Ärzte Zeitung, 17.10.2012

Praxisgründer berichten: Dr. Walter und Volker Dietz

Wie die Väter, so der Enkel

Das Landarztleben ist anstrengend - aber so reizvoll, dass sich aus der alten Hausarztfamilie Dietz in Külsheim nun auch ein Spross aus der dritten Generation für die Niederlassung entschieden hat. Eine Familiengeschichte.

Von Sabine Schiner

Ärztegenerationen an einem Ort - das gibt es noch

Eine Familie, ein Beruf: Dr. Walter Dietz mit seinem Sohn und Praxisnachfolger Volker Dietz. Volker Dietz führt die Praxis nun schon in dritter Generation weiter - inzwischen als Gemeinschaftspraxis mit einer Kollegin.

© Burkhard Peter, Berlin

KÜLSHEIM. Im Frühjahr hat der Allgemeinmediziner Dr. Walter Dietz seine Landarztpraxis an seinen Sohn Volker übergeben - in dritter Generation.

Sein Fazit: Früher war nicht alles besser. Heute gibt es für Ärzte beispielsweise mehr Freiraum aufgrund der verbesserten organisatorischen Strukturen, etwa durch die Reduzierung der Notdienste und der Präsenzpflicht.

Als der Vater von Walter Dietz, Hans Dietz, sich 1935 in Külsheim in Tauberfranken - heute im nördlichen Baden-Württemberg - als Hausarzt und Geburtshelfer niederließ, da gab es Telefone meist nur im Rathaus und auf dem Postamt.

Es kam vor, dass die Menschen mit Pferdefuhrwerken mehrere Kilometer durch die Nacht fuhren und ihn mit einer langen Stange am Fenster herausklopften, um ihn zu einem Notfall zu rufen.

Walter Dietz hatte zwar ein eigenes Telefon, als er 1974 die Praxis seines Vaters übernahm. Er bekam jedoch von der Post eine extra lange Telefonschnur, damit er auch während der Gartenarbeit für Notfälle erreichbar war.

Bereitschaft rund um die Uhr ist nicht mehr nötig

Heute haben sich nicht nur lange Kabel für die Telekommunikation erledigt. Auch das Dasein als Arzt hat sich in den 38 Jahren, in denen Walter Dietz als Landarzt arbeitete, verändert.

"Es gibt keine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft mehr", nennt Walter Dietz, der im November 70 wird, als wichtige Verbesserung.

Auch die Zahl der Notdienste habe sich durch Zusammenlegung von Notdienstbezirken deutlich verringert, die medizinischen Möglichkeiten hätten sich aufgrund der Fortschritte in der Medizin verbessert. Als Beispiele nennt Dietz effektivere Medikamente und erweiterte diagnostische Möglichkeiten.

Sein Vater Hans hatte die Praxis gemeinsam mit Ehefrau Jakoba geführt, Walter Dietz war die längste Zeit allein in der Praxis, erst später wagte er den Sprung in die Gemeinschaftspraxis.

Als sein Sohn Volker dazu kam, praktizierten beide in einer Gemeinschaftspraxis. Volker hat nun eine Kollegin mit an Bord.

Der Zeitaufwand war enorm für den Landarzt, berichtet Walter Dietz weiter: 14 bis 16 Stunden täglich versorgte er seine Patienten oder war mit anderen beruflich bedingten Tätigkeiten beschäftigt. Der Anteil der Privatpatienten lag, wie bei den meisten Landarztpraxen, im unteren Bereich.

"Aufgrund ihrer Größe fiel die Praxis voll in die unselige Abstaffelung hinein", erzählt Walter Dietz. Ein Ärgernis, das sich in Baden-Württemberg erst mit den Hausarztverträgen erledigte. Er hielt durch.

Die Familie gab immer die nötige Unterstützung

"Durch organisatorische Änderungen des Praxisablaufes und Reduzierung der Notdienste war es mir möglich, die Jahre bis zum Einstieg meines Sohnes durchzustehen", sagt Walter Dietz und verweist auf den "sehr guten familiären Hintergrund", ohne den alles nicht möglich gewesen wäre.

Die Geschichte der Familie Dietz ist eng mit Praxis und Külsheim verbunden. Der Weinort liegt zwischen Wertheim und Tauberbischofsheim und hat eine schöne Altstadt samt Schloss. Die 5700 Einwohner verteilen sich auf fünf Ortsteile.

Auf der aktuellen Praxis-Website gibt es eine Rubrik namens "Tradition", in der die Geschichte der drei Ärztegenerationen erzählt wird. Auf der Landkarte, so ist zu lesen, suchte der junge Hans Dietz damals vergeblich den Ort. Im "Deutschen Ärzteblatt" hatte er gelesen, dass dort eine Praxis frei wird.

Erst auf dem Postamt konnte man ihm die Lage von Külsheim mitteilen. Daraufhin nahm er mit dem Kollegen Kontakt auf und fuhr mit dem Zug zum nächstgelegenen Bahnhof.

Zuvor war ein Kennzeichen vereinbart worden, um sich auf dem Bahnsteig zu erkennen: Sie haben sich nicht verfehlt, da nur ein Fahrgast den Zug verließ und nur ein Mann am Bahnhof stand, um Hans Dietz abzuholen.

Mehr Bürokratie

Die Praxis Dr. Dietz

Gründung und Geschichte: 1935 legte Dr. Hans Dietz mit seiner Niederlassung in Külsheim den Grundstein der Landarztpraxis. Mit seiner Frau Dr. Jakoba Goecker führte er die Praxis gemeinsam bis 1974 und übergab sie an seinen Sohn Walter. Er führte sie als Einzel- und zwischenzeitlich als Gemeinschaftspraxis weiter. Sein Sohn Volker arbeitet seit März 2009 mit. Walter Dietz ist jetzt im Ruhestand.

Der Standort: Külsheim, ein 5700-Einwohner-Ort mit Altstadt zwischen Wertheim und Tauberbischofsheim

Das Team: Außer Praxischef Dr. Volker Dietz arbeitet die Allgemeinärztin Dr. Peggy Hummel-Kemmer in der Praxis. Sechs MFA und eine Auszubildende sind im Team.

Die Website: www.dr-dietz.info

Im Lauf der Jahre hat sich ganz allmählich einiges verändert. "Die Bürokratie ist mehr geworden, der Dienstleistungsanspruch der Patienten hat zugenommen, und es gibt mehr sozialmedizinische Aufgaben", erläutert Dietz.

Verzichtet habe er im Laufe der Jahre auf Leistungen wie Kindervorsorge, Schwangerschaftsbetreuung und gynäkologische Vorsorgeuntersuchungen. Hinzu gekommen sind DMP, Präventionsaufgaben, Qualitätsmanagementvorgaben und Anfragen zur Einstufung von Schwerbehinderten oder Pflegebedürftigen.

Eine einschneidende Veränderung brachte 1989 die Einführung des Arztinformationssystems. "Die Einarbeitungszeit war zeitaufwändig", erinnert er sich. Oft mussten Updates gemacht werden. "Die Dokumentation verbesserte sich dadurch."

Nachteil war, dass KV, Kassen und andere Organisationen mehr Daten von ihm forderten, die sie nun auch verwerten konnten. Zeitfresser waren die vielen Änderungen der Gebührenordnung und das Sammeln von Punkten für die Pflichtfortbildungen.

Hinzu kam der Ärger über die Geringschätzung und Verkennung der hausärztlichen Tätigkeit, die sich in der schlechten Honorierung gezeigt habe.

Die Hausarztverträge wirkten motivierend

Eine positive Ausnahme waren für Walter Dietz die Hausarztverträge. Trotzdem ermöglicht seiner Meinung nach nur eine hohe Patientenzahl und eine damit einhergehende hohe Arbeitsbelastung eine wirtschaftliche Situation, die der Ausbildung und Qualifikation angemessen ist.

Die Zukunft für seinen Nachfolger sieht er trotzdem positiv: "Eine Niederlassung in einer Landpraxis erscheint mir heutzutage in Baden-Württemberg mit seinem Hausarztprogramm bei einer günstigen Praxisgröße - nicht zu klein, aber auch nicht zu groß - gut möglich zu sein."

Die Arbeit als Hausarzt mit ihren vielfältigen Facetten kann seiner Meinung nach zu einer "hohen beruflichen Zufriedenheit" führen.

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