Ärzte Zeitung, 03.09.2012

EBM 2008: Auf ins Zeitalter der Pauschalen!

EBM 2008 - auf ins Zeitalter der Pauschalen!

Die Einführung des EBM 2008 erhitzt die Gemüter der Ärzte. Denn auf einen Schlag werden viele Einzelleistungen in Pauschalen versenkt. Allen Unkenrufen zum Trotz: Am Ende steigt der Leistungsbedarf sogar.

EBM 2008 - auf ins Zeitalter der Pauschalen!

Deutschland im Januar 2008, der Startschuss "hin zu einem "völlig neuen Vergütungssystem" fällt. So zumindest bewertete "Ärzte-Zeitung"-Kolumnist Dr. Gerd W. Zimmermann im Dezember 2007 den bevorstehenden EBM 2008.

In der Tat begann für die Ärzte im Olympiajahr 2008 der manchmal durchaus schmerzliche Marathonlauf hin zu einem neuen Honorar- und Abrechnungssystem.

Vor allem aber begann das große Zeitalter der Pauschalen. Der 2005 eingeführte Ordinationskomplex, neben dem es noch viele Einzelleistungen gab, war also nur ein erster Schritt gewesen.

Schon zum Januar hieß es für die Ärzte Abschied nehmen von den alten Einzelleistungen. Und das sorgte für einigen Unmut in der Ärzteschaft. Denn der Großteil dieser Leistungen wanderte bei den Hausärzten in die Versichertenpauschale und bei den Fachärzten in die Grundpauschale.

Versichertenpauschale deckt sehr viele Leistungen ab

Vor allem im hausärztlichen Bereich waren mit der Pauschale, in die auch gleich die Betreuungs-, Koordinations- und Dokumentationsleistungen mit einflossen, nahezu alle Leistungen, die bei der Betreuung eines Patienten im Quartal üblicherweise anfallen, abgegolten.

Selbst das, was die EBM-Väter den Ärzten als kleinen Ausgleich mitgeben wollten, nämlich, dass die Pauschale bereits dann voll angerechnet wird, wenn nur eine Mindestmenge an Leistungen erbracht wird, beruhigte die Gemüter nicht.

"Die Budgetierung im EBM 2008 beinhaltet eine Vielzahl von Einzelleistungen, die die bisher schon vorhandene Ungerechtigkeit noch weiter erhöht", schrieb damals etwa der Berliner Internist Eberhard Schütze in einem Leserbrief.

"Diese Art der Honorierung führt dazu, dass derjenige Kollege, der möglichst wenig arbeitet, am besten bezahlt wird."

Dabei war die Intention, die KBV und Bewertungsausschuss hatten, wohl eine andere: Es ging darum, den Weg für eine Euro-Gebührenordnung zu ebnen, in der alle Leistungen statt nach Punkten nach festen Euro-Werten vergütet werden.

Zweites Ziel war es, einen bundeseinheitlichen Orientierungspunktwert vorzubereiten, um gleiche Leistung unabhängig vom Ort der Erbringung auch mit gleichem Honorar zu vergüten.

Doch die Pauschalen - die alles viel einfacher machen sollten - brachten den Praxen durch die vielen Sonderregelungen und interpretationsbedürftigen Leistungslegenden erst einmal mehr Aufwand. Als "Missgeburt" beurteilte Allgemeinarzt Dr. Henning Fischer in einem Brief an die "Ärzte Zeitung" denn auch nach den ersten beiden Quartalen 2008 den neuen EBM.

"Sieht man sich allein die Gebührennummern im Notdienst an, sträuben sich die Haare." Statt möglichst einfach, sei dieser Teil des EBM besonders kompliziert geworden.

Pro Patient eine Pauschale? So einfach ist es nicht!

Und auch der Slogan "Pro Patient eine Pauschale" mit dem vor Einführung des EBM 2008 oft geworben wurde, bewahrheitete sich nicht. Denn für Vertretungsscheine und die Mit- und Weiterbehandlung - was unter den Hausärzten vor allem die Diabetesschwerpunktpraxen traf - gab es von Anfang an nur die reduzierte, für manche Altersgruppe sogar nur die halbe Pauschale.

Trotz der Pauschalen: In einer Begleitstudie mit 900 Ärzten aus Nordrhein und Brandenburg zeigte sich schon bald, dass die Ärzte der 14 stärksten Arztgruppen im ersten Quartal 2008 mehr Punkte als im Vergleichsquartal 2007 abgerechnet hatten.

Bei den Hausärzten stieg der Gesamtleistungsbedarf sogar um 19,2 Prozent. Der Grund für den Punktzahlzuwachs: mit dem EBM 2008 waren auch die Leistungsbewertungen angehoben worden.

Erst zwei Jahre später war übrigens klar: Die Honorare der Vertragsärzte - samt der unliebsamen Praxisgebühr - hatten im ersten Halbjahr 2008 um 761 Millionen Euro oder 5,5 Prozent zugelegt.

Die Angst vor mickrigen RLV-Fallwerten geht um

Der Punktzahl- und auch Honorarzuwachs schaffte es aber kaum, den nächsten Schock für die Ärzte abzumildern. Wie Kolumnist Gerd W. Zimmermann vorhergesehen hatte, stand die Umwälzung des bisherigen Honorarsystems an.

Im Herbst wurde das Ende der Individualbudgets und der Beginn der ungeliebten Regelleistungsvolumina (RLV) vorbereitet. Es war die nächste Etappe hin zur morbiditätsorientierten Vergütung.

Den Vertragsärzten wollte man dafür Ende 2008 erste Hochrechnungen ihrer neuen Fallwerte an die Hand geben - damit sie ab Januar besser ihre neuen zur Verfügung stehenden Budgets planen könnten.

"RLV-Trends schocken Ärzte in Bayern", titelte die "Ärzte Zeitung" daraufhin am 25. November 2008.

Die ersten RLV-Berechnungen zeigten, dass viele Facharztgruppen in Bayern 2009 mit teilweise zweistelligen Verlusten in den RLV würden rechnen müssen. Und auch in anderen KVen war die Stimmung nicht besser. In Westfalen-Lippe sollte der Hausarzt-Fallwert fürs erste RLV-Quartal nur 32,48 Euro betragen.

Hausarzt Dr. Hans-Christian Körner aus Lippe rechnete vor: Auch wenn die Leistungen mit eingerechnet werden, die ab 2009 außerhalb des RLV bezahlt werden, "verlieren wir 10.000 Euro pro Quartal".

Aber es zeichneten sich auch KVen mit hohen Fallwerten ab. So standen die Ärzte Ende 2008 schon wieder mit Bangen vor der nächsten Honorarreform. Experten sagten damals, die Budgets seien so hoch, dass einige Hausärzte sie teilweise gar nicht ausfüllen könnten.

Wirklich zufrieden mit der eingeläuteten Vergütungsreform waren aber nur die Ärzte in den neuen Bundesländern, denn für sie hieß es: Es findet eine Angleichung der Honorare ans Westniveau statt. (reh)

Die Hotline zum neuen EBM

Nach drei Jahren mit dem EBM2000plus mussten sich die Ärzte schon wieder auf ein neues Abrechnungssystem einstellen. Ein Grund für die "Ärzte Zeitung", noch im Dezember 2007 die "EBM Hotline" von 2005 zu reaktivieren. Denn vor allem für Hausärzte änderte sich mit dem EBM 2008 einiges. Neu an der Hotline: Anders als in den Jahren zuvor lief die Hotline ausschließlich über ein Webforum auf www.aerztezeitung.de. Mit großem Zuspruch, denn so konnten auch alle anderen Leser live die Antworten und Diskussion mit verfolgen.

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