Ärzte Zeitung, 11.06.2010

Deutsche Elf topfit vor dem Auftaktspiel gegen Australien

Jetzt geht‘s los: Die deutsche Nationalmannschaft hat sich vor dem Start zur Fußball-WM mit ganz speziellen Trainingsmethoden vorbereitet.

Von Pete Smith

Deutsche Elf topfit vor dem Auftaktspiel gegen Australien

Training in Südafrika: das DFB-Nationalteam ist für den WM-Auftakt gerüstet.

© v.d. Laage/imago

Turniere wie die Fußball-WM in Südafrika stellen die Profis vor besondere Herausforderungen. Drei Vorrundenspiele und im besten Fall vier Finalspiele - da müssen die Spieler 100-prozentig fit sein. Wie haben sich die deutschen Kicker auf die Endrunde vorbereitet?

"90 Prozent des Fitnesstrainings geschieht in den Clubs", macht Professor Tim Meyer, Arzt der deutschen Nationalmannschaft, klar. Bundestrainer Joachim Löw und sein Team betreuten die Mannschaft danach in den Trainingslagern vor der WM und während des Turniers, also insgesamt sieben bis neun Wochen lang. "Durch die besonderen Trainingsmethoden unserer Fitnesstrainer gewinnen die Spieler an Kraft und Schnelligkeit und stabilisieren ihren Rumpfbereich. Das ist besonders wichtig beim Dribbeln und bei schnellen Wendungen."

Die "besonderen Trainingsmethoden" hat Jürgen Klinsmann bei seinem Amtsantritt als Bundestrainer 2004 eingeführt. Damals leitete er einen Kurswechsel ein, bei dem der körperlichen Fitness mehr Gewicht beigemessen wurde als von seinen Vorgängern. Aus diesem Grund engagierte Klinsmann ein Team um den US-Fitnesstrainer Mark Verstegen und ließ individuelle Trainingspläne zur Verbesserung des Bewegungsablaufs entwickeln. Anfangs wurde er kritisiert, heute zweifelt niemand mehr am Sinn seiner Reformen.

Deutsche Elf topfit vor dem Auftaktspiel gegen Australien

Klinsmann hat einen Neuanfang gewagt

"Man mag über seine Arbeit denken, was man will", betont Klaus Eder, leitender Physiotherapeut im deutschen Team, "aus medizinischer Sicht war es unheimlich wichtig, dass Klinsmann diesen Neuanfang gewagt hat." Schließlich habe sich die Spielweise im Berufsfußball dramatisch verändert. "Früher hat ein Profi im Spiel rund 2000 Meter zurückgelegt", so Eder. "Bei der EM 2008 waren es 15 000 bis 16 000 Meter. Dazu kommen die ständigen Richtungswechsel, das dauernde Mitdenken für den Nebenmann." Möglicherweise liegt hier auch der Grund dafür, warum das Durchschnittsalter der deutschen Bundesligaspieler in den vergangenen Jahren deutlich gesunken ist, wie der "Kicker" errechnet hat.

Der häufig geäußerten Meinung, Fußball-Profis seien durch das intensive Training und die vielen Pflichtspiele allzu stark beansprucht, widerspricht Mannschaftsarzt Meyer. "In Deutschland herrscht noch immer eine gewisse Angst vor Intensitäten", so Meyer. "Dabei glaube ich nicht, dass intensivere Trainingseinheiten unbedingt zu einer höheren Beanspruchung der Spieler führen." Verschlissen würden Fußballstars dagegen durch PR-Termine und lange Reisen. "Nicht die hohen Trainingsintensitäten, sondern die Stressfaktoren rund um den Fußball sind die Belastungsfaktoren. Vor allem für die Topspieler herrscht da eine große Beanspruchung."

Meyer plädiert gar für eine Intensivierung des Trainings. "Da ist bei den Spielern - auch im Spitzenfußball - die Grenze noch nicht erreicht." Dabei gehe es in erster Linie um eine verbesserte Belastbarkeit.

Zur selben Einschätzung ist auch der norwegische Sportphysiologe Professor Jan Hoff von der Universität Trondheim gelangt, der in den vergangenen Jahren mit großen Mannschaften wie FC Barcelona, Real Madrid und Manchester United zusammen gearbeitet hat. Seine These: Die physiologische Leistungsfähigkeit des Profispielers ist noch deutlich steigerbar, sowohl im Ausdauerbereich als auch bei der Sprintfähigkeit. "Viel hängt heute immer noch vom Trainer ab, und leider allzu oft lehrt der, was er selbst als Spieler erlebt hat", erklärte Hoff auf einem DFB-Kongress im Vorfeld der WM. "Das aber bedeutet Stagnation."

Laufleistung pro Spiel deutlich gesteigert

Der Norweger glaubt, dass gerade im Trainieren von Ausdauer und Kraft noch deutlich mehr erreicht werden könnte. Schnelligkeit und Sprungfähigkeit definiert der Norweger als "Kraft-Derivate". Seine Forschungsergebnisse leiten ihn wie Meyer zu der Empfehlung, das Training der Kicker zu intensivieren. Die adäquate Methode für ein erfolgreiches Ausdauertraining sieht Hoff beispielsweise in viermal vierminütigen Sequenzen auf nahezu maximaler Belastung bei einer dreiminütigen aktiven Erholung. "Damit haben wir die Laufleistung der Spieler von Rosenborg im Schnitt pro Spiel um 1,7 Kilometer steigern können. Das ist, als hätten sie einen Spieler mehr auf dem Platz. Und wir haben fast 80 Prozent unserer Tore in den letzten 20 Minuten des Spiels erzielt."Hoffs Studien belegen, dass - entgegen eines verbreiteten Vorurteils im Sport - das Ausdauertraining keineswegs zu einem Verlust der Sprintstärke führt. Zur Verbesserung der Sprintleistung mussten die Spieler Gewichte stemmen. Dadurch seien sie nicht nur schneller geworden. "Unsere Spieler konnten noch mal 900 Meter mehr laufen im Spiel, weil sie sich nun bei jeder Bewegung auch kräftemäßig weniger verausgaben mussten."

Die Vorbereitung auf die WM in Südafrika folgte jenem Kurs, der dem Sommermärchen von 2006 vorausging. Methoden, die damals belächelt wurden, sind heute selbstverständlich. Ihr Erfolg ließ sich schon im Vorfeld der WM am hervorragenden Fitnesszustand der Spieler ablesen. Kein Wunder, denn heute haben nahezu alle großen Clubs entsprechende Fitness-Spezialisten im Team.Seit Klinsmanns Reform sind erst sechs Jahre vergangen. "A crazy road", nennt Shad Forsythe, US-amerikanischer Fitnesscoach der deutschen Nationalmannschaft, diese Spanne. Verrückt, aber effizient.

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