Ärzte Zeitung, 24.04.2012

Helmut Kohl beim Ärztetag: Die Einheit braucht Zeit und Mut

Kohl beim Ärztetag: Die Einheit braucht Mut

Die deutsche Einheit ist ein halbes Jahr alt. Der erste Ärztetag aller deutschen Ärzte steht im Zeichen des Wiederaufbaus Ost. Kanzler Helmut Kohl dankt den Ärzten für ihr Engagement und mahnt zur Beharrlichkeit.

Helmut Kohl beim Ärztetag: Die Einheit braucht Zeit und Mut

Hamburg, 1. Mai 1991. Zum ersten Mal seit 25 Jahren ist mit Helmut Kohl wieder ein Bundeskanzler Gastredner auf dem Deutschen Ärztetag, diesmal der erste Ärztetag nach der deutschen Wiedervereinigung.

Der schwierige Transformationsprozess, der für die neuen Bundesländer im Jahr zuvor begonnen hat, steht im Mittelpunkt der Rede Kohls.

Sein Dank gilt zuallererst den Ärzten, Krankenschwestern und Krankenpflegern in den neuen Ländern: "Sie haben unter größten Schwierigkeiten und allen widrigen Umständen zum Trotz Großes geleistet." Ausdrücklich dankt Kohl auch den Ärzten der alten Bundesrepublik, ihrer Selbstverwaltung und ihren freien Verbänden, die die Schaffung neuer Strukturen und den Aufbau ärztlicher Organisationen im Osten aktiv unterstützen.

Kohl, der noch wenige Monate zuvor mit großem Optimismus davon gesprochen hat, dass in wenigen Jahren im Osten blühende Landschaften entstünden, mahnt nun zur Geduld, zu Mut und Beharrlichkeit: "Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass die Folgen von mehr als 40 Jahren kommunistischer Herrschaft nicht über Nacht zu bewältigen sind." Er sieht dabei auch einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Umwelt.

Deshalb steht für ihn in den 90er Jahren "die Beseitigung verheerender ökologischer Schäden, die die kommunistische Diktatur in der DDR und in Osteuropa angerichtet" hat, mit Priorität auf der Tagesordnung.

"Tiefgreifende Umgestaltung weiterer Lebensbereiche"

Für die Bürger der neuen Länder sieht Kohl "eine tiefgreifende Umgestaltung weiter Lebensbereiche. Er macht unmissverständlich deutlich: "Es ist unser fester Wille, in den neuen Bundesländern jenes System der gesundheitlichen Versorgung einzuführen, mit dem wir im bisherigen Bundesgebiet so gute Erfahrungen gemacht haben. Allen Tendenzen zu einem staatlichen Gesundheitswesen erteilt die von mir geführte Bundesregierung eine klare Absage."

Und: "In meiner Regierungserklärung habe ich darauf hingewiesen, dass die Förderung der freiberuflichen Tätigkeit der Ärzte im Vordergrund steht."

Als eines der wichtigen sozialpolitischen Vorhaben der neuen Legislaturperiode kündigt Kohl die Einführung der Pflegeversicherung an. Sie wird - nach langem Ringen - 1995 Realität.

Der Hamburger Ärztetag wird zum bis heute arbeitsintensivsten. Ganz oben auf der Tagesordnung steht die Angleichung des Niveaus der medizinischen Versorgung in den neuen Bundesländern. Eher zweitrangig erscheint dagegen das Thema Europa.

Als überaus komplex erweist sich die Beratung der Weiterbildungsnovelle. Allein hier melden sich 80 Redner zu Wort. Am vorletzten Tag werden die Beratungen bis 21.30 Uhr verlängert, am letzten Tag wird die Heimreise verschoben. Die deutsche Einheit ist zu einem harten Stück Arbeit geworden. (HL)

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