Ärzte Zeitung online, 06.07.2010

Fußball als "Weißer Sport": Doping kein Thema?

Fußball als "Weißer Sport": Doping kein Thema?

JOHANNESBURG (dpa). 496 Kontrollen - alle negativ. Der Fußball scheint im mit Doping verseuchten Spitzensport eine Insel der ehrlichen Gutmenschen zu sein. Auch beim Aufeinandertreffen der Topstars in Südafrika war bisher alles sauber. Die FIFA sagt, sie tue alles gegen Doping.

Von Arne Richter

John Fahey freute sich. Einen Fußball mit allen Unterschriften der südafrikanischen Nationalmannschaft bekam der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA vor dem WM-Auftakt am Kap vom Weltverband FIFA geschenkt. Das gute Stück soll im Hauptquartier der WADA in Montreal einen Ehrenplatz bekommen.

Es ist noch nicht lange her, da machten sich FIFA und WADA keine Geschenke. Der Fußball tat sich schwer, die klar formulierten Leitlinien der obersten Dopingbekämpfer anzuerkennen. Das ist heute ganz anders. Die FIFA sieht sich als Vorreiter für einen dopingfreien Spitzensport und präsentiert bei jeder Gelegenheit ihre schon unwirklich positiv erscheinende Bilanz.

Auch bei der WM in Südafrika ist alles sauber. Die bis zu den Viertelfinalspielen genommenen 240 Turnierproben waren alle negativ, teilte die FIFA am Dienstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa in Johannesburg mit. Bei jeder WM-Partie wurden je zwei Spieler pro Mannschaft mit Blut- und Urinproben kontrolliert. Bereits im Vorfeld des Turniers in Südafrika hatte der Fußball-Weltverband 256 Trainingskontrollen vorgenommen. Auch dabei wurden keine Verstöße gegen die Anti-Dopingbestimmungen festgestellt.

In Trainingslagern in Europa und Südafrika rückten die FIFA-Kontrolleure an und wählten nach Zufallsprinzip acht Akteure pro WM-Team aus. "Die Mannschaften waren sehr kooperativ. Alles verlief problemlos", berichtet Jiri Dvorak. Der Chef-Mediziner der FIFA verkündet gerne solche Nachrichten. Die weiße Mähne zurechtgeföhnt, ist der Doktor ein Experte der positiven Darstellungskunst.

Im Jahr vor der WM wurden bei FIFA-Spielen weltweit 40 000 Dopingproben genommen - alle durch Labors der WADA gegengecheckt. Seit 2004 wurde die Anzahl der Kontrollen verdoppelt. Im Schnitt gab es pro Jahr etwa 80 positive Fälle - die meisten wegen üblichen Drogenkonsums wie Marihuana oder Kokain. Die Rate der ertappten Spieler, die durch anabole Steroide betrügen wollten, lag bei 0,01 Prozent pro Jahr. Prominente Spieler? Fehlanzeige - lautet die stolze FIFA-Bilanz.

Aber: 2005 beim Confederations Cup in Deutschland wurden die Mexikaner Aaron Galindo und Salvador Carmona überführt. Bei einer WM gab es bisher nur einen bekannten Dopingsünder. 1994 versuchte ein gewisser Diego Armando Maradona, sich mit Ephedrin zu besserer Leistung zu pushen. Alles Einzeldelikte, sagt die FIFA - gerade an den Maradona-Fall wollte man angesichts des Hypes um den heutigen Argentinien-Trainer in Südafrika nicht so gerne erinnern.

Und grundsätzliche Restzweifel bleiben. Noch nie war der Fußball so athletisch. Noch nie war die Ausdauerleistung der Spieler so prägnant. In Italien sind bei Juventus Turin Dopingpraktiken aus der Zeit um die Jahrtausendwende belegt. Der spanische Dopingarzt Eufemiano Fuentes soll Kontakte zu Spitzenspielern bestätigt haben. Beweise gibt es nicht. Namen schon gar keine. Dafür die üblichen Erklärungen, dass klassisches Doping dem Fußballer wegen komplexer Bewegungsabläufe nichts bringt. "Es gibt keine Dopingkultur im Fußball", sagte Michel D'Hooghe, Mediziner und FIFA-Exekutivmitglied - bevor er mit Dvorak den WM-Ball an Fahey überreichte.

Weitere Berichte zur FIFA WM 2010 und Informationen zum WM-Tippspiel finden Sie auf unserer Sonderseite.

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