berichtet Alles.

Zu sehr hatte er auf die Worte seines Praxisvorgängers vertraut, der ihm erzählt habe "Ja, die Kassenabrechnung machen meine Frau und ich abends während dem Fernsehen. Sortieren: Mitglieder, Familie, Renter, Mitglieder, Familie, Rentner".

Dass zur Abrechnung aber weit mehr als das Sortieren der Karteikarten gehört, hatte er ihm nicht mitgeteilt. Und anders als Siebert fehlte ihm auch die erfahrene Kraft in der Praxis.

Das Resultat: Nachtarbeit und wohl eine ganze Menge an verschenktem Geld, vermutet Alles. (reh)

[03.03.2012, 15:39:34]
Dr. Carl Scherer 
Folgen der Abrechnung
Es folgte dann der Schlag zwischen die Hörner für Newbies.Sprich Einladung zum Prüfungsausschuss wegen überhöhtem Ansatz von Leistungen. Bei mir waren es z.B. EKGs und Elphos im Labor,genauso,wie mans im Krankenhaus gewohnt war. Um den Unterschied zum Krankenhaus und den völlig ungewohnten Spargedanken dem Neuling direkt mal klar zu machen,gab es dann eine Belehrung des Prüfungsausschusses und Ermahnung,diese Praktiken doch fürderhin zu unterlassen.Dies haben alle meine neuen Kollegen wohl nach den ersten Quartalen mitmachen müssen. zum Beitrag »

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