Ärzte Zeitung online, 10.09.2011

Erinnerungen: "Ich wollte nichts sehen, nicht mitfühlen - nicht mitleiden"

Manuela Katzer berichtet, dass ihr die Terroranschläge sehr nahe gingen - und auch heute noch tun. Oft fragt sie sich, ob sie den Hintermännern, die nach solchen Unglücksschlägen die Leichen "zusammensetzen" eine Dankeskarte schreiben soll.

Erinnerungen: "Ich wollte nichts sehen, nicht mitfühlen - nicht mitleiden"

Ich war in Sachen Selbsthilfegruppe unterwegs; es war ein sehr schöner sonniger Herbsttag in Würzburg und Umgebung. Mein Mann holte mich vom Bahnhof ab und erzählte mir dieses Unglück. Ich konnte es nicht glauben, ich wollte es nicht glauben.

Ich wollte mich damit nicht beschäftigen. Ich weiß noch, wie ich sagte, wenn das tatsächlich passiert ist, kommt das auch morgen noch in den Nachrichten, ich will mir die heute nicht ansehen.

Ich nahm mir vor, es ad acta zu legen, wie so viele Unglücksschläge. Mich nicht damit auseinandersetzen, nicht mitfühlen und so nicht mitleiden. Aber die Berieselung in den nächsten Tagen hörte nicht auf, von allen Seiten wurde berichtet.

Zu dieser Zeit half ich in der Küche bei einem Bau. Mir erzählte einer, als er das im Radio hörte, setzte er sich hin und weinte. Er und weinen? Ist das also tatsächlich so schlimm?

Da wurde mir bewusst, dass ich schon selbst sehr wohl von diesen Gefühlen besetzt war, die ich nicht wahrnehmen wollte. Die Erzählung war wie ein Schlag, der die Mauer einschlug und mir sagte, "so sieht es tatsächlich in dir aus". Ich war eigentlich betäubt, erstarrt, "verschüttet" und die automatisierte Maske verblendete auch mich.

Ein paar Jahre später las ich einen Krimi von Katy Reichs, eine der 50 besten Anthropologen der USA, die u.a. auch dort tätig war, um verschüttete Menschen zu identifizieren. Grob gesagt war ihr Job: Knochen zusammen setzen. In einem der Bücher schrieb sie, dass zwar die Polizei sagte, der und der wurde identifiziert, aber es war ja nicht die Polizei.

Es waren Pathologen, Anthropologen etc. Von diesen "Hintermänner" weiß fast keiner was. Und dass sie sich über jede Aufmerksamkeit (z.B. eine Karte mit Dankeschön) sehr gefreut und ermuntert gefühlt haben. Jedes Mal, wenn ich eines ihrer Bücher in die Hand nehme, muss ich daran denken.

Wenn es wieder ein Unglücksschlag gab, wo Menschen identifiziert werden musste, kommt mir in den Sinn, dass es solche Hintermänner und -frauen gibt. Ob ich mich mal trauen sollte, ihnen auch eine Dankeskarte zu schreiben?

Auch wenn ich sie nicht kenne, aber trotzdem weiß, dass es sie gibt. Auch wenn ich nicht betroffen bin, aber trotzdem ihre Arbeit und Nerven hoch einschätze.

Es ist schon zehn Jahre her, aber die wiederholenden Bilder, wie die Flugzeuge in die Türme flogen, sind so gegenwärtig, als wäre es gestern gewesen. Ich find jeden Witz darüber verletzend. Ich möchte aber zwischen Witz und Galgenhumor schon unterscheiden, letzterer ist zum Leben irgendwie notwendig.

Mich hat das so empfindlich gemacht, dass ich es als sehr verletzend empfinde, dass durch den Verlust so vieler Menschen, die persönliche Dramatik jedes einzelnen dort - ob überlebt oder gestorben - ein Film gedreht wurde. Dass Geld an dem grausamen Unglück verdient wird.

Vielleicht wird das bei anderem auch so gemacht, aber mir war/ist das nicht so nah. Es gibt "Twister" u.ä. Filme. Ich hab mich nie damit auseinandergesetzt, ob das wahrheitsbezogen oder die Wahrheit Grundlage für den Film ist. Aber 9/11 - nein, ich find das einfach taktlos, respektlos, pietätlos.

Ich weiß, dass ich für so etwas zu übersensibel bin. Ich will es auch nicht weiter ausführen, um keine Retraumatisierung erleben zu müssen, aber ich wollte die Chance durch Ihr Angebot nutzen, kurz über meine Gefühle und Gedanken von heute noch "auszusprechen" bzw. niederzuschreiben. Vielleicht. ist das ja auch so etwas wie ein therapeutischer Effekt.

Zum Special "9/11 - Zehn Jahre danach"

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