Ärzte Zeitung online, 10.09.2011

Erinnerungen: "New York im Ausnahmezustand, tieftraurig, Tränen und Staub überall"

Dr. Michael Otto flog zwei Tage nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center nach New York. Er begriff erst, als er 50 Meter von den Trümmern entfernt am Ground Zero stand, wie groß das Ausmaß dieser Katastrophe war.

Erinnerungen: "New York im Ausnahmezustand, tieftraurig, Tränen und Staub überall"

Am Abend des 13.9.01 saß ich vor dem Fernseher, wie wohl jeder in Deutschland. 9/11 war 2 Tage her.

Vorweg: Ich hatte gerade eine Spezialausbildung in CISM (Critical Incident Stress Management) über die Stiftung Mayday gemacht. Wir betreuen ausschließlich fliegendes Personal nach kritischen Ereignissen.

Gegen 20 Uhr klingelte mein Telefon. Ich wurde gefragt, ob ich noch in derselben Nacht mit einem Team von 50 Personen mit einer Sondermaschine der Lufthansa nach Gander/Neufundland fliegen könne, um die dort gestrandeten LH Crews und Passagiere zu betreuen.

Ich sagte sofort zu, musste kurzfristig meine Praxiszeiten umorganisieren und einen Ersatz für meinen KV Notdienst organisieren. Hatte alles geklappt. Zwei Stunden nach dem Anruf saß ich in einer LH Maschine voller Post auf dem Weg nach Frankfurt, wo ich den Rest der Gruppe traf (...).

Gegen 2 Uhr startete unsere humanitäre Mission in einem mit Decken, Trinkwasser, Windeln und vielen anderen Hilfsgütern beladenen Airbus A 319 Richtung Neufundland, mit einem Tankstopp in Keflavík/Island. Beim Anflug auf Gander sah man schon von Weitem ca. 70 Großraumflugzeuge wie auf einer Perlenschnur aufgereiht entlang der Startbahn stehen. Ein unwirklicher Anblick auf diesem kleinen Militärflughafen. Darunter waren auch drei Lufthansa Maschinen, um die es uns ging.

Nach der ersten Sondierung der Lage, die weitaus besser war, als man im Krisenstab der Lufthansa vermutete, teilten wir die Gruppe. Die Hälfte blieb in Gander, der Rest - auch ich - flog weiter nach Halifax/Kanada, wo eine ähnliche Situation vorlag. Wir halfen dort Passagieren und den Crews. Die ersten flogen schon wieder heim.

Kurz entschlossen und mit Genehmigung der Stiftung Mayday und Lufthansa versuchten drei Kollegen und ich nach New York zu kommen. Dort müssten die Crews vielleicht noch eher Probleme haben, bei denen wir helfen könnten. Zufällig traf ich einen United Airlines Kapitän, dem ich von unserem Anliegen erzählte. Ohne große Formalitäten sorgte er dafür, das wir mit ihm nach New York fliegen konnten. Er flog die erste Maschine, die wieder in den US Luftraum einfliegen durfte.

Wir waren am Ziel. Bereits beim Anflug auf New York sah man immer noch eine Rauchsäule vom Ground Zero aufsteigen. Beklemmung machte sich in uns übernächtigten Helfern breit. An Bord weinten viele Menschen, eine hochemotionale Situation.

Unser Flieger wurde von Bodenmitarbeitern mit lautem Beifall begrüßt, jeder von den Passagieren bekam eine Rose geschenkt.

Ein Kollege und ich blieben und Manhattan, die beiden anderen fuhren nach Newark, um dort die gestrandeten Lufthansa Crews zu betreuen. Das gelang ganz gut.

Am Sonntag bin ich dann selbst zum Ground Zero gegangen. Ich erlebte ein New York im Ausnahmezustand, tieftraurig, Tränen und Staub überall. Als ich dann ca. 50 Meter von den Trümmern entfernt stand und das ganze Ausmaß dieser Katastrophe begriff, musste auch ich weinen. Diesen Anblick werde ich nie vergessen.

In der Nacht von Montag auf Dienstag sind wir vier Kollegen mit einer Linienmaschine der Lufthansa wieder in die Heimat geflogen, tief bewegt und voller Eindrücke, die sich ins Gehirn eingebrannt haben.

Zum Special "9/11 - Zehn Jahre danach"

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