Ärzte Zeitung, 23.06.2010

Der Fußball-Fan - das (un)bekannte Wesen

Der Fußball-Fan - das (un)bekannte Wesen

Für Deutschland geht es heute gegen Ghana um 20.30 Uhr um alles: Weiterkommen oder raus aus dem Turnier. Der 12. Mann auf dem Platz ist dabei der Fan zu Hause. Und dabei gilt: Fan ist längst nicht gleich Fan!

Deutschland im Fußballtaumel: Mehr als 30 Millionen Menschen sahen den Sieg der DFB-Elf gegen Australien, weit mehr als 20 Millionen waren es bei der mittäglichen Niederlage gegen Serbien. Wie viele werden es wohl heute Abend gegen Ghana werden? Vor dem heimischen Fernseher oder beim Public-Viewing sind keine Bürger - nur noch Fans, möchte man meinen. Eine Auswahl:


Der WM-Fanatiker

Der Fußball-Fan - das (un)bekannte Wesen

Verklärter Blick und ein lautes "Schland" in der Kehle: Die deutschen Fans stimmen sich auf das Gruppenspiel ein.

© dpa

Man erkennt ihn sofort: Er ist ungewaschen, läuft ständig im Deutschland-Trikot herum oder besitzt Shirts aller WM-Teilnehmer und trägt diese passend zu den Spielen. Zur WM nimmt er sich vier Wochen Urlaub. Keine, wirklich keine Partie entgeht ihm. Selbst für unbedeutende Kicks wie Slowakei gegen Neuseeland lässt er die Hochzeitsfeier seiner Schwester sausen. Er kennt sämtliche Spieler aller 32 WM-Teilnehmer auswendig, inklusive deren Jugendvereine. Hat ein enzyklopädisches Wissen (wer hat den ersten Elfmeter der WM-Historie verwandelt?) und besitzt Pay- TV-Abos für Bundesliga, zweite Liga, mehrere europäische Ligen sowie die Copa América. Er ernährt sich während des Turniers hauptsächlich von Bier, Grillwürstchen und Chips. Sein Trauma: Ein Tor zu verpassen, weil er eben doch mal aufs Klo musste.


Der Spaßverderber-Fan

Auch bekannt als "Wolf in der Schafskneipe". Man schaut gemütlich mit Freunden in der Kneipe das nervenaufreibende Deutschlandspiel, alles ist schwarz-rot-gold - nur einer nicht. Tatsächlich sitzt da ein Fan der gegnerischen Mannschaft. Okay, ganz locker bleiben, Völkerverständigung funktioniert schließlich auch unter Fußball-Fans. Blöd nur, wenn genau dieser eine Fan ganz allein richtig Party für sein Land machen will. Und immer dann jubelt und grölt, wenn alle anderen frustriert in die Tischkante beißen - im schlimmsten Fall kommt dann noch der Verdacht auf, dass der gar kein Italiener/Argentinier/Serbe ist, sondern einfach nur einer, dem es Spaß macht, den Schwarz-Rot-Gold-Seligen in die Fußballsuppe zu spucken. Nächstes Mal schaut man wieder zu Hause - mit strikter Einlasskontrolle.


Der multinationale Wendehals

Im Zeitalter von Multikulti und doppelter Staatsbürgerschaft sind die Loyalitäten nicht immer ganz klar. Luigi (34) ist in Deutschland geboren, und seine Freunde hegen den Verdacht, dass sein Italienisch nicht ganz so akzentfrei ist wie er vorgibt. Dennoch liegen seine Sympathien immer erst mal beim Land seiner Väter. Wenn die Italiener dann aber wider Erwarten mal nicht so eine bella figura abgeben, sieht man ihn plötzlich schwarz-rot-goldene Fähnchen schwenken. Bei Nachfragen geht er sofort in die Offensive: "Ey, ich bin genauso Deutscher wie du oder hast du damit irgend'n Problem?"


Der Alle-vier-Jahre-Fan

Schaut nur zu Großereignissen wie der WM oder der EM, also maximal alle zwei Jahre, ernsthaft Fußball. Liest dann den Sportteil, der sonst im Altpapier landet. Zu erkennen an Fragen wie "Warum ist Kuranyi nicht dabei?", "Waren die Fußballerhosen schon immer so lang?" oder "Wer ist eigentlich dieser Thomas Müller?" Hat immerhin gelernt, was Abseits ist und dass der Torwart Pässe aus der eigenen Mannschaft nicht mit der Hand aufnehmen darf. Übernimmt ungeprüft Thesen von Günter Netzer oder Jürgen Klopp. Pünktlich zum Anpfiff fällt ihm auf, dass der Fernseher schon 20 Jahre alt ist. Er/sie will einen Neuen kaufen, kann sich aber zwischen den 200 Flachbildschirmen im Elektronikmarkt nicht entscheiden. Guckt trotzdem alles, was läuft, zum Beispiel Griechenland - Südkorea beim Bügeln.


Der Ich-mache-mich-beliebt-Fan

Diese Spezies der WM-Gucker gibt es wohl in erster Linie unter Frauen. Sie wollen den männlichen WM-Fans imponieren und werfen sich in schwarz-rot-goldene Schale, büffeln Fachwissen rund ums Löw-Team und ertragen tapfer, dass sie während, vor und nach einem WM-Spiel nur Fußballkommentare von sich geben dürfen - und kein einziges Wort mehr. Das tun sie in der Hoffnung, einen positiven Eindruck bei der fußballschauenden Runde zu hinterlassen. "Wow, die Kleine kennt sich ja voll aus", könnte der attraktive Mann mit der Bierdose in der Hand dann denken - und schon steht dem möglichen Liebesglück eine Hürde weniger im Weg. Blöd nur, wenn die Dame seines deutschen Herzens dann auch künftig jedes Spiel (Bundesliga, zweite Liga und die Spiele des Herzbuben in der Dorfliga) mit geheucheltem Enthusiasmus gucken muss.


Der Anti-Fan

Das Wort Fan trifft auf ihn eigentlich gar nicht zu. Er ist zwar fanatisch, aber nur in seinem Fußball-Hass. Die WM auf allen Kanälen nervt ihn, Deutschlandfahnen an Balkonen und Autos sind ihm zuwider. Am liebsten würde er vier Wochen Urlaub machen, irgendwo in der Fußball-Diaspora - also in Vatikanstadt oder Österreich. Wenn das nicht geht, achtet er peinlichst darauf, nicht mit Fußball in Berührung zu kommen. Bei Deutschlandspielen spaziert er einsam und glückselig durch den Park, selbst bei größter Not (Hunger, Durst, Blasedruck) boykottiert er Kneipen mit Fußball-TV, im Büro greift er zu Ohropax gegen Vuvuzela-Terror, aus Protest schaut er sogar Rosamunde-Pilcher-Filme und den "Musikantenstadl" parallel zum WM-Wahnsinn. Seine größte Freude: Den enttäuschten Kollegen und Nachbarn nach dem deutschen Ausscheiden beim Abhängen der Fahnen zuzuschauen. (dpa)

Weitere Berichte zur FIFA WM 2010 und Informationen zum WM-Tippspiel finden Sie auf unserer Sonderseite

 

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