Ärzte Zeitung, 02.04.2012

Blüm: "Ich darf nicht in die Knie gehen!"

Blüm: "Ich darf nicht in die Knie gehen!"

Unmittelbar nach der Weihnachtspause 1987/88 entbrennt der Streit um die Gesundheitsreform. Ärzte und Pharma-Industrie machen mobil, mit Wartezimmerplakaten und Anzeigen-Aktionen. Norbert Blüm gerät in die Defensive.

Blüm: "Ich darf nicht in die Knie gehen!"

Litfaßwerbung gegen Wartezimmer-Protest. Reformstreit 1988.

© Ärzte Zeitung

Bonn, im Januar 1987. Nach der Weihnachts- und Neujahrspause beginnt in der Bundeshauptstadt der Parlamentsbetrieb.

Zunächst finden die Abgeordneten der Koalitionsfraktionen von CDU/CSU und FDP eine Argumentationshilfe zu der von Bundesarbeitsminister Norbert Blüm geplanten Strukturreform im Gesundheitswesen vor. Sie soll die überaus harsche Kritik an dem Reformkonzept entkräften.

Das ist bitter nötig. Denn die Fraktionen stehen keineswegs einmütig hinter Blüm. Vor allem die FDP gilt als Sachwalter der Ärzte, Apotheker und der Pharma-Industrie - und als effizienter Verhinderer allzu harter Eingriffe gegen diese Gruppen. Auch in der Union, zumal in der CSU, gibt es Widerstand.

Das größte Risiko für Blüm: Kann er eine Reform beim Kanzler durchsetzen? Diesen wunden Punkt nutzen die Vorstandsvorsitzenden der Chemie- und Pharma-Giganten Merck, Hoechst und Bayer, Hans-Joachim Langmann, Wolfgang Hilger und Hermann-Josef Strenger.

Helmut Kohl hat traditionell ein enges Verhältnis zur chemischen Industrie: Der gebürtige Ludwigshafener startete beruflich beim Verband der chemischen Industrie in Rheinland-Pfalz und von dort aus seine Karriere in die rheinland-pfälzische Landespolitik.

Mit den Vorstandsvorsitzenden von Bayer, Hoechst, BASF und Merck verbindet Kohl eine Männerfreundschaft - und sie sind seine persönlichen Wirtschaftsberater.

Anzeige gegen die Billigmedizin

Innerhalb von zwei Wochen kommt es Ende Januar/Anfang Februar 1988 zu zwei Spitzentreffen der Pharmachefs mit Kohl, Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble und Bundesarbeitsminister Norbert Blüm.

Pikant daran ist, dass die Vorstandschefs der Großunternehmen überhaupt kein Mandat haben, für die Gesamtbranche zu verhandeln. Immerhin gelingt es ihnen, in der ersten Runde den von Blüm geforderten Solidarbeitrag von 1,7 Milliarden DM auf 600 Millionen DM herunterzuhandeln.

Den weitaus meisten Firmen geht das nicht weit genug: Sie starten über den Branchenverband BPI eine Anzeigenkampagne gegen Billig- und Zwei-Klassen-Medizin.

In der Sache beinhart, im Ton freilich moderater gehen Bundesärztekammer und KBV vor. Das Geschäft fürs Grobe überlassen sie vor allem dem Hartmannbund, dessen Vorsitzender Professor Horst Bourmer seit langem von seinem Ex-Freund Norbert Blüm bitter enttäuscht ist.

Der Hartmannbund setzte auf Wartezimmer-Plakate und die Mobilisierung von Patienten gegen Blüms Reform.

Auch das ist ein wunder Punkt: Mit Negativlisten, Ausgrenzung von Massagen und mehr Selbstbeteiligung sollen auch Patienten einen Sparbeitrag leisten.

Nur noch Arzneimittel mit Festbetrag, also überwiegend unbeliebte Generika, sollen ohne Zuzahlung blieben. Blüm greift zur Selbsthilfe und plakatiert: "Gute Besserung!" (HL)

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