Ärzte Zeitung online, 11.09.2011

9/11 - Was ein Sanitäter hautnah erlebte

Der Tod, die Trümmer, der Staub; helfen wollen und nicht können: Neun Jahre hat ein Sanitäter seine Erinnerungen mit sich herum getragen, ehe er sich entschloss, über seine Erlebnisse nach dem Anschlag am 11. September 2001 öffentlich zu erzählen.

Von Carolin van den Bergh

9/11 - Was ein Sanitäter hautnah erlebte

David Andrade aus Southwestern im US-Staat Connecticut arbeitete vor zehn Jahren als Raumfahrtingenieur und war nebenberuflich Rettungssanitäter. Heute ist er Physiklehrer - und Sanitäter geblieben.

Erst neun Jahre nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 entschloss er sich, über seine Erlebnisse und Gefühle in seinem Blog zu berichten.

Am Morgen des 11. Septembers 2001 arbeitete Andrade wie gewöhnlich im Werk des Flugzeugsbauers Sikorsky Aircraft in Stratford. Das Unternehmen stellt unter anderem Hubschrauber her.

Auch das Werk des Flugzeugsbauers war ein potenzielles Ziel

Als Andrade und seine Kollegen die ersten Nachrichten von den Anschlägen mitbekamen, versuchten sie, weitere Informationen zu bekommen. Doch vergebens: Die Sicherheitszentrale hatte alle Leitungen gekappt.

Den Grund erfuhren die Mitarbeiter erst später: Die Sicherheitskräfte hatten Informationen, dass Sikorsky Aircraft ebenfalls als potenzielles Ziel der Terroristen vorgesehen war.

Zunächst saß Andrade also weit weg von New York. "Während des 11. Septembers fühlte ich mich hilflos, da ich als Sanitäter darauf trainiert, war zu helfen". Aber er konnte nicht nach New York.

Am 12. September wurden Andrade und seine Kollegen nach New York geschickt

Erst am nächsten Tag wurde Andrade mit der American Medical Response (AMR), einem Rettungsdienst, bei dem er nebenberuflich arbeitete, nach New York City geschickt. Dort sollten sie die örtlichen Rettungsdienste unterstützen.

Sie wurden von der Bundespolizei zu den Sammelstellen an den Chelsea Piers in Manhatten begleitet.

Als sie den Rauch sahen, merkten sie, wie schlimm es stand

Als sie über die Autobahnen fuhren, konnten sie den Rauch über den eingestürzten Türmen sehen. "Wir bemerkten erst dann, wie schlimm die Dinge waren."

Überall standen New Yorker, die Kleidung, Nahrung und Wasser für die Menschen spendeten, die in Manhatten evakuiert worden waren.

Auch berühmte Sportler von Footballteams wie den Yankees und Mets halfen mit, Menschen in provisorischen Unterständen zu versorgen.

Überall hingen Fahnen - New Yorker jubelten und hupten den vorbeifahrenden Krankenwagen zu. "Es war überwältigend."

Immer wieder wurden Retter weg geschickt

Und es war frustrierend für die Helfer, dass immer wieder Krankenwagen zum Ground Zero fuhren, nur um wieder zurück geschickt zu werden. Die Sanitäter konnten nicht zu den Opfern gelangen, von denen sie doch wussten, dass sie unter den Trümmern lagen.

Andrade evakuierte einen hilflosen Krebskranken

Dann kam die Meldung, dass zwei weitere Gebäude eingestürzt waren. Andrade und sein Partner bekamen den Auftrag, einen hilflosen Krebspatienten zu evakuieren. Dessen Wohnung befand sich im Haus neben einem der eingestürzten Gebäude. "Das Gebiet sah aus wie eine Kriegszone."

Die Rettungssanitäter brachten den Krebskranken ins Long Island College Hospital. Sie fuhren durch den Brooklyn Battery Tunnel und an über die Brooklyn Bridge. "Es war gespenstisch, in dem einzigen Auto zu sitzen, das in dem Tunnel und auf der Brücke war."

Auf dem Rückweg fuhren sie dann zum Ground Zero. Als sie ankamen, schien alles unwirklich - von zwei 110 stockwerkhohen Gebäuden waren nur noch Berge aus Metall- und Betontrümmer übrig geblieben.

Andrade fiel auf, dass nur 20 Menschen arbeiteten, alle anderen standen nur dort und warteten auf Anweisungen.

Der Staub drang durch die Schutzmasken

Alle Einsatzkräfte trugen Schutzmasken, doch trotzdem drang Staub durch die Masken in die Atemwege ein. Für Andrade hatte das gesundheitliche Folge. Er bekam eine reaktive Atemwegserkrankung mit Symptomen ähnlich wie Asthma.

Auch viele andere Ersthelfer litten an respiratorischen Krankheiten als Folge der Staubinhalation. Zu diesem Zeitpunkt wusste aber noch niemand über mögliche Langzeitfolgen Bescheid.

Andrade und die anderen kehrten später zu ihrer Sammelstelle zurück, um den Feuerwehrmännern zu helfen.

"Es war eine Erfahrung, die keiner von uns je vergessen wird." Und doch: "Während dieser Tragödie ist dennoch viel Gutes passiert." Helfer der Rettungskräfte, die sich vorher nicht kannten, schlossen Freundschaften. Und die Freude der Menschen über die Helfer, die von überall herkamen, war für Andrade überwältigend.

Zum Special "9/11 - Zehn Jahre danach"

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