Ärzte Zeitung, 16.06.2010

Nichts geht ohne Teamärzte und Physiotherapeuten

Ein Stab an Betreuern versorgt die deutsche Mannschaft in Südafrika. Wichtige Akteure: die Teamärzte Dr. Hans Wilhelm Müller-Wohlfahrt und Professor Tim Meyer.

Von Pete Smith

Nichts geht ohne Teamärzte und Physiotherapeuten

Bereit fürs deutsche Team (von links): Mannschaftsarzt Dr. Hans Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Physiotherapeut Klaus Eder, Physiotherapeut Wolfgang Bunz, Mannschaftsarzt Professor Tim Meyer, Zeugwart Thomas Mai.

© imago/Chai v.d. Laage

KAPSTADT. Die traurigste Nachricht musste Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ausgerechnet Teamkapitän Michael Ballack übermitteln. Jener hatte sich, nachdem er im englischen Pokalfinale schwer gefoult worden war, beim Orthopäden der deutschen Fußballnationalmannschaft einer Kernspintomografie unterzogen.

Ballacks WM-Aus konnte Müller-Wohlfahrt zwar nicht verhindern, was seinem Ruf als Wunderheiler jedoch keinen Abbruch tat. Der 1942 in Leerhafe in Niedersachsen geborene Arzt ist der bekannteste Mediziner im DFB-Team. Während ihn aktive und ehemalige Spitzensportler wie Lothar Matthäus und Boris Becker über den Klee loben, tun sich manche Kollegen schwer mit ihm - vor allem wegen seiner Dauer-Präsenz in den Medien und seinem Einsatz für Nahrungsergänzungsmittel, die er mit eigener Firma vertreibt.

Müller-Wohlfahrt hat in Kiel und Innsbruck Medizin studiert und am Rudolf-Virchow-Krankenhaus in Berlin seinen Facharzt in Orthopädie absolviert. Nach seiner Promotion 1971 war er zwei Jahre Teamarzt bei Hertha BSC Berlin, bevor er zum FC Bayern nach München wechselte. Seither sitzt "Mull", so sein Spitzname unter Spielern und Kollegen, während der Bayern-Spiele neben Trainer und Spieler auf der Bank. 1995 berief ihn der DFB ins A-Team.

Unvergessen sind jene Momente, da Müller-Wohlfahrt mit Koffer und wehenden Haaren auf den Platz eilt, um einen verletzten Spieler zu behandeln. Dabei sieht man dem ehemaligen Fünfkämpfer sein Alter nicht an. Auch mit 67 ist er fitter als die meisten seiner Kollegen.

Komplettapotheke in drei Koffern

In seiner 1600 Quadratmeter großen Praxis in München lassen sich Spitzensportler aus aller Welt behandeln. Die Medizin, so sagt er selbst, sei sein Leben: "Ich habe sonst keine Leidenschaft."

Ein weiterer Arzt auf der deutschen Trainerbank: Professor Tim Meyer hat in Südafrika drei große silberfarbene Koffer im Gepäck: seine "Komplettapotheke", wie sie der Teamarzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nennt. Meyer, seines Zeichens Internist, ist während des Turniers zuständig "für alles, was nicht orthopädisch ist" - also beispielsweise Infektionen, Allergien, Hauterkrankungen, Magen- oder Darmprobleme. Daher hat er seine Apotheke sorgsam zusammengestellt: für die 23 Spieler im Kader ebenso wie für mehr als 20 Betreuer.

"Medikamente gibt es zwar auch in Südafrika", erklärt Meyer, der als Nachfolger von Professor Wilfried Kindermann Ärztlicher Direktor des Instituts für Sport- und Präventivmedizin an der Uni des Saarlandes ist. "Wir wollen aber nicht wegen jeder Halstablette in die Apotheke gehen."

Egal ob Halspastillen, Herzmedikamente, Schmerz- oder Grippemittel - jedes der etwa 100 Präparate seiner Apotheke musste Meyer für den Zoll deklarieren. Darüber hinaus musste er die kompletten medizinischen Unterlagen beim Weltfußballverband FIFA einreichen.

Medizinische Herausforderungen erwartet Meyer keine, da man die Temperaturen in Südafrika derzeit mit den Frühlingstemperaturen hierzulande vergleichen könne und die Hygiene im Hotel gut sei. "Südafrika ist, abgesehen von kleinen Gebieten, kein Malaria-Land, auch Infektionskrankheiten sind dort für die Mannschaft kein besonderes Problem, deshalb sind die Spieler mit den üblichen Impfungen plus Hepatitis-A-Impfung gut versorgt."

Und noch einen Teamarzt gibt es, der in Südafrika mit dabei ist: Dr. Josef Schmitt scheut allerdings das Rampenlicht. Der Orthopäde, Spezialist für Hüft- und Kniegelenke, nimmt sich selbst gern zurück und stellt die Mannschaftsleistung in den Vordergrund. Schmitt ist seit 1982 für den Deutschen Fußball-Bund tätig und hat seither zweimal die Olympia-Auswahl der deutschen Kicker und später die U 18- und U 19-Auswahl des DFB betreut. Seit 1996 ist er neben Professor Tim Meyer und Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt für das A-Team zuständig.

Ein Allrounder in der deutschen Mannschaft

Josef Schmitt ist der Allrounder im DFB-Team. Zu seinen Aufgaben zählen die Primärversorgung bei Verletzungen, die chirurgische Wunderversorgung sowie die Unterstützung der Physiotherapeuten. Außerdem könnte der "Sepp", wie er von Kollegen genannt wird, auch selbst operieren.

Und schließlich mit dabei: Physiotherapeut Klaus Eder. Er gehört dem DFB-Team bereits seit 20 Jahren an. Seine Karriere bei der Nationalmannschaft startete er 1988 unter dem damaligen Teamchef Franz Beckenbauer. Gerade erst zwei Jahre im Amt, erlebte er schon den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere: den Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft in Italien 1990.

Eder wurde 1953 in Regensburg geboren. Bereits im Alter von 20 Jahren erwarb er das Staatsexamen als Physiotherapeut, vier Jahre später legte Eder das Examen als Sportphysiotherapeut ab. 1988 übernahm er das Reha-Zentrum seiner Eltern in Donaustauf bei Regensburg, in der sich heute nicht nur Bundesligaprofis, sondern auch Leichtathleten, Wintersportler und Tennisprofis regelmäßig behandeln lassen.

Kurz vor der Europameisterschaft 1988 holte Beckenbauer den ausgewiesenen Experten ins DFB-Team, wo er heute neben Wolfgang Bunz, Christian Huhn und Christian Müller die Abteilung für Physiotherapie repräsentiert.

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