Ärzte Zeitung online, 16.03.2011

Fukushima außer Kontrolle: Lage "sehr schlimm"

Fukushima außer Kontrolle: Lage "sehr schlimm"

Es müssen Szenen wie in einem Albtraum sein, die sich im japanischen Katastrophen-AKW Fukushima abspielen: Techniker wollen mit Hubschraubern Wasser auf den Reaktor 4 schütten und so die Brennstäbe kühlen. Zuvor gab es eine weitere Explosion. Der Betreiber spricht von einer "sehr schlimmen" Lage. Die Angst vor Radioaktivität wächst.

TOKIO (dpa). Verzweifelt kämpfen die letzten 50 Arbeiter im Reaktor Fukushima gegen die atomare Katastrophe. Die ganze Hilflosigkeit zeigt der Versuch, mit Wasser aus Hubschraubern die Brennstäbe im havarierten Block 4 zu kühlen.

Zuvor hatte eine Explosion erstmals den inneren Schutzmantel des Reaktors in Block 2 beschädigt. Der AKW-Betreiber Tepco sprach von einer "sehr schlimmen" Lage und warnte vor möglichen Kernschmelzen. Selbst in der japanischen Hauptstadt Tokio wurden bereits erhöhte Strahlenwerte gemessen.

Die Behörden fürchten, dass vier Tage nach dem gewaltigen Erdbeben und dem Tsunami die Zahl der Toten auf über 10.000 steigt. Die offizielle Zahl der Toten stand am Dienstag bei 3373, wie die Zeitung "Japan Times" berichtete.

In Block 4 ist nach einem Bericht des staatlichen Fernsehens NHK geplant, mit Hilfe von Hubschraubern Wasser durch Löcher in das teilweise zerstörte Dach zu schütten, um die Brennstäbe im Innern zu kühlen.

Zuvor war bekanntgeworden, dass sich die Wassertemperatur im Abklingbecken der Brennstäbe bedrohlich erhöht hatte. Als eine Explosion die Hülle von Reaktor 2 beschädigte, stiegen die Strahlungswerte dramatisch. Der Betreiber Tepco war gezwungen, bis auf 50 alle seiner Arbeiter aus dem Kernkraftwerk abzuziehen.

Block 4 ist derzeit der einzige unter den havarierten Meilern, der sich aus technischen Gründen nicht aus unmittelbarer Nähe mit Meerwasser kühlen lässt. Am Dienstag brach dort ein Feuer aus, das kurze Zeit später gelöscht wurde.

In der Außenwand des Reaktorgebäudes klafften nach einer Explosion am Dienstag zwei acht Quadratmeter große Löcher, wie die Nachrichtenagentur Jiji Press unter Berufung auf das Industrieministerium berichtete.

Mittlerweile sind vier der sechs Reaktorblöcke nach mehreren Explosionen schwer beschädigt. Nach Regierungsangaben ist in drei der vier betroffenen Reaktorblöcke eine Kernschmelze möglich.

Über den genauen Zustand der beschädigten Meiler in Fukushima gab es weiter nur unzureichende Angaben. Die Regierung zeigte sich verärgert über die Informationspolitik des Betreibers und richtete einen Krisenstab im Hauptquartier von Tepco in Tokio ein.

Die radioaktive Strahlung im Umkreis des Unglücks-Kraftwerks erreichte unterdessen gefährliche Werte. "Wir reden jetzt über eine Strahlendosis, die die menschliche Gesundheit gefährden kann", sagte Regierungssprecher Edano.

Zeitweise wurden in einzelnen Bereichen des Reaktors nach Edanos Angaben 400 Millisievert (mSv) gemessen. Dies übersteigt den Grenzwert der Strahlenbelastung für ein Jahr um rund das 400-Fache, schrieb Kyodo. Die japanische Regierung stellt in einem ersten Schritt rund 265 Millionen Euro als landesweite Notfallhilfe bereit.

Auch in der 35-Millionen-Metropole Tokio wurden erhöhte Strahlenwerte gemessen. Die Belastung sei um das 22-Fache höher als üblich, berichtete der Fernsehsender NHK.

Viele Bewohner hatten sich aus Angst vor den Folgen des Atomunfalls schon auf den Weg in den weiter entfernten Süden des Landes gemacht.

Das Erdbeben der Stärke 9,0 und der folgende Tsunami hatten am Freitag weite Teile des asiatischen Landes verwüstet. Am Dienstag erschütterten mehreren Nachbeben mit Stärke 6 und mehr das Land.

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