Ärzte Zeitung, 08.09.2011

"Du bist zu nahe dran an den Türmen, das war es jetzt"

9/11: Für ein gutes Foto bricht der Fotograf Bert Spangemacher in Richtung World Trade Center auf - ohne zu wissen, was ihn dort erwartet. Dann rennt er um sein Leben.

Von Sunna Gieseke

"Du bist zu nahe dran an den Türmen, das war es jetzt "

Chaos, Inferno, Entsetzen: Der 11. September 2001 wird nie in Vergessenheit geraten.

© Bert Spangemacher

BERLIN. Schon den ganzen Morgen heulen Sirenen. Für New York nichts Ungewöhnliches - und schon gar nicht, wenn das Apartment in Manhattan direkt neben einer Feuerwehrstation liegt. Der Fotograf Bert Spangemacher ist also nicht beunruhigt, als er von dem Sirenenlärm wach wird.

Bert Spangemacher

"Du bist zu nahe dran an den Türmen, das war es jetzt "

© privat

Aktuelle Position: Der 40-Jährige ist seit dem Jahr 2010 selbstständiger Fotograf in Berlin Wedding. (www.spangemacher.com)

Werdegang: Von 1992 bis 1995 hat Spangemacher eine Ausbildung zum Fotografen in Borken.

Karriere: Bis 1998 arbeitete er als Fotoassistent in Hamburg. Dann zog es ihn in die USA und er verließ Deutschland Richtung New York, wohnte aber auch in Los Angeles. In den USA war er als Pressefotograf für deutsche Nachrichtenmagazine tätig.

Privates: Spangemacher genießt es, in seiner Freizeit zu kochen. Seine zweite Leidenschaft ist sein altes schwedisches Cabrio. Seit drei Jahren ist er mit einer Japanerin verheiratet.

Er wirft einen kurzen Blick auf eine Nachrichtenseite im Internet: Es habe einen Unfall gegeben, heißt es dort. Ein Flugzeug sei in das World Trade Center geflogen.

Vielleicht eine Propellermaschine, denkt er sich - und entscheidet sich ein paar Fotos zu schießen. Spangemacher macht sich zu Fuß auf den Weg zum World Trade Center, nur "mit zwei Kameras bewaffnet". Es ist der 11. September 2001.

"Internet-Liveübertragung gab es noch nicht"

Für den damals 30-jährigen Fotografen bricht in diesem Moment eine lange Odyssee an. Zu diesem Zeitpunkt ist ihm völlig unklar, in welche Situation er sich hinein begibt. "Es war die Zeit, bevor alles live im Internet zu sehen war", sagt er heute.

Auf dem Weg zu den Türmen kommen Menschenmassen entgegen. Ihn hält aber lediglich ein Polizist auf. Er solle umkehren, fordert dieser ihn auf. Aber Spangemacher zeigt seinen Presseausweis. Der Polizist resigniert: "You are on your own now" - "Sie sind auf sich allein gestellt."

Die Lage ist ernst. Der Turm wird einstürzen.

Als er vor den zwei Türmen steht, ist dem jungen Mann bereits klar: Die Lage ist ernst.

"Das Loch, das in dem Turm klaffte, war einfach gigantisch." Er will schnell seine Redaktion in Hamburg anrufen. Da Mobiltelefone keinen Empfang mehr haben, wirft er 50 Cent in ein Münztelefon.

Doch zum Telefonieren kommt er nicht mehr. In diesem Moment hört er ein tiefes Grummeln, gar nicht laut, sondern eher so, als lade jemand Schutt ab.

Er lässt den Hörer hängen, bewegt sich aus der Zelle heraus. Und in diesem Moment ist ihm klar: Der Turm wird einstürzen.

Spangemacher ist in einer Schockstarre. Der Satz, der ihm in diesem Moment durch den Kopf geht: "Du bist zu nah dran. Das war es jetzt". Ein anderer Fotograf rettet ihm das Leben, in dem er ihm seinen Ellbogen in die Schulter rammt und ihm zuruft: "Run for your life!"- "Renn um Deine Leben!"

Gemeinsam rennen sie der schwarzen Staubwolke davon.

Er schaut nach hinten und sieht einen "Tsunami aus Staub". Er rettet sich in den Eingang eines Gebäudes.

"Es war schwarz wie die Nacht. Du konntest nichts mehr sehen." Aus allen Ecken kamen Menschen, die mehr oder weniger viel Staub abgekommen hatten, beschreibt er. Es war kaum noch möglich zu atmen.

Er hat am Ende Glück

Und doch: er hat am Ende Glück, gehört zu den Überlebenden. Hat 9/11 seine Welt verändert? Nein, es gibt keine Albträume oder Ähnliches - obwohl er an diesem Tag viel Leid gesehen hat. Wie zum Beispiel Menschen, die vor Verzweiflung aus den Türmen gesprungen sind.

Aber der heute 40-Jährige überlegt doch noch einmal bei dieser Frage: "Doch ja, möglicherweise wäre ich nicht krank, wäre ich vor zehn Jahren nicht vor Ort gewesen."

"Du bist zu nahe dran an den Türmen, das war es jetzt "

Arbeit bis zur völligen Erschöpfung: Ein Feuerwehrmann muss sich erholen.

© Bert Spangemacher

2007 habe er sich aber aus Neugier dazu entschlossen, an einer Langzeitstudie eines großen New Yorker Krankenhauses teilzunehmen. Dort wurden Menschen untersucht, die vor Ort waren, als die zwei Türme einstürzten.

Einmal im Jahr wurde er zu einer Standarduntersuchung einbestellt: Es wurde Blut abgenommen, Gewicht protokolliert, Atemwege gecheckt.

Erst noch ein gesunder Mann, plötzlich todkrank

2009 war er dann erneut zum Routinecheck. Direkt am nächsten Tag kam der Anruf aus dem Hospital: "Da war Alarmstufe Rot", erzählt der 40-Jährige. Ich solle sofort ins Krankenhaus kommen.

So hat er von seiner Leukämieerkrankung erfahren. "Ich habe gedacht, die haben sich vertan", so Spangemacher.

Schon vorher habe er zwar gemerkt, dass er manchmal nicht scharf sehen konnte und er nachts stark schwitzte. Aber er habe sich nicht krank gefühlt.

"Am Tag vorher war ich noch ein junger gesunder Mann und plötzlich sagen Dir alle, dass Du todkrank bist."

Letztlich geht es ihm jetzt den Umständen entsprechend gut. Durch das Wissen um die Krankheit lag allerdings viel "Gewicht in der Waagschale", so Spangemacher. Daher hat er sich dazu entschlossen, wieder nach Deutschland zu ziehen.

Vor allem, da man in Amerika nicht mehr zu 100 Prozent sozial abgesichert sei, sobald man krank werde.

"Die Versicherungen können einen einfach rausschmeißen, wenn man ihnen zu teuer wird", sagte Spangemacher. Und er habe nicht mit dieser Unsicherheit leben wollen.

Daher kam dann die Entscheidung für Deutschland. "Damit hat der 11. September 2001 doch mein ganzes Leben umgekrempelt", sagt Spangemacher. Sonst lebte er heute nicht in Berlin.

Zum Special "9/11 - Zehn Jahre danach"

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Sunna Gieseke (426)
[09.09.2011, 11:46:33]
Dr. Karlheinz Bayer 
9/11

Muß man dem Anschlag auf die Zwillingstürme gedenken, indem man Nine-Eleven schreibt?
Ich würde gern beim Elften September bleiben.
Es mag eine Kleinigkeit sein, sie ist es aber nicht.
Um es zu verdeutlichen, ähnlich geht es mir mit dem Wort Holocaust.
Judenvernichtung - Gaskammern - Naziterror, alles das droht aus dem Gedächtnis zu gehen, wenn es auf einen sprachfremden Begriff reduziert wird.
Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal zum Beitrag »

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