Ärzte Zeitung, 08.09.2011

Hintergrund

9/11: Viele Einsatzkräfte sind auf Dauer seelisch krank

Jeder zehnte Feuerwehrmann und jeder dritte direkt Betroffene des Anschlags auf das World Trade Center hat auch Jahre danach noch Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS). Nur ein kleiner Teil der Betroffenen wird offenbar die Symptome wieder los.

Von Wolfgang Geissel

11. September: Auf Dauer seelisch krank nach Lebensgefahr und Anblick von Leichen

Der Terroranschlag auf das World Trade Center vor zehn Jahren hat 2974 Menschen das Leben gekostet, einschließlich 341 Feuerwehrmännern und zwei Rettungssanitätern.

Nach dem Kollaps der Türme arbeiteten die Rettungs- und Aufräumteams zudem bis zu zehn Monate unter gefährlichen und chaotischen Bedingungen.

Noch viele damalige Einsatzkräfte leiden an PTBS

Seither werden Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) bei diesen Menschen untersucht, weil die Störungen generell nach Terroranschlägen als besonders häufige und stark beeinträchtigende Erkrankungen auftreten können.

An PTBS leiden auch neun Jahre nach dem Anschlag auf das World Trade Center noch viele der damaligen Einsatzkräfte, berichten Forscher vom Montefiore Medical Center in New York (Disaster Med Public Health Preparedness 2011, online 7. September).

Sie haben medizinische Daten von mehr als 11.000 Feuerwehrleuten sowie Angaben aus über 40.000 Fragebögen ausgewertet.

Körperliche Untersuchungen und Fragebögen

Hohe Raten von Asthma und Reflux

Rettungs- und Aufräumarbeiter am Ground Zero haben keine erhöhte Gesamtsterberate - verglichen mit der Normalbevölkerung.

Das hat die Auswertung der Daten von über 13.000 solcher Beschäftigten ergeben (Lancet 2011; 378: 879).

Die kumulative Asthmainzidenz in dieser Gruppe liegt bei 28 Prozent, die von Depressionen bei 7 Prozent, die von Refluxerkrankung bei fast 40 Prozent, für PTBS bei 9 und für Angststörungen bei 8 Prozent (Lancet 2011; 378: 888).

Ein Vergleich hat zudem ergeben: Feuerwehrmänner, die am WTC eingesetzt waren, haben eine 19 Prozent höhere Krebsrate als Feuerwehrleute, die nicht dort im Einsatz waren (Lancet 2011; 378: 898). Allerdings sei die Zeit noch zu kurz, um Muster bei den Krebserkrankungen zu erkennen.

Für die Rettungskräfte war nach dem Ereignis ein Medizinisches Monitoring Programm eingerichtet worden, das alle 18 Monate körperliche Untersuchungen sowie Fragebögen zu Symptomen von körperlichen und seelischen Erkrankungen vorsieht.

Registriert wurde dabei auch, in welchem Ausmaß die Rettungskräfte den traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt waren: Sie wurden nach der Zeit des Eintreffens am Unglücksort in vier Gruppen eingeteilt: Einsatz schon am Vormittag des 11. September 2001, Einsatz am Nachmittag, am zweiten Tag oder zwischen dem dritten und 14. Tag.

Primäres Studienziel der Forscher war es, die Zahl der Betroffenen mit Symptomen für ein mögliches PTBS zu eruieren. Außerdem wurden Risikofaktoren für ein PTBS dokumentiert wie Veränderungen bei Alkoholkonsum, körperlicher Bewegung und Raucherstatus.

Bei besonders belastendem Einsatz setzten PTBS spät ein

Die einzigartigen Langzeitdaten belegen, dass auch neun Jahre nach dem Anschlag immer noch sieben Prozent der Feuerwehrleute an PTBS leiden. Die Rate hat sich im Vergleich zum ersten Jahr nach dem Ereignis etwas verringert, damals hatten noch zehn Prozent der Rettungskräfte solche Beschwerden.

Zum Vergleich: Die PTBS-Prävalenz in der US-Bevölkerung wird insgesamt auf 1,8 Prozent geschätzt. Beim Vergleich der Gruppen ergab sich zudem, dass ein Einsatz schon am Vormittag des Unglückstages mit einer deutlich erhöhten Rate von verzögertem Einsetzen der PTBS-Symptome verbunden war.

Feuerwehrmänner haben erhöhtes Risiko für Chronifizierung

PTBS ist auch heute noch ein großes Problem von vielen ehemaligen Rettungskräften des Anschlags, betonen die Forscher. Ein erhöhtes Risiko für Manifestation und Chronifizierung haben vor allem Feuerwehrmänner, die besonders früh am Unglücksort eintrafen.

Weitere Faktoren, die mit einem erhöhten Risiko verbunden waren, waren abnehmende körperliche Bewegung, zunehmender Alkoholkonsum sowie gleichzeitige Atemwegs- oder Magen-Darm-Symptome.

Auch Verletzungen und Erkrankungen nach dem Anschlag können Ursachen sein

Ursache des PTBS könnte daher nicht ausschließlich das traumatisierende Ereignis sein, sondern auch Verletzungen und Erkrankungen nach dem Anschlag oder zunehmendes gesundheitsschädigendes Verhalten.

Die Betroffenen brauchen auch weiter umfassende Therapien, die alle körperlichen und seelischen Gesundheitsstörungen nach dem Ereignis abdecken, so die Forscher.

Jeder dritte traumatisierte Angestellte bekam PTBS

Weitaus höher als bei den Feuerwehrmännern ist die PTBS-Prävalenz bei betroffenen Arbeitnehmern, die sich bei dem Anschlag aus den Zwillingstürmen oder der unmittelbaren Umgebung retten konnten. Forscher des Texas Southwestern Medical Centers haben 379 solcher Menschen drei Jahre nach dem Ereignis untersucht (Disaster Med Pub Health Preparedness 2011, online 7. September).

169 von ihnen hatten ein traumatisierendes Erlebnis (nach DSM-IV-TR) wie Lebensgefahr beim Zusammenbruch der Türme oder Flucht vor fallenden Trümmern.

41 waren Augenzeugen des Disasters, sie sahen Schwerverletzte, Stürze aus den Türmen, Leichen und Körperteile. Weitere 26 hatten Angehörige mit einem traumatischen Erlebnis.

Ähnlich hohe Rate wie bei den Überlebenden des Bombenanschlags in Oklahoma City

Insgesamt litten 35 Prozent der direkt selbst gefährdeten Überlebenden drei Jahre nach dem Ereignis an einer PTBS, berichten die Wissenschaftler. Die Rate sei dabei ähnlich hoch wie bei Überlebenden eines Bombenanschlags in Oklahoma City mit 168 Toten im Jahr 1995.

"Nach solchen Terroranschlägen ist wahrscheinlich bei etwa einem Drittel der direkt betroffenen Überlebenden mit einer PTBS zu rechnen", so die Forscher.

Anhand der Daten lasse sich möglicherweise auch das Ausmaß seelischer Störungen in anderen traumatisierten Gruppen wie Soldaten aus Krisengebieten abschätzen.

Zum Special "9/11 - Zehn Jahre danach"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Sind Computer bald die besseren Therapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »

Kollege Computer, übernehmen Sie!

Eine computer-basierte Verhaltenstherapie kann Insomnie-Patienten den Schlaf zurückgeben. Der Erfolg ist ähnlich gut wie durch menschliche Therapeuten, bescheinigt ein kalifornischer Professor. mehr »

Kein frisches Geld in Sicht

Die umfassende Studien-reform soll zunächst ohne zusätzliches Geld auskommen. Darauf haben sich Bund und Länder geeinigt, wie aus dem vertraulichen Papier hervorgeht. mehr »